Winnenden

Engpass bei Methadon-Ausgabe droht

Methadonausgabe
Methadon wird getrunken. Es besetzt dieselben Andockstellen im Gehirn wie Heroin, verhindert dadurch also Entzugserscheinungen. © Klaus Rose/dpa

Winnenden. „Wir haben Angst“, sagt Mario. Mario ist drogensüchtig, bekommt seit vielen Jahren Methadon und fürchtet, dass er demnächst ohne Arzt dasteht. Da würde es ihm wie vielen in Baden-Württemberg gehen: Die Landesstelle für Suchtfragen schlägt Alarm. Überall fehlen Methadon-Ärzte. Im Rems-Murr-Kreis sind es zur Zeit fünf. Doch wie lange noch?

Mario (Name von der Redaktion geändert) hat’s probiert: Mehrere Male hat er entzogen. Wollte nicht nur aufs Heroin, sondern auch auf Methadon verzichten. Es hat nicht geklappt. „Mein Kopf hat nicht mitgemacht.“ Seit vielen, vielen Jahren geht er täglich zum Winnender Arzt Horst Schlüter in die Praxis und holt sich seine Dosis ab. Doch Schlüter wird irgendwann, womöglich in greifbarer Zukunft, seine Praxis abgeben. Und dann?

Der Rems-Murr-Kreis steht noch gut da

Fünf Ärzte im Rems-Murr-Kreis geben Methadon aus. Neben Schlüter in Winnenden sind es noch ein Arzt in Backnang, einer in Schorndorf, einer in Rudersberg und einer in Stetten. Diese fünf helfen all den Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis, die regelmäßig Methadon brauchen, weil sie drogenabhängig sind. Sie hatten Heroin genommen.

Horst Schlüter hat rund 80 abhängige Patientinnen und Patienten, im Kreis dürften es etwa 250 bis 300 Menschen sein, schätzt er. Genaue, abgesicherte Zahlen gibt es nicht. Der Rems-Murr-Kreis, sagt Horst Schlüter, stehe noch gut da.

Die Süchtigen sind in größter Not

In Bruchsaal, der 45 000-Einwohner-Stadt im Nordosten von Karlsruhe, so wurde es vor kurzem öffentlich, gibt es derzeit nur noch einen einzigen Arzt, der heroinabhängige Patienten mit Methadon versorgt. Die Süchtigen sind in größter Not. So etwas, sagt Schlüter, sei eine Katastrophe.

Ganz abgesehen von der psychischen Belastung sind auch weite Wege nur schwer zu bewältigen: Drogenabhängige haben meistens keinen Führerschein mehr. Methadon-Neulinge bekommen ihre Ration täglich zugeteilt. Wer schon lang im Programm ist, kann für eine Woche versorgt werden. Diese Menschen arbeiten aber vielleicht längst wieder, haben Familie und damit auch kaum Zeit übrig, um regelmäßig weit zu fahren.

Mario etwa kommt aus Fellbach. Er muss mit der S-Bahn fahren, einen Führerschein hat er nicht. Die täglichen Kosten fürs Ticket sind für ihn ein kleines Vermögen. Doch Mario bekommt von Schlüter keine Wochendosis mit heim. Er braucht zu viel. Zwölf Milliliter. Früher hat die AOK das Ticket gezahlt. Doch das ist schon lang vorbei.

Und dann schwitzt er und hat Schmerzen

Tom (Name von der Redaktion geändert) muss nur wöchentlich in Schlüters Praxis. Er kriegt sein „Take home“, seine Wochenration. Er kommt mit neun Millilitern Methadon am Tag aus. Es gab aber auch andere Zeiten. „Die Dosis“, sagt er, „reicht dir irgendwann nicht mehr. Der Körper braucht es nicht. Aber der Kopf macht dir den Entzug weis.“ Und dann schwitzt er und hat Schmerzen.

Tom hat schon Methadon auf der Straße gekauft. Das gibt’s wie Heroin oder Crack oder Ecstasy. Diese Drogen aber will er nie mehr nehmen. Er hat eine Tochter. Er will nie riskieren, dass er die Verantwortung für sein Kind entzogen bekommt. Eigentlich würde er sehr gern noch mehr Verantwortung übernehmen. Auch für sein eigenes Leben.

Ein Methadon-Leben ist nicht leicht

Doch Arbeit zum Beispiel ist ein Traum, den er bislang nicht verwirklicht hat. Ein Methadon-Leben ist nicht leicht. Wer ein Methadon-Leben führt, braucht extra viel Sicherheit. Denn wenn die sowieso schon angeknackste, drogenabhängige Psyche unter Druck gerät, steigt die Gefahr für Rückschläge.

Derzeit geben nach Auskunft der Landesstelle für Suchtfragen rund 240 Ärzte in Baden-Württemberg Methadon und andere Drogen-Ersatzstoffe aus. In fünf Jahren aber, so fürchtet die Landesstelle, werden es etwa hundert Ärzte weniger sein. Denn die Mediziner haben meist das Rentenalter erreicht.

Die Patienten sind anstrengend, die Bezahlung schlecht

In einem Positionspapier wird von einer „drohenden Versorgungslücke“ geschrieben. Die droht auch im Rems-Murr-Kreis. Bei Horst Schlüter arbeitet zwar längst die Tochter in der Praxis mit, doch ob sie mit der Methadon-Ausgabe weitermachen wird? Viele seiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen, sagt Schlüter, wollen das nicht. Es rückt niemand nach.

Die Patienten, sagt Schlüter, sind teilweise sehr anstrengend. Vor allem am Anfang, wenn sie auf Methadon eingestellt werden müssen, läuft die Behandlung oft nicht reibungs- und aggressionslos. Es gibt Randale, auch Einbrüche. Außerdem ist die Bezahlung schlecht. Hinzu kommt, dass Patienten ihre Dosis Methadon auch am Wochenende brauchen. Und mancher Arzt fürchtet dazu noch, dass die Drogen-Klientel alle anderen Patienten abschrecken könnte.

Patienten müssen regelmäßig getestet werden

Das allerdings kann Horst Schlüter nicht bestätigen. Seine Drogen-Patienten wurden im Laufe der Jahre immer mehr, seine anderen Patienten blieben aber auch nicht weg. Schlüter ist Allgemeinmediziner mit einer Zusatzausbildung zum Substitutionsarzt. Allgemeinärzte ohne diese Zusatzausbildung dürfen auch substituieren, allerdings nur drei Patienten pro Quartal. Mit der Ausgabe der Ersatzdroge ist es allerdings nicht getan. Regelmäßig müssen die Patienten auf andere Drogen getestet werden.

Denn wer Methadon bekommt, darf von Gesetzes wegen, keine weiteren illegalen Substanzen zu sich nehmen. „Beikonsum“ nennt das der Fachmann. Kein Hasch, kein Kokain, weder Ecstasy noch Crack oder was das Drogenlabor sonst noch so hergibt. Bei einem Abendbier würde Schlüter wohl nichts sagen, Alkoholsucht geht auch nicht.

„Dann kommt die Kriminalität wieder“

Früher, sagt Schlüter, war es das Ziel, die Sucht ganz zu besiegen. Methadon wurde nur als Zwischenlösung betrachtet. Längst jedoch sieht die Praxis ganz anders aus. Denn bei zu vielen Süchtigen ging die Entwöhnung, wie etwa bei Mario, schief. Rückfälle sind schrecklich für jemanden, der eigentlich auf dem Weg war, wieder Fuß im Leben zu fassen. „Dann kommt die Kriminalität wieder“, sagt Mario. Deshalb nehmen viele Abhängige Methadon inzwischen ein Leben lang. Wie andere Menschen ihr Herzmedikament.


Die Landesstelle für Suchtfragen fordert Schwerpunktpraxen oder Ambulanzen, um dem drohenden Ärztemangel in der Methadonbehandlung begegnen zu können. Die Methadonausgabe sollte nicht mehr personenabhängig erfolgen, sondern durch eine Institution wie zum Beispiel eine Suchtklinik oder die Zentren für Psychiatrie.

Gegenseitigen Nutzen und die Sicherstellung der Versorgung

Auf niedergelassene Ärzte könne trotzdem nicht verzichtet werden. Es gehe um einen gegenseitigen Nutzen und die Sicherstellung der Versorgung.

Der Einstieg in die Methadon-Substitution könnte, so schlägt die Landesstelle vor, in Fachambulanzen und von interdisziplinären Teams mit Psychologen, Sozialarbeitern und Medizinern übernommen werden. Dann sollten die Patienten an niedergelassene Ärzte übergeben werden. Diese wiederum sollten schwierige Patienten aber auch wieder abgeben dürfen.

Damit die niedergelassenen Ärzte in ihren Praxen keine Probleme mit den Drogenpatienten haben, schlägt die Landesstelle vor, dass die Ärzte in den Fachambulanzen Räume angeboten bekommen. 

Methadon

  • Methadon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid, also künstliches Heroin. Auf den Markt kam es in den 1940er Jahren erst als Schmerzmittel. Seit den 1960er Jahren wird es als Ersatz für Heroin in der Drogentherapie eingesetzt.
  • Methadon wird getrunken. Es besetzt dieselben Andockstellen im Gehirn wie Heroin, verhindert dadurch also Entzugserscheinungen. Allerdings bietet es nicht den Kick, den Heroin den Süchtigen gibt.
  • Methadon kann schwere Nebenwirkungen haben. Patienten klagen über Schlafstörungen oder Müdigkeit, manche schwitzen stark, manche nehmen stark ab, andere nehmen zu.
  • Das Wichtige an der Methadon-Substitution ist vor allem auch, dass die Patienten ihre Ersatzdroge in einem sicheren und überwachten Rahmen einnehmen. Da mit dem Methadon-Programm das Abgleiten in die Kriminalität verhindert werden kann, ist es manchen möglich, ein ganz normales Arbeits- und Familienleben zu führen.