Winnenden

Für die Sonderpädagogik!

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Konrektorin Petra Vögl verdeckt’s zwar gerade, aber dennoch: „Herzlich willkommen“ steht auf der Eingangstür der Bodenwaldschule. Dieses herzliche Willkommen habe viele Kinder, die nach langer Odyssee endlich in der sonderpädagogischen Schule von Rektor Gottfried Götz ihren Platz finden, schon viele Jahre nicht mehr erfahren. © Ralph Steinemann
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Lernen im Grünen: Diese Ritterburg im Bodenwald haben die Kinder der Bodenwaldschule gemeinsam gebaut. Hier findet Unterricht statt. Und wird die Gemeinschaft gelebt. Zum Beispiel mit Rektor Gottfried Götz (Zweiter von rechts). © Ralph Steinemann

Winnenden. Als er vor Jahren seine ersten Schritte auf die Bodenwaldschule im Schelmenholz zu machte, begrüßte ihn ein Bub so: „Was will’sch? I hau dir glei’ die Brill’ aus’m G’sicht!“. Gottfried Götz hat noch heute Jungs ähnlichen Kalibers auf seiner Schule. Und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Sonderpädagogik. Und – ganz gegen den Trend – nicht für Inklusion.

In der Stimme schwang ein Berg von Gefühl und Persönlichkeit mit: Zuneigung, Engagement, Energie, unterdrückter Ärger, Erschöpfung, Enttäuschung. Und der große Wunsch, endlich mal Klartext zu reden. Gottfried Götz, Rektor der Bodenwaldschule im Schelmenholz, rief an, als der zweite Teil der Serie zur Inklusion, in der vom Leben des Zweitklässlers Dimitrios in der Backnanger Tausschule berichtet wurde, gerade erschienen war. Denn so gerne und immer, so sagte er sinngemäß, werde die Inklusion so hochgehalten.

Keiner guckt auf die, die überall scheitern, keine Chance haben

So gerne und immer nur werde über Kinder geschrieben, bei denen die Inklusion klappt. „Vorzeigekinder“, sagte er. Aber keiner, keiner gucke auf diejenigen, die überall scheitern, keine Chance haben, ein Selbstbewusstsein erleiden, das auf einer Skala von null bis zehn bei etwa minus sieben rangiere. Kurz: die ohne sonderpädagogische Schulen nie ihre Schulzeit durchstehen könnten.

Die Probleme aber sind nach wie vor die gleichen

Die Bodenwaldschule gehört zur Paulinenpflege und ist, so heißt es offiziell, ein „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für emotionale und soziale Entwicklung“. Hier kommen Kinder her, die in sozialen Gruppen, also etwa im Kindergarten oder in der Schule, ein Verhalten an den Tag legen, durch das ein Zusammenleben mit den anderen grässlich bis unmöglich wird. „Verhaltensgestört“, sagt Rektor Gottfried Götz, habe man früher halt gesagt. Heute findet man weniger verletzende Worte für die Probleme. Die Probleme aber sind nach wie vor die gleichen.

Karte: Fördereinrichtungen im Rems-Murr-Kreis

Jemanden, der ganz allein für ihn da ist

Draußen auf dem Hof spielt gerade ein Junge Fußball. Er kickt hingegeben, voll konzentriert auf seine Füße und die Salti, die der Ball schlägt, wenn er ihn von der linken zur rechten Schuhspitze jongliert. Mit dabei eine einzelne Sozialpädagogin, die hin und wieder den Torwart gibt. Kein anderes Kind. Eigentlich nämlich ist Unterricht. „Er braucht das jetzt wohl gerade“, sagt Götz. Der Junge braucht frische Luft, Bewegung, Einsamkeit und noch dazu jemanden, der ganz allein für ihn da ist.

Mädchen gehen weniger nach außen

In der Bodenwaldschule sind fast nur Jungs. Bei einigen flogen früher die Fäuste, ging Mobiliar kaputt, waren Vokabular und Geschrei jenseits aller gerade noch zu ertragenden Grenzen. Und sicher ist das auch heute noch manchmal so. Die wenigen Mädchen, die diese Schule besuchen, haben auch keine Hemmung zuzuschlagen. Üblicherweise aber, sagen Götz und seine Konrektorin Petra Vögl, gehen Mädchen weniger nach außen, sondern kehren die Gewalt gegen sich selbst. Sie ritzen sich oder hungern sich runter bis zur Lebensgefahr. Dabei aber stören sie niemanden. Und fallen deshalb nicht auf.

Die Jungs aber fliegen überall raus. Wenn’s für die Kinder gut läuft, geht schon im Kindergarten alles so schief, dass sie bereits zur ersten Klasse in der Bodenwaldschule eingeschult werden. Wenn’s schlecht läuft, machen sie – und alle anderen, die mit ihnen zu tun haben – jahrelange Torturen mit, bis klar ist, dass nur noch die Sonderpädagogik retten kann.

Keine Kraft und Zeit für den Nachwuchs

Zu Götz und seinem Team kommen auch Kinder, deren Eltern große Probleme haben. Oft Kinder, deren Mütter allein erziehen und keine Kraft und Zeit für den Nachwuchs haben. Kinder, die sich in Multimedia-Spielen und im Fernsehen verlieren. Die Schule ist dennoch kein Auffangbecken für allein den unteren Rand der Gesellschaft. Immer mehr Kinder bringen ein Attest mit den Diagnosen „ADHS“ oder auch „Autismus“ mit. Die medizinische Begründung, sagt Götz, macht den Schritt in die Sonderpädagogik für die Eltern deutlich leichter. Ob wirklich immer ein medizinischer Befund der Grund für den Weg in die Bodenwaldschule ist? Da zögert und schluckt Götz. Nein, sagt er. Viel liegt in der Kommunikation und Interaktion von Eltern und Kindern. Viel geht einfach schief. Durch zu hohen Druck und zu große Erwartungen, zu wenig emotionale Zuwendung und Autorität.

Nach Stundenplan aber ohne Stundenläuten

Die Bodenwaldschule liegt direkt am Wald und hat ringsum verschiedene Höfe: einen für die Kleinen, einen zum Kicken, einen mit Trampolin, einen mit Klettergerüsten. In der Bodenwaldschule gibt’s freilich einen Stundenplan aber kein Stundenläuten. Wenn in der Bodenwaldschule eine Klasse nach zwanzig Minuten nicht mehr zu halten ist, geht’s raus in die Natur. In den Klassenzimmern der Bodenwaldschule sind die Tische für ein Kind allein. Sie stehen in geraden Reihen, mit einigem Platz zwischendrin, strikt ausgerichtet nach vorn zu Lehrer und Tafel. Gruppenarbeit, sagt Götz, geht hier nicht. „Unsere Schüler scheitern gerade an Gemeinschaftsschulen.“ Und das, wo doch gerade die Gemeinschaftsschulen als die Schule für alle geträumt wurde. „Dort brauchen die Kinder große Selbstständigkeit und Entscheidungskompetenz.“ Hier dagegen hat der Lehrer die Strippen ganz straff in der Hand. Acht bis neun Kinder sind’s üblicherweise in einer Klasse. Und oft ist – in besonderer Kooperation mit dem Jugendamt – noch eine Sozialpädagogin mit dabei.

„Ich will nicht zurück! Dann werd’ ich wie früher.“

Manche Kinder schaffen unter dieser Anleitung den Weg zurück in die Regelschule. Es gibt aber auch diese Reaktion: „Ich will nicht zurück!“, sagte einer der Buben. „Dann werd’ ich wie früher.“

Die Kinder, die in der Bodenwaldschule ihre Mitte finden, waren – bei aller Inklusion und allem guten Willen – in den Regelschulen ausgegrenzt. Sie waren die Außenseiter, die Aggros. Immer isoliert, immer schuld, immer die Bösen. Hier lernen sie: Ich bin nicht allein. Es gibt andere, denen geht es wie mir. Was für eine Erleichterung.

Manche Kinder kriegen auch Götz und sein Team nicht stabil. Manche landen in der Psychiatrie, werden kriminell, müssen sogar von dieser Schule gehen. Manchmal aber – so ist’s jüngst geschehen – sticht einer auch beim Bewerbungsgespräch um eine Lehrstelle bei Bosch die Gymnasiasten aus.

Der Weg in die Sonderpädagogik

Wenn sich bei Kindern die Frage stellt, ob eine besondere, intensive Förderung guttun und den Weg ins Lernen und Leben erleichtern würde, ist das Vorgehen immer das gleiche:

Der erste Weg führt zur interdisziplinären Frühförderstelle. Die Fachleute kümmern sich um Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen von der Geburt bis zum Schulbeginn.

Interdisziplinäre Frühförderstelle im Rems-Murr-Kreis, Bahnhofstraße 10 in Waiblingen ) 0 71 51/90 54 01 0 iff@diakonie-stetten.de

Ist das Kind schon in der Schule, sollte das erste Gespräch stets mit den Lehrern oder den Beratungslehrern geführt werden. Dann wird im Einvernehmen mit den Eltern die Sonderpädagogische Beratung hinzugezogen. Das läuft über die Schule.

Eltern können sich bei Problemen auch an die Schulpsychologische Beratungsstelle wenden. Hier allerdings liegt der Schwerpunkt auf emotionalen und sozialen Problemen, weniger auf Lernschwächen oder sonstigen Behinderungen.

Schulpsychologische Beratungsstelle Backnang Staatliches Schulamt Backnang Eugen-Adolff-Str. 120, 71522 Backnang spbs@ssa-bk.kv.bwl.de ) 0 71 91/34 54-2 41