Winnenden

Fürs Klima und mehr Unabhängigkeit von Gas: Winnenden setzt auf Heizzentralen

Baustelle Fernwärme
Bau einer Fernwärmeleitung von der Marktstraße zur Wallstraße im Jahr 2018. © Benjamin Büttner

Während der Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck eine Energiepartnerschaft mit Qatar eingeht, um von Russland unabhängiger zu werden, sind die Manager und Planer im Rathaus und bei den Stadtwerken nicht untätig. Der Trend geht in Winnenden klar in Richtung Heizen mit Nah- und Fernwärme. Allerdings schon seit vielen Jahren, nicht erst, seit der Ukraine-Krieg begonnen hat. Seit 2013 sind die Stadtwerke ein vollwertiger kommunaler Energieversorger, der Wasser und Strom, Fernwärme und auch Gas liefert. Aber das reine Tochterunternehmen der Stadt Winnenden setzt eben auch konsequent auf Zukunftstechnologien und erneuerbare Energien. Daher kann Stadtentwicklungsamtsleiter Markus Schlecht für neue Wohnquartiere in Winnenden sagen: „Wir sind nicht auf Erdgas angewiesen.“

Horrende Preise üben Wechseldruck aus

„Unser Ziel ist, dass es immer mehr kleine Heizzentralen im Stadtgebiet gibt“, sagt Markus Schlecht. So können Hausbesitzer sich auch in ein paar Jahren erst von der Öl- oder sogar der Gasheizung verabschieden. „Wo Straßen repariert werden müssen, werden neue Fernwärmeleitungen und Hausanschlüsse verlegt.“ Wenn dann die Brenner in den alten Häusern ausgetauscht werden müssen, entscheiden die Besitzer sich vielleicht für den Anschluss.

Oder sie werden dazu gezwungen: „Ich gehe davon aus, dass sogar eine gesetzliche Anschlusspflicht kommt, wenn es eine klimafreundliche Alternative gibt. Durch die Erfahrung mit dem Ukraine-Krieg könnte das sogar schneller kommen.“ Was Schlecht für Privatleute skizziert, hat die Stadt schon umgesetzt: „Ganz viele kommunale Gebäude sind bereits an die Fernwärme Winnenden angeschlossen“, sagt der städtische Umweltreferent Jürgen Kromer. Auch die horrend gestiegenen Preise könnten ihr Übriges tun, glaubt er. „Dadurch könnte der Druck auf Hausbesitzer steigen: Entweder du beteiligst dich an den steigenden Energiekosten deiner Mieter oder du sanierst dein Haus energetisch und stellst auf klimafreundliche Heizung um.“ So könnte es kommen.

Er hält unter anderem deshalb so viel von der Fernwärme, weil sie nicht nur wie früher mit Öl und Gas erzeugt werden kann, sondern eben auch mit Biomasse (Holzpellets und anderem), Geothermie (Erdwärme) und Solarenergie. Und der Kunde braucht zu Hause nicht einmal Platz für einen Tank oder ein Lager.

Sind Wärmepumpen die Lösung?

Als sehr klimafreundlich und arbeits- und platzsparend gilt auch die Wärmepumpe, die Luft ansaugt und nach dem Kühlschrankprinzip im Sommer Wohnungen kühlt und im Winter beheizt. Aber die allein selig machende Lösung für alle sieht Kromer darin nicht, auch wegen des hohen Stromverbrauchs der Wärmepumpen: „Zusammen mit E-Bike und E-Auto glüht uns irgendwann das Netz durch“, befürchtet er.

Hat Heizen mit Holz Zukunft?

Wie steht der Umweltreferent eigentlich zu privaten Holzheizungen? „Sie glauben nicht, wie viele Anrufe ich im Winter bekommen habe mit Beschwerden über den Rauchgestank.“ Doch die Vermutungen, dass etwas illegal verbrannt würde, entkräftete er stets: „Es herrschte Inversionswetterlage, der Rauch wurde nach unten gedrückt. Und die Leute sind an den Geruch nicht mehr gewöhnt.“

Und sie lesen in der Zeitung, dass die Deutsche Umwelthilfe nach dem Sieg über den Diesel nun begonnen hat, die unsaubere Verbrennung in Kaminöfen und alten Stückholzheizungen zu bekämpfen. „Dazu sage ich ganz klar: Winnenden hat kein Feinstaubproblem!“ Jürgen Kromer, sonst ein sehr ruhiger Mensch, haut bei diesem Satz sogar mit der Faust auf den Tisch. Feinstaub möchte die Umwelthilfe von den Stuttgartern fernhalten, ein ehrenwertes, weil Gesundheit erhaltendes Ansinnen. Wir erinnern uns: Bei Feinstaubalarm war es den Stuttgartern nicht erlaubt, den „Komfortofen“, also den Einzelofen, Kaminofen, Schwedenofen, anzuheizen.

Große Brennkessel mit Saugzuggebläse für Stückholz oder Hackschnitzel blieben davon unberührt: „Für sie kann man Filter einbauen“, sagt Jürgen Kromer, vielleicht sogar für die Einzelöfen. „Lange Zeit wurde Holz als CO2-neutrale Verbrennungsquelle bezeichnet, sollte das neu gesehen werden, muss man damit umgehen.“ Er und auch sein neuer Kollege, der Klimamanager Roland Rauleder, halten aber an der Biomasse fest. „Sie ist lagerbar und ohne sie geht es nicht, wenn wir mehr erneuerbare Energien, die vor Ort entstehen, nutzen wollen“, betont Rauleder.

Bekommt Windstrom eine neue Chance?

Bekommt die Windkraft neben der Sonnenstromerzeugung durch die neuen Vorzeichen wieder Auftrieb? Der einzige Winnender Standort „Hörnle“ im Wald bei Allmersbach im Tal war durch das Drehfunkfeuer des Stuttgarter Flughafens ausgeschieden, das sich in ein paar Jahren erübrigt. Markus Schlecht glaubt, dass zuerst die nach dem neuen Windatlas wirtschaftlichsten Standorte infrage kommen, als Filetstück würde er die Buocher Höhe bezeichnen. Das Waldgebiet ist nahe bei Winnenden, aber in Besitz der Stadt Waiblingen. „Landschaftsschutzgebiete müssen dabei gleichwohl behandelt werden.“

Ob diese wegen drei, vier Windrädern tangiert werden, ist fraglich. Roland Rauleder ergänzt, dass heutzutage Sensoren die Rotoren stillstehen lassen könnten, sobald sich Vögel oder Fledermäuse nähern. „Aber sinnvoll sind sicher erst mal Windräder im Zusammenhang mit einem See als großem Wasserspeicher, wie sie bei Gaildorf geplant sind.“ Ist viel Strom übrig, wird damit Wasser nach oben gepumpt.

Jürgen Kromer fasst zusammen: „Wir denken aktuell noch nicht wieder über Windkraft nach.“ Viel mehr versprechen sie sich von der Agrifotovoltaik, unter der man Felder bewirtschaften kann, die Licht durchlassen und gleichzeitig vor Hagel schützen, oder von beidseitig bestrahlbaren Modulen und „immer besseren Batteriemodulen“ zum Speichern des erzeugten Stroms, bis er gebraucht wird.

Während der Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck eine Energiepartnerschaft mit Qatar eingeht, um von Russland unabhängiger zu werden, sind die Manager und Planer im Rathaus und bei den Stadtwerken nicht untätig. Der Trend geht in Winnenden klar in Richtung Heizen mit Nah- und Fernwärme. Allerdings schon seit vielen Jahren, nicht erst, seit der Ukraine-Krieg begonnen hat. Seit 2013 sind die Stadtwerke ein vollwertiger kommunaler Energieversorger, der Wasser und Strom, Fernwärme und

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