Winnenden

Fernsehkommissar trifft verurteilten Mörder

Fernsehkommissar Steffen Schroeder Buch Lesung Mörder Gefängnis Gefangener Lebenslänglich Sachbuch_0
Steffen Schroeder liest aus seinem Buch „ Was alles in einem Menschen sein kann“. © Ralph Steinemann Pressefoto

Winnenden. Früher wollte Steffen Schroeder Reptilienforscher werden, heute erforscht der Fernsehkommissar als ehrenamtlicher Vollzugshelfer menschliche Abgründe. Über einen als Jugendlicher zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder hat er das Buch „Was alles in einem Menschen sein kann“ geschrieben, das er am Sonntag in der voll besetzten Alten Kelter vorstellte.

Im Buch stellt Straftäter Micha die Frage: „Hätte das alles sein müssen, wenn ich rechtzeitig einen Warnschuss bekommen hätte? – Nein!“ Autor Steffen Schroeder beginnt das Buch dort, wo der Fernsehkrimi in der Regel endet: wenn der Überführte seiner Strafe zugeführt wird. Eingeladen wurde er vom „Aktionsbündnis Amoklauf – Stiftung gegen Gewalt an Schulen“.

Schroeder, bekannt als Fernsehkommissar Kowalski in Soko Leipzig, berichtet als Ich-Erzähler vom ersten Zusammentreffen mit Micha im Gefängnis Berlin-Tegel, in der „beklemmenden Umgebung“ eines „riesigen Haftgebäudes“. Hinter der soundsovielten Metalltür wartet Micha, der zum Zeitpunkt des Kennenlernens 39 Jahre alt ist, davon 21 Jahre hinter Gittern verbrachte.

Respekt wird sich mit Fäusten verschafft

„Stämmige Figur, großflächig tätowierte Arme und Nacken“ ist der erste rein optische Hinweis für den Zuhörer. Mit jeder Episode fügt Schroeder weitere Attribute hinzu, die hinter die harte „Mauer“ des Häftlings führen, die er zum Schutz vor dem Leben hinter Gefängnismauern errichtet hat – wo es darum gehe, „nie der Fisch“ zu sein, der für andere die Zelle putzt und gedemütigt wird. Dort heiße es, sich „mit Fäusten“ Respekt zu verschaffen. Jeder Satz führt mit unverklemmter Offenheit nah heran an die „Eintönigkeit der Haftgebäude“.

Außerhalb, bei einem Freigang, verrät jeder irritierte Blick, jede hilflose Reaktion Michas beim Kauf eines Paars Turnschuhe, dass ihm die Welt fremd geworden ist. „Überall Musik, datt gab’s früher nich’“, nimmt er die Kaufhausberieselung wahr, über die sein Begleiter sagt, ihm sei gar keine Musik aufgefallen.

Straftäter Micha: „Ich bin kein Unmensch!“

Bei den beiden deuten sich Parallelen an – Schroeder berichtet Micha von seiner eigenen Jugend, als er eine Wut auf seine Lehrer hatte und „auf alle, die mich nicht verstanden“. Das Buch erzählt von einer Entwicklung. „Während er anfangs die Schuld für seine Tat auf seine Mittäter schob, sagt er heute, er sei der Anführer gewesen, der es hätte verhindern können.“ Der Sanktionierung folgt ein Wandel, Michas Einsatz für eine würdevolle Beerdigung seines einzigen Freundes im Knast stützt diesen Eindruck. „Ich bin kein Unmensch“, stellt er klar. „Dass wir im Knast sind, heißt nicht, dass wir nicht zu unserem Wort stehen.“ Man schluckt, als Micha Lebensbilanz zieht: „Das Einzige, das ich bisher richtig gemacht habe, war Ricos Beerdigung“.

In den dokumentarisch festgehaltenen Dialogen bekommt er ein zackiges, ungeschlachtes Berlinerisch in den Mund gelegt, Schroeder wirkt beim Lesen zusätzlich ein: Durch Gewichtung und Tonhöhe der Stimme entsteht in den Köpfen der Zuschauer das Bild eines beinharten Kerls, der kämpft und ein Anliegen hat. „Ich würde gerne ein Kind haben und etwas Gutes tun, ich habe noch nichts hinterlassen“, bekennt er.

Eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft

Die Frage, ob sich ein Mensch, der einen Mord verübt hat, ändern kann, bejaht Steffen Schroeder schließlich, der den Häftling mit den Worten zitiert: „Ich würde gerne Jugendlichen helfen, dass sie nicht die gleichen Fehler machen wie ich.“

Dem Abgleiten in die Gewaltspirale entgegenzutreten, das sei eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft – der Warnschuss für den Straftäter. „Wir müssen eine Haltung entwickeln“, sagt in der Podiumsdiskussion Lars Groven, Fachreferent für Gewaltprävention bei der Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Aus seiner Arbeit als Anti-Aggressionstrainer wisse er: „Intensivstraftäter rufen deutlich nach Grenzen.“ Schulsozialarbeit oder Ethikunterricht, in dem über „Zwischenmenschliches“ geredet und Werte vermittelt werden, könnten Wege sein.
 


Steffen Schroeder

Polizeiruf 110, Tatort, SOKO Leipzig sind Krimis, in denen Schauspieler Steffen Schroeder Verbrecher gejagt hat. Geboren am 16. April 1974 führte ihn sein Weg an die Folkwang Hochschule in Essen, wo er Schauspiel studierte. Zu sehen war der Schauspieler unter anderem am Schauspielhaus und im Burgtheater Wien. Im Kino wirkte er 2007 bei „Keinohrhasen“ mit. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 2015 als Botschafter für den „Weißen Ring“, die Hilfsorganisation für Gewaltopfer.