Winnenden

Geldstreit um Amoklauf: Einigung in Sicht

Prozessauftakt gegen Vater des Winnenden-Amokläufers
Bei der letzten offenen Frage bahnt sich eine gütliche Einigung an: Jörg K. scheint bereit, der Unfallkasse Baden-Württemberg Schadensersatz in sechsstelliger Höhe zu zahlen. © Anne-Katrin Schneider

Kurz vor dem achten Jahrestag des Winnender Amoklaufs steht die juristische Aufarbeitung des Verbrechens offenbar endlich kurz vor dem Abschluss, bei der letzten offenen Frage bahnt sich eine gütliche Einigung an: Jörg K. scheint bereit, der Unfallkasse Baden-Württemberg Schadensersatz in sechsstelliger Höhe zu zahlen.

Ewigkeiten hat sich der Streit zwischen der Unfallkasse und Jörg K. hingezogen, immer wieder wurde verhandelt, vertagt, um einen Vergleich gerungen. Die Kasse forderte mehr als 700 000 Euro vom Vater des Amokläufers – Kosten, die aufliefen, weil traumatisierte oder verletzte Schüler und Lehrer medizinisch und psychologisch behandelt werden mussten.

Tauziehen hinter den Kulissen

Jörg K. bestritt zunächst grundsätzlich eine Zahlungspflicht, im August 2015 aber entschied das Landgericht Stuttgart: Die Unfallkasse habe „dem Grunde nach“ einen Anspruch; seine genaue Höhe müsse aber in einem Folgeverfahren ermittelt werden.

Parellel dazu gab es die ganze Zeit hinter den Kulissen ein Tauziehen um einen eventuellen außergerichtlichen Vergleich und die Höhe einer Kompromiss-Summe, auf die sich beide Seiten einigen könnten. Einmal erklärten Jörg K's Anwälte, mehr als 70 000 Euro könne ihr Mandant nicht aufbringen.

"Wir fragen seit Jahren nach und laufen immer gegen eine Wand“

Die Unfallkasse fand das viel zu niedrig – eine Institution, die sich aus Steuergeldern finanziere, könne da nicht einwilligen. Obendrein seien die wahren Vermögensverhältnisse von Jörg K. völlig unklar. Der Vater des Amokläufers, ein Unternehmer, weigerte sich, konkrete Einblicke in seine Finanzen zu geben, und ließ nur durch Anwälte ausrichten, er sei mittlerweile „mittellos“. Frank Grafe, Anwalt der Unfallkasse, wurde deshalb einmal recht grantig: „Unser großes Problem ist“, dass Jörg K. „schlicht mauert. Wir fragen seit Jahren nach und laufen immer gegen eine Wand.“

Auf kommenden Freitag, 10. März, war nun wieder einmal eine Verhandlung angesetzt – wie es aussieht, wird sie aber nicht stattfinden. Kurz vorher scheint sich eine gütliche Einigung anzubahnen. Eine Rolle dabei mag folgendes spielen: Bliebe der Fall strittig, müsste Jörg K. vor Gericht womöglich seine Besitzverhältnisse offenlegen.

Der Vergleich sei "noch nicht vollkommen unter Dach und Fach“

Wie sicher der Vergleich ist, dazu liegen unserer Zeitung etwas widersprüchliche Angaben vor. Ein Pressesprecher des Landgerichts teilt mit: Die Einigung sei nach seinem Wissensstand fix. Ein Sprecher der Unfallkasse erklärt: „Das ist noch nicht vollkommen unter Dach und Fach.“ Zur Höhe der Summe wollen sich beide nicht äußern. Laut anderen uns vorliegenden, tendenziell seriösen, aber nicht gesicherten Informationen soll es sich um einen Betrag in der Größenordnung von 400 000 bis 500 000 Euro handeln.

Sollte in näherer Zukunft tatsächlich die Tinte trocknen unter solch einem Vergleich, wäre die juristische Aufarbeitung des Amoklaufs nach acht Jahren endlich abgeschlossen. Auf dem quälend langen Weg gab es mehrere Meilensteine:

  • Die strafrechtliche Klärung: Jörg K. wurde im Februar 2011 wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zunächst zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, weil er die Waffe, mit der sein Sohn mordete, nebst Munition schlampig und unverschlossen aufbewahrt hatte. Im Frühjahr 2012 hob der Bundesgerichtshof das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers auf. Im zweiten Anlauf im Februar 2013 verurteilte das Landgericht Stuttgart den Vater zu anderthalb Jahren auf Bewährung. Jörg K. legte dagegen zunächst erneut Revision ein, zog sie aber bald wieder zurück. Seit April 2013 ist das Urteil rechtskräftig.
  • Die zivilrechtliche Klärung, Teil 1: Mehr als 50 Geschädigte – Verletzte, Angehörige von Erschossenen – forderten von Jörg K. Schadensersatz. Es kam zu einer außergerichtlichen Lösung: Um die Ansprüche zu bedienen, schüttete Jörg K's Haftpflichtversicherung, die „Allianz“, rund zwei Millionen Euro aus.
  • Die zivilrechtliche Klärung, Teil 2: Die Stadt Winnenden forderte Schadensersatz für notwendig gewordene Umbau- und Renovierungsarbeiten an der Albertville-Schule und erklärte sich Ende 2014 mit einer Vergleichssumme von 400 000 Euro einverstanden. Auch diesen Betrag musste nicht Jörg K. selber tragen, wieder sprang die „Allianz“ ein.
  • Die zivilrechtliche Klärung, Teil 3: Jörg K. forderte seinerseits Schadensersatz vom Klinikum Weinsberg und ließ über seine Anwälte erklären, er wolle dieses Geld den Opfern des Amoklaufs zukommen lassen. Jörg K.argumentierte: Sein Sohn war 2008 mehrmals in Weinsberg in Behandlung und hatte Tötungsphantasien offenbart – die Klinik-Experten hätten die Gefahr aber verkannt und in einem Abschlussgespräch mit den Eltern Entwarnung gegeben.

In der Tat sprechen sehr viele Indizien dafür, dass sich Weinsberg im Umgang mit Tim K. nicht im allermindesten mit Ruhm bekleckert hat (wir berichteten mehrmals). Auch das Landgericht Heilbronn sah das so, entschied aber: Die eindeutigen Behandlungsfehler der Weinsberger seien nicht ursächlich für den Amoklauf gewesen; selbst, wenn die Ärzte und Therapeuten alles richtig gemacht hätten, sei fraglich, ob die Morde dadurch zu verhindern gewesen wären. Weinsberg musste nichts zahlen, das Urteil wurde im September 2016 rechtskräftig.

Öffentliches Gedenken an die Opfer des Amoklaufs

Bei mehreren Veranstaltungen wird am Samstag, 11. März den Opfern des Amoklaufes von 2009 in Winnenden gedacht. Einen Überblick finden Sie hier.

Gesamte Berichterstattung

Wir haben die gesamte Berichterstattung seit 2009 zum Thema unter www.zvw.de/amoklauf-winnenden gesammelt.

Alle Berichte aus dem Jahr 2009

Alle Berichte aus dem Jahr 2010

Alle Berichte aus dem Jahr 2011

Alle Berichte aus dem Jahr 2012

Alle Berichte aus dem Jahr 2013

Alle Berichte aus dem Jahr 2014

Alle Berichte aus dem Jahr 2015

Alle Berichte aus dem Jahr 2016