Winnenden

Geschwister-Scholl-Realschule: Die Ukraine-Klasse in Winnenden

ExtraklasseUkraine
Deutschlehrerin Larysa S. ist Ende Februar aus der Ukraine geflüchtet – jetzt unterrichtet sie ukrainische Kinder an der Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden. © Gaby Schneider

24. Februar 2022: Larysa S.* schreckt in der Hafenstadt Odessa aus ihrem Bett. Das Donnergrollen aus der Ferne hält sie zunächst für ein Gewitter. Doch der russische Überfall auf die Ukraine hat begonnen. Keine drei Monate später steht die Frau in Winnenden in einem Klassenzimmer. „Wie heißt du?“, fragt sie auf Deutsch und wirft einem Schüler einen kleinen Ball zu. „Ich heiße Igor“, antwortet der Junge und wirft den Ball zurück.

Larysa S., Igor und die 15 anderen Kinder und Jugendlichen zwischen elf und 16 Jahren in der „UK“-Klasse an der Geschwister-Scholl-Realschule teilen ein Schicksal: Sie alle sind geflohen vor Putins Soldaten, Panzern und Bomben, haben ihr Zuhause, ihre Freunde, Väter, Brüder, Haustiere und Spielsachen, einfach alles, zurückgelassen. Hier, in Deutschland, wo keine russischen Raketen einschlagen, bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft, lernen gemeinsam die Sprache und knüpfen neue Freundschaften.

„Psychologisch ist das für die Kinder sehr gut“, sagt Larysa S., „für die Sprache nicht so sehr. Sie sprechen zu viel Ukrainisch miteinander.“ Für den Anfang wäre das ein bisschen viel gewesen, aber nach den Pfingstferien, die jetzt beginnen, sollen die Schülerinnen und Schüler dann zusätzlich reguläre Klassen mit deutschen Kindern besuchen. „Sprachbad“ nennen Pädagogen das.

Vom Schulamt ausgestattet mit einem Zwölf-Stunden-Vertrag

Dienstags bis freitags drei Stunden Deutschunterricht gibt Larysa S. bislang in Winnenden. Montags ist sie außerdem an der Grafenbergschule in Schorndorf im Einsatz. Der Kontakt zur Geschwister-Scholl-Realschule kam zustande, weil S. bei den Schulanmeldungen von ukrainischen Kindern in der benachbarten Stöckachschule half. Sie hatte in der Vergangenheit als Deutschlehrerin in der Ukraine gearbeitet und wurde gefragt, ob sie sich nicht an hiesigen Schulen als Lehrerin einbringen wolle. Kurz darauf war sie ausgestattet mit einem Zwölf-Stunden-Vertrag des staatlichen Schulamts in Backnang. Realschulrektorin Sabine Klass ist begeistert vom Engagement der neuen Kollegin: „Sie hat das gesamte Anmeldeverfahren gemanagt.“

Aus der Ferne mit anzusehen, wie die Heimat zerstört wird, schmerzt

Auch für Larysa S. ist die Arbeit als Lehrerin ein Glücksfall. „Mein Kopf ist irgendwo anders. Der Unterricht hilft ein bisschen, sich abzulenken“, sagt sie, „das tut mir gut.“ Aus der Ferne mit anzusehen, wie Orte zerstört werden, die sie nicht nur aus dem Fernsehen kennt, sondern aus dem ganz normalen Alltag, schmerzt die Frau.

Ursprünglich stammt Larysa S. aus Weißrussland. Sie hat in Minsk studiert, später unter anderem als Deutschlehrerin und Dolmetscherin in der Tourismusbranche gearbeitet. Über ihre fünftägige Flucht Ende Februar, zu der sie und ihr Mann von den Töchtern, die in Deutschland leben, eine davon in Winnenden, erst überredet werden musste, hat unsere Redaktion bereits berichtet. Wie die Kinder in ihrer Klasse auch, träumt sie schon von einer Rückkehr in die Heimat. „Alle hoffen auf ein baldiges Ende“, sagt die Deutschlehrerin.

Daria, 16, vermisst ihren Bruder und ihren Vater

Direkt vor ihrem Pult, in der ersten Reihe, sitzt Daria, mit 16 Jahren die Älteste in der Klasse. Neben der Realschule besucht sie zusätzlich das Georg-Büchner-Gymnasium. Daria stammt aus Charkiw und lebt seit einem Monat in Hertmannsweiler bei einer deutschen Familie. Es ist beeindruckend, wie gut sie schon Deutsch spricht, nach der kurzen Zeit, die sie erst hier verbracht hat.

„Die Lehrerin ist sehr nett“, erzählt Daria auf die Frage, wie es ihr in Deutschland geht, „die Direktorin ist sehr gut.“ Und: „Ich vermisse meinen Bruder und meinen Vater.“ Die beiden durften das Land nicht verlassen, müssen es gegen den Angriff verteidigen. Täglich telefoniert Daria mit ihnen. „Es geht ihnen gut“, sagt sie und lächelt.

„Sie lachen und spielen wie ganz normale Kinder“

Den Kindern, berichtet Deutschlehrerin Larysa S., merke man im Alltag kaum an, wie sehr sie der Krieg in der Heimat belastet, obwohl sie fast alle aus Familien stammen, die auseinandergerissen wurden. „Sie lachen und spielen wie ganz normale Kinder.“ In den ruhigen, einsamen Momenten dürfte das anders sein als im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof. Wie lange werden sie wohl noch in Winnenden die Schule besuchen?

„Wir planen von Woche zu Woche, von Monat zu Monat“, sagt Schulleiterin Sabine Klass. Nach den Ferien wird sie eine weitere aus der Ukraine geflüchtete Frau im Kollegium begrüßen.

*Anmerkung der Redaktion: Die Lehrerin, um die es in diesem Artikel geht, hat uns nachträglich darum gebeten, in der Online-Fassung auf den Abdruck ihres vollständigen Namens zu verzichten - aus Rücksicht auf ihre Verwandten im Osten der Ukraine. Diesem Wunsch haben wir entsprochen.

24. Februar 2022: Larysa S.* schreckt in der Hafenstadt Odessa aus ihrem Bett. Das Donnergrollen aus der Ferne hält sie zunächst für ein Gewitter. Doch der russische Überfall auf die Ukraine hat begonnen. Keine drei Monate später steht die Frau in Winnenden in einem Klassenzimmer. „Wie heißt du?“, fragt sie auf Deutsch und wirft einem Schüler einen kleinen Ball zu. „Ich heiße Igor“, antwortet der Junge und wirft den Ball zurück.

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Larysa S., Igor und die 15 anderen Kinder und

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