Winnenden

Gestohlene Schlagschrauber auf Ebay verkauft

Gericht
Flex, Bohrschrauber und anderes hat der Angeklagte an seinem Arbeitsplatz gestohlen und über E-Bay verkauft. © Pixabay.com

Waiblingen. 420 hochwertige Elektrowerkzeuge hat im Zeitraum von rund zwei Jahren ein mittlerweile 32-Jähriger, der in einer Nachbarkommune von Winnenden wohnt, an seinem Arbeitsplatz, ein Lager in Vaihingen/Enz, gestohlen und Stück für Stück über Ebay verkauft. Für diesen Diebstahl, juristisch gesehen Betrug, ist er nun vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt werden.

Angeklagt waren auch seine Frau und ein jüngerer Bruder von ihm. Sie hatte ihrem Mann zumindest wiederholt beim Verpacken des Diebesguts geholfen und das auch zum Verschicken zur Post gebracht. Der Bruder stellte seinen Ebay-Account mit falschem Namen und sein Paypal-Konto für diesen, angesichts des Ausmaßes geradezu gewerblichen, kriminellen Versandhandel zur Verfügung. Die Frau, die hochschwanger ist, in Bälde das dritte Kind erwartet, kam mit einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe sowie 500 Euro Geldbuße davon.

Der Bruder muss 2000 Euro, verteilt auf vier Raten, an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen. Bei ihm kam das Schöffengericht zur Einschätzung, dass er zwar in voller Kenntnis, um was es ging, handelte, aber kein Mittäter war, sondern nur Gehilfe. Die Ehefrau dagegen stufte das Gericht als Mittäterin ein. Ihr Mann, der Hauptangeklagte, muss außerdem 1500 Euro Buße berappen.

Polizei kam dem Täter über verdeckte Videoaufnahmen auf die Spur

Der Mann arbeitete damals für eine Firma, die Elektrowerkzeuge für einen Konzern kommissioniert. Deren Ware wird in diesem Lager umgeschlagen. Der Mann brachte es dort innerhalb von kurzer Zeit vom Zeitarbeiter zum Schichtführer, erlag irgendwann aber der offenbar großen Versuchung, dazu vielleicht auch verführt durch das Beispiel anderer Kollegen, Ware beiseitezuschaffen und damit selbst Geld zu verdienen. Wie die Polizei bei ihren Ermittlungen über verdeckte Videokameraaufnahmen herausfand, brachte er unter anderem Winkelschleifer, Blechscheren, Multifunktionswerkzeug, Rohrschneider und Schlagschrauber sowie Akkus und Ladegeräte unter seiner Kleidung versteckt in die Umkleide, deponierte alles dort in einem weiteren Spind, der ihm zur Verfügung stand, ehe er seine Beute nach Feierabend in einem Rucksack vom Betriebsgelände weg und nach Hause schaffte.

Dort organisierte er zusammen mit seiner Frau geradezu professionell – mit Adressaufklebern, Luftpolsterverpackungen, Paketklebeband – den Vertrieb der Geräte. Ein Polizist berichtete vor Gericht als Zeuge, er habe bei der Hausdurchsuchung eine regelrechte Logistik vorgefunden, sei sich vorgekommen wie bei Amazon oder in einem Baumarkt. Das Paar hatte zum Beispiel in seinem Schlafzimmer unterm Bett rund 150 Akkus gebunkert.

Es gab zuvor schon anonyme Schreiben an die Firmen

Die Ermittlungen ins Rollen brachte, dass der Hauptangeklagte für eventuelle Paket-Rückläufer zwar eine falsche Adresse angegeben hatte, aber ausgerechnet die von einem ehemaligen Mitschüler, der ihn seinerzeit gemobbt habe, wie er dem Gericht erklärte. Derjenige bekam irgendwann tatsächlich ungebetene Post und ging daraufhin zur Polizei. Über den Inhalt der Pakete kam die auf den Tatort und über die Videoaufnahmen dem Täter auf die Spur.

Außerdem hatte es zuvor bereits anonyme Schreiben, offenbar von Kollegen oder Vorgesetzten, mit eindeutigen Hinweisen gegeben, an beide betroffene Firmen, sowohl den Werkzeughersteller als auch den Kommissionierer. Die gingen diesen aber nicht nach, vermutlich, weil ihnen der Aufwand dafür zu hoch erschien. Wobei es mit der Kontrolle der Bestände in dem Lager ohnehin offensichtlich nicht weit her ist, diesen Schluss lassen die Aussagen des Lagerkoordinators zu, der vor Gericht ebenfalls als Zeuge aussagte. Ein gewisser Schwund sei normal, bei einer Fläche von 25 000 Quadratmetern, über 50 000 Palettenplätzen und über 10 000 „Picks“ (Entnahmen) am Tag lasse sich das kaum bis gar nicht zurückverfolgen. Anders gesagt: Dem Mann wurde sein Treiben leichtgemacht.


Bewährung

Das Diebesgut wurde für insgesamt rund 100 000 Euro „verkauft“. Die Anführungszeichen deshalb, weil Gestohlenes juristisch gar nicht im Besitz des Diebes ist und damit die Käufer eigentlich gar kein Eigentum von ihm erwerben können.

Der leitende Polizeiermittler, ebenfalls als Zeuge vor Gericht aussagend, bezifferte den wirtschaftlichen Schaden auf etwa 80 000 Euro, und zwar für den Hersteller, dabei vom Einkaufswert ausgehend, den dieser vom Händler verlangt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Versicherung den Schaden abdeckt, es sei denn, sie kann der Logistikfirma grobe Fahrlässigkeit nachweisen. Dass die Versicherung im Nachgang das Geld sich von den Angeklagten zurückholen kann, erscheint unwahrscheinlich angesichts deren ohnehin bereits äußerst angespannter wirtschaftlicher Situation.

Es ist auch nicht damit zu rechnen, dass das Diebesgut von den „Käufern“ zurückverlangt wird, weil es ohnehin nicht mehr als neu verkauft werden kann. Der zu erwartende Zeit- oder Restwert dürfte zudem in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen.

Dass der Hauptangeklagte gerade noch mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, ist, abgesehen vom Geständnis aller drei, der Familiensituation geschuldet – oder wie es der Richter ausdrückte: dem „großen Mitleidsfaktor“, den das Gericht gewähre. Einer Familie mit zwei kleinen Kinder und bald einem dritten sei nicht geholfen, wenn der Ehemann und Vater für lange Zeit im Gefängnis sitze.