Winnenden

Heiße Ware Artemisia-Tee droht im versiegelten Lager in Winnenden zu verderben

Anamed
Derzeit „heiße Ware“, der Beifuß-Tee darf nicht verkauft und nicht verschenkt werden. © Gabriel Habermann

Das Lager mit Artemisia-Tee ist seit einem Monat versiegelt. Hans-Martin Hirt befürchtet, dass die Ware verdirbt. Die getrockneten, klein geschnittenen oder zu Pulver gemahlenen Artemisia-annua-Blätter werden nämlich nicht alle in einem gut verschließbaren Fass aufbewahrt.

Hirt beziffert Warenwert mit 70 000 Euro

Während der juristische Kampf weitergeht und seine Zeit braucht, dazu später mehr, könnte ein Großteil der Ware Feuchtigkeit ziehen und unbrauchbar werden. Wie kommt das? „Eigentlich leeren wir täglich den Wasserbehälter des Entfeuchters. Aber ich musste ihn abschalten, sonst besteht ja Brandgefahr“, sagt Hans-Martin Hirt, der als promovierter Apotheker und Vorsitzender des Vereins Anamed international die Heilpflanze und ihren Anbau weltweit bekannt gemacht hat.

Er bekam als Vertreter der Firma Anamed-Edition am Dienstag (14.6.) angemeldeten Besuch, besprach mit Mitarbeitern des Veterinäramts, wie die Raumluft entfeuchtet werden kann, ohne dass der Raum jedes Mal kostenpflichtig von einem Behördenmitarbeiter ent- und versiegelt wird. „Wir haben eben nicht alles, was wir von den Landwirten bekommen hatten, in luftdichte Fässer gepackt, das ist auch ein Kostenfaktor, mit 70 Euro pro Fass muss man rechnen“, sagt Hirt, am Vormittag am Telefon von unserer Redaktion befragt. „Einiges lagert daher in Plastikbeuteln, was kein Problem wäre, solange der Entfeuchter läuft.“ Den braucht es, weil der Lagerraum des relativ neuen Hauses eine feuchte Wand habe, weil es auf dem Fundament eines alten Bauernhauses steht, erläutert Hirt.

Am Nachmittag, nach dem Besuch, berichtet er, dass nach langer Diskussion der Raum geöffnet wurde: „Die Luftfeuchtigkeit war von 45 auf etwa 60 Prozent gestiegen, was für die hygroskopische Ware langfristig Schaden bedeuten könnte. Anschließend wurde der Raum wieder vollständig versiegelt.“

Hirt lamentierte schon am Vormittag: „Wenn die Ware im Wert von 70 000 Euro Schaden nimmt, stellen wir das dem Landratsamt in Rechnung.“ Diese Drohung wird dort wohl kaum als solche wahrgenommen werden, zumal das Landratsamt schon am 25. Mai angeboten hatte, die Ware in geeignete Gefäße umzufüllen. Die Gegenseite habe aber nicht reagiert. Dies schreibt ein Mitarbeiter des Veterinäramts an Hirt.

Die heiße Ware könnte auch aus der EU ausgeführt werden. Das Bestimmungsland muss jedoch mit der Einfuhr einverstanden sein, das Veterinäramt wird die Versandbedingungen prüfen.

Hirt: „Amazon liefert Artemisia problemlos“

Das Verkaufsverbot regt alle Beteiligten und Betroffenen sehr auf. „Ich bekomme herzzerreißende Briefe von Krebskranken, und Amazon liefert derweil problemlos Artemisia annua aus“, sagt der Winnender. Das gehe, weil der Handelsriese „nicht draufschreibt, wofür man den Tee verwenden soll“, so Hirt. Nach Hirts Angaben kann auch die Pharmaindustrie Medizin mit Wirkstoffen vertreiben, die die Pflanze auch beinhaltet, „die aber eben 70-mal teurer ist als unser Tee“. Beim Vor-Ort-Besuch hat Hirt den Behördenvertretern demonstriert, dass Artemisia annua in Apotheken und bei Kräuterschulte (Kreis Rastatt) erhältlich ist.

Hans-Martin Hirt betont, auch wegen Vorhaltungen beim Gespräch im Landratsamt am 2. Juni, dass er sich durchaus um eine Zulassung von Artemisia-Tee kümmere. Er stellte 2020 alle verfügbaren Unterlagen zusammen und beantragte die Zulassung als neuartiges Lebensmittel. Als die EU-Kommission von ihm aber noch „die genaue Zusammensetzung, die vorgeschlagenen Bedingungen der beabsichtigten Verwendung und den wissenschaftlichen Nachweis über die Verwendungsgeschichte als sicheres Lebensmittel in einem Drittland“ sehen wollte – das Zitat stammt aus dem Schreiben von EU-Kommissionsmitglied Stella Kyriakides –, ließ Hirt es gänzlich sein. In der Folge wurde ihm am 25. April 2022 die Zulassung verwehrt.

Der Rechtsstreit und die Strafzahlungsandrohungen „haben unsere ganze Arbeitskraft blockiert“, rechtfertigt sich Hirt, und die „Milliardenkosten“ für eine wissenschaftlich untermauerte Zulassung würden zum einen das Produkt unerwünscht teuer machen, für die Pharmaindustrie gleichwohl „lächerlich“ sein. Er glaubt, dass die Milliarden „in den Sand gesetzt“ wären, weil er bisher wie in einer Gummizelle von jeder Wand abgeprallt ist, gegen die er versuchte anzurennen: „Artemisia annua anamed (A-3) kann nicht zugelassen werden als ,Lebensmittel’, auch nicht als ,traditionelles Lebensmittel’, da die Pflanze arzneiliche Wirkungen hat. A-3 kann nicht zugelassen werden als „traditionelles Arzneimittel“ in „Anbetracht der Schwere der Erkrankung, die damit behandelt werden soll, und A-3 kann nicht zugelassen werden als Arzneimittel, da es nicht in abgeteilter Form (Dragees, Kapseln) vorliegt“, zählt Hirt in einer E-Mail an die Redaktion die Dilemmas auf.

Hirts Anfrage läuft: Zulassung als Arzneitee?

Juristisch ist das der Stand der Dinge: Das „Inverkehrbringen des Produktes als Lebensmittel ist unzulässig und demzufolge zu unterlassen“, bezieht sich das Landratsamt nach 2,5 Jahren Rechtsstreit auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ordnete im Mai die Durchsuchung bei Teemana und Anamed-Edition an und stellte fest, dass der Handel dennoch weiterlief, daher verschloss das Landratsamt die Tür zum Lager. Der Widerspruch gegen die Versiegelung wird dem Regierungspräsidium vorgelegt, und der Verwaltungsgerichtshof Mannheim prüft Widersprüche von Rechtsanwalt Eisenhart von Loeper. Beim Landgericht reichte der Berliner Anwalt Rolf Kemper Beschwerde ein.

Hirt selbst verfolgt einen weiteren Ansatz: Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) liegt seit 6. Mai die Anfrage, ob die Pflanze, die per se nicht verboten ist, auch nicht getrocknet oder gemahlen, als „Arzneitee“ zugelassen werden könnte.

Das Lager mit Artemisia-Tee ist seit einem Monat versiegelt. Hans-Martin Hirt befürchtet, dass die Ware verdirbt. Die getrockneten, klein geschnittenen oder zu Pulver gemahlenen Artemisia-annua-Blätter werden nämlich nicht alle in einem gut verschließbaren Fass aufbewahrt.

Hirt beziffert Warenwert mit 70 000 Euro

Während der juristische Kampf weitergeht und seine Zeit braucht, dazu später mehr, könnte ein Großteil der Ware Feuchtigkeit ziehen und unbrauchbar

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