Winnenden

Heilpflanze Artemisia und der Verein Anamed: In Indien gefeiert – in Winnenden unter Druck

Artemisia-Festumzug
In Andhra Pradesh (Ostindien) ist es passiert, dass die Delegation von Anamed von einer Musikkapelle am Flughafen abgeholt und bis zum Ort begleitet wurde. © Privat

Dem Winnender Naturmedizinverein Anamed geht es eigentlich bescheiden. Seinen Artemisiatee darf er nicht verkaufen, weil das Heilkraut aus China in der Europäischen Union auf einer Verbotsliste steht, der Novel-Food-Liste. Ständig müssen die Vereinsaktiven um Dr. Hans-Martin Hirt damit rechnen, dass die großen Plastikfässer mit getrockneten Artemisiablättern im Lager der Firma Teemana in der Paulinenstraße vom Landkreis konfisziert werden. Sie sind unter Druck, aber es herrscht gute Laune. „Wir lassen uns nicht aufhalten. Wir machen weiter“, sagt Hirt.

Pflanzenausgabe am Zimmerfenster

Der Kräuterteeverkauf ist gerade schwierig, fast unmöglich. Aber eine Lücke lassen die EU-Vorschriften doch noch, zumindest bis jetzt: Die Artemisia-Pflänzle kann der Verein noch verkaufen, und es kamen an den Samstagen im Mai sehr viele Winnender an ein Wohnhausfenster in der viel befahrenen Paulinenstraße, wo sich eine wunderliche Szene aufbaute. Leute gingen am Fenster vorbei, bekamen ein Pflänzle herausgereicht, schritten weiter zum nächsten Fenster und warfen eine Spende ein. Manchmal bildeten sich Warteschlangen. Die Leute wollten alle Artemisia für den Garten – ob sie nachher Tee daraus machen oder die ganze Pflanze als Weihnachtbaum aufstellen, ist deren Privatsache. Der Verein Anamed, verkauft die Pflänzle, weil er überzeugt ist, dass das Kraut davon die Immunkräfte des Menschen stärkt. Viele Hundert Menschen im Rems-Murr-Kreis sind davon begeistert und bauen deshalb Artemisia im Garten an – auch auf einem Grünstreifen hinter dem Haus in der Paulinenstraße gedeiht das Kraut.

Stattlicher Spendenbetrag

Der Pflanzenverkauf hat noch einen anderen Zweck: Mit den Einnahmen finanziert Anamed Artemisiaprojekte in der Welt, in diesem Jahr ist es ein Partnerprojekt des Winnender Anamed-Vereins in Indien, und dorthin fließen jetzt genau 12 053 Euro, wie Dr. Hirt gegenüber unserer Zeitung berichtet. „Unser Verein dankt der Winnender Bevölkerung herzlich für die Beteiligung an der Artemisia-Pflänzchen-Mitlaufen-Lassen-Aktion, die nun zu Ende ist. Wer eine solche Pflanze nun zu Hause hat, istgeworden, denn die Pflanze produziert 245 Wirkstoffe“, sagt Hirt. Das vielleicht wichtigste Molekül dabei, das hoch komplizierte Sesquiterpenlactonperoxid namens Artemisinin, habe bis heute kein Chemiker der Welt, auch nicht im teuersten Labor, jemals herstellen können, und werde für zahlreiche Zwecke auch in der modernen Medizin eingesetzt.

Ordensschwestern ausgebildet

Der gesamte Betrag von 12 053 Euro sei bereits in Indien angekommen. „Dort sterben Menschen nicht nur an der Corona-Infektion, sondern mehr noch am Hunger durch Lockdowns und die fehlende Sozialhilfe. Denn Obst und Vitamine sind zwar vorhanden, für die breite Unterschicht aber unerreichbar teuer“, berichtet Hirt. Daher werde das Geld aus Winnenden dort zum einen verwendet zur Nothilfe für Personen, insbesondere aus niederen Kasten, die sich einfach zum Verhungern auf die Gehwege gelegt haben. Zum anderen werden Ausbilder/-innen in der Anwendung von Artemisia annua ausgebildet, auch katholische Ordensschwestern. Der Vorteil dieser Anamed-Pflanze ist laut Hirt, dass sie zur Vorbeugung und Therapie von Infektionen hilfreich sein kann, und zwar ganz unabhängig davon in welcher Kaste der Anwender ist.

Indien ist nicht der Rems-Murr-Kreis

Als Hirt die Pflanze zum ersten Mal nach Andhra Pradesh in Ostindien brachte, war die Begeisterung riesig und wurde mit einem Fest-Umzug vom Flughafen gefeiert. Die Bilder aus Indien stehen im krassen Gegensatz zur Lage von Anamed im Rems-Murr Kreis, wo Dr. Hirt und seine Helfer schon manchmal offiziellen Besuch bekommen. Aber im Zweifelsfall will der das Tee-Lager in der Paulinenstraße begutachten und den Teeverkauf verhindern. Mit immer wieder neuen Tricks versuchen die Mitglieder von Anamed, doch den Tee zu verkaufen, um damit mehr Geld für Projekte in armen Ländern zu gewinnen. Sie verkaufen ihn nicht als Heilmittel, sondern als Tee. Damit ist er aber ein Lebensmittel und darf nicht gehandelt werden, weil er auf der Novel-Food-Liste der EU steht. Dann klebten sie Etiketten auf die Teetüten mit dem Begriff „Rohstoff“ – aber auch damit kommen sie vor Gericht nicht weit. Dr. Hans-Martin Hirt kämpft auch in diesem Monat vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim für ein Recht auf Verkauf des Artemisia-Tees. Mehrfach wurde er aufgefordert, eine Handelserlaubnis zu beantragen, aber der mutmaßliche Aufwand für das Zulassungsverfahren ist dem kleinen Anamed-Verein zu groß.

Dem Winnender Naturmedizinverein Anamed geht es eigentlich bescheiden. Seinen Artemisiatee darf er nicht verkaufen, weil das Heilkraut aus China in der Europäischen Union auf einer Verbotsliste steht, der Novel-Food-Liste. Ständig müssen die Vereinsaktiven um Dr. Hans-Martin Hirt damit rechnen, dass die großen Plastikfässer mit getrockneten Artemisiablättern im Lager der Firma Teemana in der Paulinenstraße vom Landkreis konfisziert werden. Sie sind unter Druck, aber es herrscht gute Laune.

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