Winnenden

Hirnforscher warnt vor digitaler Demenz

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Professor Manfred Spitzer ist ein Warner gegen übermäßigen Konsum digitaler Medien. © Mathias Ellwanger

Backnang. Er ist ein engagierter Mahner gegen die digitale Demenz. Und einer der größten Kritiker der Digitalisierung. Bei einer Veranstaltung der Unternehmerfrauen sprach der Hirnforscher Manfred Spitzer am Dienstag nun über den Zusammenhang von Gehirn, Glück und Gesundheit.

Das Gehirn schlägt jeden Computer – davon ist Manfred Spitzer überzeugt. Ein PC könne rechnen und speichern, doch unser Denkapparat verfüge über Milliarden Nervenzellen, die sich durch Lernen ständig weiterentwickeln. „Mein PC ist genauso gut wie an dem Tag, an dem ich ihn gekauft habe. Mein Gehirn aber hat sich seit meiner Geburt deutlich weiterentwickelt“, brachte es der Bestseller-Autor am Dienstagabend im Backnanger Bürgerhaus auf den Punkt. Wissenschaft unterhaltsam vermitteln – das gelang Spitzer als Gastredner der Veranstaltung für Unternehmerfrauen, zu der die Volksbanken Raiffeisenbanken im Rems-Murr-Kreis geladen hatten.

Wie lernt das Gehirn? Mit dieser Frage beschäftigt sich Spitzer, der Fernsehzuschauern aus der ARD-Reihe „Gehirn & Geist“ bekannt ist, intensiv. Der 57-Jährige verdeutlichte, wie Glück und Lernen zusammenhängen. „Der Lernturbo in unserem Gehirn springt an, wenn uns etwas Positives geschieht, das uns überrascht. Beobachten Sie nur ein Kleinkind, das einen Schrank ausräumen darf. Es ist begeistert von allem, was es Neues in die Hand bekommt und ausprobieren kann.“

Das Gehirn lernt auch im Alter noch dazu

Im Kindesalter sei die Lernkurve steil, doch auch als Erwachsener könne man Lernerfolge erzielen – durch fleißiges Training. „Wer vier Instrumente spielen kann, wird das fünfte schneller beherrschen als jemand, der noch nie Musik gemacht hat“, verdeutlichte Spitzer, der Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm ist und das Transferzentrum für Neurowissenschaften gegründet hat. Hier wird erforscht, wie Lernprozesse im Gehirn ablaufen.

Der Doktor der Medizin und Philosophie beleuchtete Probleme, die viele Menschen aus ihrem Arbeitsalltag kennen – Stress zum Beispiel. Dieser sei eine Notfallreaktion des Körpers. Bei Stress werden Herz- und Kreislaufsystem angekurbelt, die Verdauung oder das Immunsystem dagegen gebremst. „Deshalb bekommen gestresste Menschen Herzprobleme oder Magengeschwüre.“

Ein soziales Netz hält gesund

Doch was hilft dagegen? Spitzers einfache Antwort: Freunde und Familie. „Je besser jemand sozial eingebettet ist, desto weniger Stresshormone hat er im Blut. Wer ein soziales Netz hat, lebt also gesünder.“ Dagegen wirke sich Einsamkeit negativer auf die Lebenserwartung aus als Rauchen oder Alkohol. 

„Doch wie soll man der Einsamkeit entgehen, wenn die aktuellen Megatrends Singularisierung, Urbanisierung und Medialisierung heißen?“ Kritische Worte fand Spitzer vor allem für die Nutzung digitaler Helfer – vom Smartphone über Google bis zu sozialen Netzwerken wie Facebook. Mit seinem Bestseller „Digitale Demenz“ hatte der Hirnforscher eine Kontroverse über die Auswirkungen übermäßigen Medienkonsums ausgelöst. Seine These: Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und dem Geist. Die Lernfähigkeit werde, vor allem bei Kindern, vermindert und das Gedächtnis lasse nach.

Kritik an Nutzung digitaler Medien

Die Folgen reichten bis ins Zwischenmenschliche: „Wenn ein Zehnjähriger seine Sozialkontakte nur noch am Bildschirm pflegt, ist das hochproblematisch, denn er muss erst noch lernen, mit anderen umzugehen.“ Bei aller Kritik schob Spitzer aber nicht den jungen Leuten den Schwarzen Peter zu. Vielmehr sieht er die Erwachsenen in der Verantwortung: „Die nächste Generation ist der ganze Reichtum, den wir hier in Deutschland haben. Sie müssen wir fördern.“