Winnenden

Hund und Auto: Eine Gefahr für das Wild

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Warnschilder erstnehmen! © Habermann / ZVW

Schwaikheim/Welzheim. „Caro“ hatte Glück: Das Rehkitz, das bei einem Unfall auf der B 29 Anfang Mai aus dem Bauch der Mutter gerissen wurde und überlebte, ist wohlauf. Leider gehen nicht alle Geschichten so glimpflich aus: Innerhalb einer Woche musste Jagdpächter Uwe Kaiser zwei schwer verletzte Rehe in seinem Revier töten, weil sie sich in Panik in einem Gartenzaun verheddert hatten. Häufig seien leichtsinnige Hundebesitzer die Ursache.

Zweimal kurz hintereinander erhielt Uwe Kaiser, Jagdpächter im Revier Schwaikheim, von zwei verschiedenen Stücklebesitzern Anrufe. Einer hatte morgens einen Bock im Zaun gefunden, beim anderen hatte sich eine schwer verletzte Rehgeiß im Zaun verheddert. Die hochträchtige Geiß habe noch gelebt, als er sie per Fangschuss erlegte, berichtet Kaiser von dem Vorfall. Ihre zwei Föten seien bereits tot gewesen. Außerdem habe sie Bisswunden am Schenkel aufgewiesen, die „eindeutig von einem größeren Hund“ stammen.

Leichtsinnige Hundehalter sind die Ursache 

„Wenn Hundebesitzer ihre Tiere frei springen lassen, reicht es, wenn sie die Fährte aufnehmen und das Wild aufschrecken, sie müssen es nicht einmal erwischen.“ Rehe sind Fluchttiere. Einmal aufgeschreckt rennen sie um ihr Leben – und manchmal ins Verderben. Immer wieder sind seiner Beobachtung nach leichtsinnige Hundehalter die Ursache dafür, wenn er herbeigerufen wird, um ein verletztes Reh, ein Wildschwein, einen Dachs oder Fuchs von weiterem Leiden zu erlösen.

Wildfunde nehmen stark zu 

Insgesamt verzeichnet Kaiser in seinem Gebiet einen Zuwachs an Wildfunden. In früheren Jahren seien pro Jagdjahr zwischen 10 und 15 Tiere gemeldet worden, bis Ende April 2017 habe er in einem Jahr 21 tote Tiere registriert. Die beiden Rehe der Stücklebesitzer zählen nicht mehr dazu, da ihre Funde bereits ins laufende Jagdjahr fallen.

In Schwaikheim seien Wildunfälle zwar ohnehin häufiger als in anderen Revieren, relativiert Kaiser. Denn: „Die Lage ist sehr umkreist von stark befahrenen Straßen.“ Doch abgesehen von Unfällen mit Fahrzeugen seien Hundehalter eine Störung und Gefahr für das Wild.

Jeder Hund besitzt "Wolf-Gen"

„Aktuell kann es während der Brut- und Setzzeit vermehrt zu Begegnungen mit Rehkitzen kommen“, gibt Tierschützerin Karin Sailer aus Berglen zu bedenken. Unvorsichtige Hundehalter halte dies ihrer Beobachtung nach allerdings häufig nicht davon ab, ihre Vierbeiner unangeleint springen zu lassen. „Das Gras ist jetzt hoch, die kleinen Kitze sitzen drin, das weckt den Jagdtrieb des Hundes“, sagt Sailer.

In jedem Hund stecke ein „Wolf-Gen“, widerspricht auch Uwe Kaiser jedem Hundebesitzer, der behauptet: „Mein Hund wildert nicht, das hat er noch nie getan.“ Der Hund wittert das Tier, dann folgt er nicht mehr. „Er hat einen Jagdinstinkt, es ist seine Natur, Wild zu jagen, man hat also keine Garantie“, so Kaiser.

Hundeführerschein: Ein Muss

Viele Hundebesitzer haben schlichtweg keine Ahnung, wen sie da neben sich spazieren führen, ist Rosemarie Lehrer, Hundelehrerin aus Welzheim, überzeugt. „Viele haben keine Zeit, sich mit dem Hund zu beschäftigen, sie haben nur ein großes Herz für Tiere, aber keinerlei Fachwissen.“ Ein Hundeführerschein, den es ihrer Information nach in anderen Bundesländern und in der Schweiz gibt, ist für die Hundelehrerin ein Muss.

Herrenlose Tiere nicht mit nach Hause nehmen 

Apropos „großes Herz für Tiere“: Schaden könnten den Wildtieren nach Meinung von Tierschützerin Sailer auch Menschen, die herrenlose Tiere aus Mitleid mit nach Hause nehmen – im Irrglauben, das Tier sei verwaist und sie tun ihm etwas Gutes. „Die Jungen sind Platzhocker, die warten, bis ihre Mutter wiederkommt.“ Häufig führe der Versuch, das Tier nach einigen Wochen oder Monaten in „Gefangenschaft“ in die Freiheit zu entlassen, zu Problemen. Darum rät Sailer, das Tier in den Grünstreifen neben dem Weg zu setzen und jeden Wildtierfund dem Jagdpächter oder Förster zu melden, der über die Leitstelle der Polizei verständigt wird.


Jagd und Wildunfälle: Zahlen und Fakten

Die Kreisjägervereinigung registriert keine auffälligen Wildfunde. „Wildunfälle sind ein Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Sie richten sich auch nach der Populationsdichte“, sagt Pressesprecher Jan-Lennart Löffler. Angesichts der hohen Wildschweinpopulation im Rems-Murr-Kreis seien Wildschweine häufiger in Wildunfälle verwickelt als andere Tiere.

Beim Schwarzwild wurden bei einer Strecke von 610 Wildschweinen 20 Wildunfälle gezählt. Das entspreche 3,3 Prozent. Im Jagdjahr 2015/2016 lag der Wert bei vier Prozent.

Eine allgemeine kreisweite Zunahme an Wildfunden ist Löffler zufolge nicht bekannt. Für das vergangene Jagdjahr verzeichnen die Jäger im Bereich der KJV Waiblingen eine Strecke von 1483 Rehen, davon waren 243 sogenannte Verkehrsverluste, also Wildunfälle. Das sind 16,8 Prozent (Jagdjahr 2015/2016: 15,7 Prozent).

Aus den Zahlen ergeben sich laut Löffler keine signifikanten Veränderungen und ein geringer Anteil an Verkehrsverlusten. „Es kann immer mal wieder einzelne Schwerpunkte geben, aber eine ungewöhnliche Häufung beschäftigt uns derzeit nicht“, so Löffler. Auch eine Nachfrage bei sechs einzelnen Revieren ergab keine Auffälligkeiten hinsichtlich einer besonderen Zu- oder Abnahme.

„Es ergibt sich kein einheitliches Bild. Einige Reviere hatten keine Wildunfälle im vergangenen Jahr. Andere ein oder zwei bis hin zu sieben Wildunfällen im letzten Jagdjahr.“

Tipps für Autofahrer

  • Immer die Warnschilder vor Wildwechsel beachten und die Fahrweise entsprechend anpassen.
     
  • Besonders am Rand von Wiesen, Feldern und Wäldern sollten Autofahrer vor allem in der Dämmerung die Geschwindigkeit verringern und vorausschauend fahren.
     
  • Wichtig ist, dass bei Wild auf der Straße oder am Straßenrand das Fernlicht abgeblendet wird. Das Blenden mit dem Fernlicht verwirrt und blendet die Tiere, sie verlieren die Orientierung und laufen oft instinktiv auf die Lichtquelle zu. Danach Geschwindigkeit anpassen, hupen sowie im Extremfall anhalten, bis das Wild abgesprungen ist.
     
  • Auch riskante Ausweichmanöver sollten Autofahrer im Ernstfall vermeiden. Der Autofahrer sollte so stark wie möglich bremsen und das Fahrzeug in der Fahrspur halten. Der Zusammenprall mit einem anderen Auto oder einem Baum birgt größere Gefahren für Leib und Leben als die Kollision mit einem Tier.
     
  • Nach einem Wildunfall ist grundsätzlich die Polizei zu rufen. Diese verständigt auch den Jagdpächter, der sich um die Wildunfälle kümmert.
     
  • Wurde das Tier bei der Kollision verletzt oder getötet, sollte man es wegen möglicher Wildkrankheiten nicht anfassen. Verletzte Tiere können sehr wehrhaft sein. Es besteht daher auch eine erhebliche Gefahr der Eigenverletzung bei Berührung des Tieres.