Winnenden

Ist ein Radschutzstreifen zu wenig? Überzeugter Radfahrer hält Konzept für alte B14 für gefährlich

altB14 Radler
Der Winnender Arzt Dr. med. Frank Marschall befürchtet, dass die Waiblinger Straße, aktuell noch Großbaustelle, auch in Zukunft wenig fahrradfreundlich sein wird. © Gabriel Habermann

Der Winnender Arzt Dr. med. Frank Marschall ist ein überzeugter Fahrradfahrer. Zu Hausbesuchen im Stadtgebiet und in den umliegenden Gemeinden kommt Herr Doktor mit dem E-Bike. Was die Stadt beim Rückbau der alten B14 für Radler vorgesehen hat, einen einfachen Fahrradschutzstreifen, ist dem 56-Jährigen klar zu wenig. Er wünscht sich für die neue Ortsdurchfahrt einen deutlich farblich abgegrenzten, bestenfalls barrierengeschützten Radweg, nicht die aus seiner Sicht „veraltete“ gestrichelte Lösung. Die Stadtverwaltung hält dagegen – und argumentiert mit begrenztem Raum, Bäumen und Fußgängern.

Vor drei Jahren hat Frank Marschall sein Auto verkauft. Die Kinder lägen ihm schon lange in den Ohren damit, was seine Generation klimatechnisch verbockt habe, sagt der Allgemeinmediziner und Internist und lächelt. Seit dem radikalen Schnitt ist er nur noch mit dem Fahrrad unterwegs. Privat oft mit dem Mountainbike. Beruflich, insbesondere mittwochs, auf Visite, mit dem Elektro-Rad. Das ganze Arzt-Equipment steckt in den Satteltaschen.

„Das geht in Winnenden eigentlich sehr gut“, sagt Marschall über sein autoloses Leben, „da wir hier keine Wahnsinnssteigungen haben und alles sehr konzentriert ist, vom Einkaufen bis zu den Ämtern. Nur die Radwege könnten besser sein.“

Marschall: Radverbindung nach Schwaikheim ist „lebensgefährlich“

Zur Pauschalkritik ausholen will der Arzt nicht. Er weiß, dass an besseren Radverbindungen getüftelt wird, und hält zum Beispiel die farblich abgesetzten Radstreifen in der Bad- und in der Wallstraße für gelungene Beispiele. Seine Wahrnehmung als Vielradler mit jährlich rund 3000 Kilometern auf dem Tacho: Durchgezogene, farblich abgesetzte Wege flößten Autofahrern größeren Respekt ein, auch beim Überholen, als die gestrichelte Linie. Und: „Ich empfinde es so, dass man als Radfahrer auf einem Radweg mit einer durchgezogenen Linie den Autofahrern weniger auf die Nerven geht, wenn man langsam ist“, sagt Frank Marschall.

Dass nun auf der neuen Ortsdurchfahrt, der Waiblinger Straße, die seit Sommer umgebaut wird, nur die gestrichelte Variante vorgesehen ist, hält Marschall für eine schlechte Idee. „Die Alte B 14 wird für E-Radler die Verbindung Backnang - Waiblingen sein und somit verkehrsplanerisch wichtig“, sagt der 56-Jährige. „Die Radverbindung Winnenden - Alte B 14 - Schwaikheim ist mit der lebensgefährlichen Schutzstreifen-Lösung ein schlechtes Beispiel. Sie wird von Rad-Pendlern gemieden, da man zentimeterknapp mit Tempo 70 von Kraftfahrzeugen überholt wird.“ Patienten in Schwaikheim sind die einzigen, die Marschall noch mit dem Praxis-Auto besucht.

Auf der Waiblinger Straße ist nach Fertigstellung eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h vorgesehen, mit Ausnahme des Bereichs zwischen Wallstraße und Gerberstraße, wo nur 30 km/h gefahren werden darf. Für Radler bedrohlich sind Autos und Lastwagen freilich auch bei diesen Geschwindigkeiten.

Die neue Ortsdurchfahrt wird an den Stellen ohne grüne Mittelinsel aus drei Metern Gehweg, 1,50 Meter Radschutzstreifen, 5,50 Meter Fahrbahn (insgesamt, für beide Richtungen), erneut Radschutzstreifen und Gehweg bestehen. Für Frank Marschall sind gefährliche Situationen vorprogrammiert: Bei 2,25 Meter Breite pro Autofahrbahn und einem Mindestabstand von 1,50 Meter beim Überholen von Radlern blieben dem Autofahrer im Zweifel 75 Zentimeter „Restbreite“. Heißt: Autofahrer müssen auf die Gegenfahrbahn ausweichen – oder ignorieren im Zweifel den Abstand. Das wiederum bedeute: Gefahr für Fahrradfahrer. „Das wird echt eng“, sagt Marschall.

Stadt macht die Rechnung auf: Bäume oder Radweg

Was sagt die Stadtverwaltung zu Frank Marschalls Kritik? Schließlich soll das Millionenprojekt laut Bauamtschef Roland Bornemann „Platz schaffen für Radfahrer, für Fußgänger“. Tatsächlich ist die Planung ja schon eine Verbesserung zum bislang löchrigen Radkonzept auf der Ortsdurchfahrt.

Warum die Planung ist, wie sie ist, erklärt Rathaus-Pressesprecherin Franziska Götz auf Nachfrage: „Das planerische Konzept hat von Anfang an die Schutzstreifenvariante (gestrichelte Linie) vorgesehen, um auch für den Fußgänger sowie das Stadtbild Verbesserungen erzielen zu können“, heißt es darin. Die von Marschall gewünschte „Radfahrstreifenvariante“ würde mehr Fahrbahnfläche benötigen, laut Stadt circa 1,30 bis 1,50 Meter mehr. „Bei dieser Breite wäre die Pflanzung von Bäumen auf beiden Seiten nicht möglich gewesen und die Gehwege würden so schmal wie aktuell bleiben. Somit wäre mit einem Radfahrstreifen keine Verbesserung für Fußgänger und das Stadtbild erfolgt.“ Es bestehe auch in Zukunft die Möglichkeit, Radfahrer mit ausreichend Abstand zu überholen. Das Bauamt lässt ausrichten: „Der Zielkonflikt ist mangels Flächenressource wahrscheinlich nicht für alle Verkehrsteilnehmende hundertprozentig befriedigend aufzulösen. Aber unter dem Strich werden 60 neue Stadtbäume einen Beitrag zur nachhaltigen Stadt leisten!“

Nach Angaben der Stadtverwaltung wurden 2021 „in der Spitzenstunde circa 100 Radfahrende in der Stunde“ im Bereich Brückenstraße gezählt. Frank Marschall geht davon aus, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen werden, auch wenn er als radelnder Arzt aktuell noch zu den Exoten unter den Berufspendlern zählt. Er hofft, dass Radlern und deren Sicherheit bei zukünftigen Planungen mehr Platz eingeräumt wird.

Der Winnender Arzt Dr. med. Frank Marschall ist ein überzeugter Fahrradfahrer. Zu Hausbesuchen im Stadtgebiet und in den umliegenden Gemeinden kommt Herr Doktor mit dem E-Bike. Was die Stadt beim Rückbau der alten B14 für Radler vorgesehen hat, einen einfachen Fahrradschutzstreifen, ist dem 56-Jährigen klar zu wenig. Er wünscht sich für die neue Ortsdurchfahrt einen deutlich farblich abgegrenzten, bestenfalls barrierengeschützten Radweg, nicht die aus seiner Sicht „veraltete“ gestrichelte

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