Winnenden

Jürgen Hörig: Landesschau-Moderator und Sänger

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Fernsehmoderator Jürgen Hörig und sein erster Longplayer: Out comes. © Büttner / ZVW

Berglen. Was man über so einen wie ihn spricht, weiß Jürgen Hörig ziemlich genau. Aha, jetzt also auch er. Die übliche Krise, die den Mann im mittleren Alter packt. Der eine schafft sich eine Harley an, ein anderer ruft wieder seine alte Band zusammen, macht Musik. Wie früher eben. Bei Jürgen Hörig, dem SWR-Landesschau-Mann, liegt der Fall freilich anders.

Video: Out Comes by Umon feat. Jürgen Hörig.

Wenn der Anwalt seinen 500. Fall durchhat und der Zahnarzt schon alle Ruinen behandelt, dann kommt es gern zum Rückgriff. Wieder andocken an dem, was früher Spaß machte.

Jürgen Hörig, der Glückliche, ist einige Schrittlängen davon entfernt, in Routine zu erstarren. Die Wechselfälle, die er als Fernsehmann, als Ankermann der Landesschau, zu verhandeln hat, brauchen den ganzen Mann. Er kann sich nicht wegträumen. Und er will auch gar nicht vor sich abhauen.

Musikalisches Kind der 80er

Musikalisch ist der heute 51-Jährige in den 80er Jahren groß geworden. Er weiß um das Verdikt von Pop-Päpsten, die vom schlimmsten Jahrzehnt aller Zeiten sprechen. Er aber behauptet fest, dass mit Depeche Mode oder den Pet Shop Boys durchaus Großes in dieser Zeit ans Gehör drang. Schwitzig nach Rockerart, das war nicht sein Ding. Apart dunkel-düster unterlegt, romantisch auch, schon eher. Die Schmerzensmänner von Cure haben ihn geprägt. Jürgen, der Jüngere, stand vor einem Pädagogikstudium. Da flattert man nicht einfach wie ein blaues Band durch den Lebensfrühling.

Nur keine Karaoke-Nummern

Eine Band hat er nie betrieben. Das Musikmachen anderen überlassen. Das Singen war für ihn etwas, was man unter der Dusche zu erledigen hatte. Und doch, die Musik ließ ihn nicht los. Und sei’s, dass er da Ende seiner 40er Jahre einen komischen Einfall bekam. Der Geburtstag der Frau naht. Es soll das besondere Geschenk sein. Also, sagt sich der liebende Mann, was Unverwechselbares wär’s doch. Ich nehm’ ein paar Songs, die etwas über uns sagen, sag’ das dann aber mit meiner Stimme. Aber in dem Moment war das Selbstbewusstsein noch nicht groß genug, um einfach ein Karaoke-Tape einzuspielen. Man hat ja Kontakte, kennt Leute. Und: Technik hilft.

Video: Jürgen Hörig singt Family Affairs.

Er rief Conny Conrad an. Einen freien Produzenten, über den er schon eine Geschichte fürs Fernsehen gemacht hat. Der ihn beeindrucken musste, denn Conrad belässt es nicht beim Knöpfchendrehen. Er kann berückend gut Klavier spielen, schreibt die Musik selber. Der Produzent aus Horb sah sich die Texte an, die Hörig im Gepäck hatte. So entstand erst einmal eine Single. „Brand new Songs“. Was Eigenes, kein Abklatsch der schönsten Weltschmerz-Melodien. „Ein lockeres Pop-Stück, das der Musikproduzent dem TV-Mann quasi auf den Leib geschrieben hat“ – so hat’s mal jemand beschrieben. Irgendwie dann doch auch ein Jungs-Ding. Auch weil sich zudem im Sender Leute fanden, die mit ihm ein Video dazu drehen wollten. Nun: immer noch ein „Werkstattprojekt“, wie er sagt.

Lebensverarbeitung in Songtexten

Aber er kam auf den Geschmack. Nein, er bekam „wahnsinnige Lust“. Sonst sei’s ja so, dass er als Fernsehmann immer nur Worte verwende, die sich dann versenden. „Einmal anders arbeiten mit meinen Texten“, diese Idee hatte ihn gepackt. Und siehe da. Ob am Schreibtisch oder beim Gassigehen mit dem Hund auf den Höhen der Berglen, die Lebensverarbeitung in Songtext-Kürze und -Würze reichte bald für eine ganze CD. Da heißt es in „Years (the Mirror)“: „Die Jahre haben meine Haut faltig gemacht. Aber ich weiß, das ist die Abmachung: Die Zeit macht meine Seele nicht faltig. Es ist richtig, was ich fühle.“ Da bläst sich jemand selber den Marsch zum Aufbruch.

Wenn man das Produkt hört, stellt sich gelindes Erstaunen ein. Es ist frappierend, wie sich ein Zufallstonsetzer so sehr anverwandeln kann zum Leib-und-Magen-Komponisten. Je nach Stimmung wird es balladig-akustisch, dann wieder chillig ambientmäßig. Schließlich war ja Easy Listening in den 80er und 90er Jahren ein großes Ding – in der Rückbesinnung auf Bert Kaempfert beispielsweise. Der Generalbass der zwölf Nummern: so getragen wie relaxed.

Die Rockröhre wird er nie geben

Hörig weiß, wie man phrasiert, um Markantes auch blockhaft stehenzulassen. Er wird nie der große Shouter werden, das weiß er selbst. Es wäre ihm auch peinlich, wenn er auf einmal die Rockröhre geben wollte. Er hat sich im Vorfeld der Aufnahmen einen Stimm-Coach genommen. Stimmlehrer erzeugen im Schüler vor allem Stimmungen. Sie lehren einem, nicht einfach den Text rauszubrüllen, sondern „feinst dosiert rauszulassen“. Sie zeigen einem aber auch, „wie man Kraft und Luft ins Zwerchfell bringt“. Jürgen Hörig wird weiter diese Dienste in Anspruch nehmen. Er will’s wirklich wissen, wie weit ihn seine Stimme noch trägt. Aber er übertreibt’s mit der Selbstgewissheit nicht: „Ich werde nie wie Robby Williams.“

Schon trägt die schöne Nebenbefassung für eine Idee, damit rauszugehen. Nicht als singender Fernsehmoderator, sondern unter seinem Pseudonym-Akronym. Seinen Namen sieht er durch den Sender schon zur Genüge ventiliert. Mit Jürgen Hörig wollte er nicht raus. Sich irgendeinen Fantasienamen auszudenken fand er auch affig. Also trieb er sein Spiel mit der Namensfindung und macht den Prozess zum Titel: U.M.O.N. Steht für „Under My Own Name“.

Der Eierbecher: Das Mikro seiner Kindheit

Dass er irgendetwas mit seiner Stimme anstellen wird, das hat sich denn doch früh abgezeichnet. Es war im Badener Land, Klein-Jürgen steht zuoberst im Stockbett und singt in einen Eierbecher. Das Mikro der Kindheit.

„Das Hobby“ jetzt soll bei aller ernsten Befassung „im Rahmen bleiben“. Er sieht es als „wunderbares Geschenk, an dem ich wahnsinnig Spaß habe“. Also sollen auch andere teilhaben. „Den einen oder anderen Auftritt“ plant er schon. Dann als Akustik-nummer mit einem Pianisten. Fast ein bisschen verschämt behandelt er dieses Coming-out. Wo und wann? Noch keine Ahnung.

Also, was ist jetzt mit der Midlife-Krise? Er winkt ab: „Mein Beruf deckt im Grunde das Bedürfnis, in der Öffentlichkeit zu stehen, genug ab. Ich mach’ das sicherlich nicht, um irgendeine Anerkennung zu bekommen.“

Jetzt nicht auch noch ein Buch schreiben

Es sei auch nichts Weiteres zu befürchten. Nur weil er mal für zwei Seiten was aufs Papier bringt, „werd’ ich nicht gleich ein Buch rausbringen“.

Das mit dem Singen aber soll weitergehen. Er will sich bei der nächsten Einspielung was trauen. „Ein bisschen emotionaler sein“, dahin soll es gehen. Live-Gefühl auf die Platte zu bringen, das schwebt ihm vor. „Mehr dirty“. Ein Coming-out Stufe für Stufe, Platte für Platte.

Musik für einen guten Zweck

Das Projekt hat noch einen sozialen Hintergrund. Wenn Hörig, der mit dem Radiomoderator Elmar Hörig nur um einige Ecken herum verwandt ist, doch auf eine kleine Tour geht, dann für einen guten Zweck. Die Verkaufseinnahmen der CD und sonstiges Gutes tuendes Geld geht an die Kinder-Nachsorgeklinik in Tannheim bei Villingen Schwenningen. Hörig ist seit Jahren im Vorstand aktiv. „Dieses Projekt bedeutet mir so viel und deshalb war es mir wichtig, dass auch andere Menschen etwas davon haben.“ Beim Song „Hey life“ stand ein Kinderchor mit Hörig im Studio.