Winnenden

Jugendliche Intensivtäter: Strafrecht soll’s richten

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Symbolbild. © Mathias Ellwanger

Murrhardt. Der jugendliche Intensivtäter, der in Murrhardt wegen seines delinquenten Verhaltens die Menschen gegen sich aufbringt, ist im Mai 14 Jahre alt und damit strafmündig geworden. Nicht nur im Ort hofft man, dass nun endlich das Strafrecht greift. Auch die Sozialdezernentin des Kreises sieht leider kaum noch andere Möglichkeiten.

Kinder und Jugendliche genießen in unserem Rechtssystem besonderen Schutz und werden für Vergehen anders sanktioniert als Erwachsene. Eine hehre Aufgabe der Jugendhilfe wiederum ist es, Kinder und Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind, zurückzuholen auf den „rechten Weg“ und zu verhindern, dass sich Automatismen hin zu einer „kriminellen Karriere“ verfestigen und nachhaltig wirken. Wie schwer sich dies im Falle des nunmehr 14-jährigen Intensivtäters in Murrhardt, der bereits vor seiner Strafmündigkeit weit mehr als 100 Einträge in seiner Polizeiakte stehen gehabt haben soll, gestaltet, lässt Petra Bittinger allenfalls zwischen den Zeilen durchblicken.

Die Sozialdezernentin des Rems-Murr-Kreises darf aus datenschutzrechtlichen Gründen nichts zu konkreten Fällen sagen. Nur so viel: „Wir arbeiten seit Jahren eng mit allen möglichen Stellen zusammen, es gibt regelmäßige Gespräche mit der Polizei und dem Bürgermeister, Herr Mössner. Auch die Eltern des Jungen stellen sich nicht quer. Und weil es in den Medien schon berichtet wurde, können wir bestätigen, er war schon in Betreuungseinrichtungen, er hat es dort aber nicht lange ausgehalten. Die Möglichkeiten des Jugendamtes sind begrenzt. Jetzt muss wohl leider das (Jugend-)Strafrecht greifen. Die Justiz ist gefragt.“ Was Petra Bittinger nicht bestätigt, aber als Ultima Ratio noch im Instrumentenkoffer des Jugendamtes schlummern könnte, wäre auch der Entzug des elterlichen Sorgerechts.

Dass es im Ländle keine (halb-)geschlossenen, strafferen Einrichtungen wie einst auf dem Schönbühl mehr gibt, könne man freilich kontrovers mit vielen Pros und Contras diskutieren. Für eine solche Einrichtung müsste sich aber auch erst noch ein Träger finden. Und ein Träger sei zur Aufnahme nicht verpflichtet, könne Jugendliche ablehnen und auch wieder rauswerfen.

„Auch wenn in manchen Fällen eine solche geschlossene Einrichtung vielleicht helfen würde, ich würde eine solche Einrichtung in unserem Landkreis nicht proaktiv betreiben. Das wäre sicherlich kein Prestige-Objekt für unseren Landkreis“, sagt Petra Bittinger. Zudem müsste ein Gericht die Unterbringung eines Jugendlichen beschließen, das könne nicht das Jugendamt. „Das Jugendamt kann ja auch keine Gefängnisstrafe verhängen.“

Möglicherweise müsse eine offene Gesellschaft aber auch ein gewisses Maß an kindlicher und jugendlicher Delinquenz aushalten lernen. Diese habe es schon immer gegeben. Klar falle sie in einer Großstadt wie Stuttgart nicht so ins Gewicht wie in einem kleinen Ort wie Murrhardt. „Ich hoffe bloß, dass niemand zur Selbstjustiz greift. Hier scheint sich ja eine richtige Front gegen den jungen Mann aufgebaut zu haben.“

Schade findet Bittinger auch, dass im Falle des Murrhardters der kosovarische Migrationshintergrund und im Falle der Backnanger/Aspacher Jugendtätergruppe die involvierten Roma als jeweils maßgeblich hervorgehoben worden seien. Damit könnten sich nun viele Stammtischredner in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen. Sie hingegen sehe keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Herkunft. Schließlich gebe es auch deutsche Jungkriminelle, sagt Bittinger.

Auch beim Polizeipräsidium Aalen hofft man bezüglich des 14-jährigen Murrhardters nun vor allem auf das Strafrecht. Seit dem Erreichen der Strafmündigkeit hat er erneut mindestens fünf Straftaten begangen. Neu anhängig sind Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Handydiebstahls, Pkw-Diebstahls, Einbruchs und versuchten Einbruchs, bestätigt Polizeisprecher Holger Bienert.