Winnenden

Kärcher: Folie zwingt Eidechsen zum Umziehen

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Eidechsen-Umzugsaktion bei Kärcher am Leutenbacher Tunnel Projektleitung Kärcher Oliver Gras erklärt © Habermann / ZVW

Winnenden. Großes Rätselraten lösten die schwarzen Folien aus, die in der Nähe der B-14-Tunnelzufahrt auf dem Gelände der Firma Kärcher liegen. Während die einen kontaminierten Boden vermuteten, sorgten sich andere um die Kleinstlebewesen. Sinn und Zweck der Folien-Aktion war es, eine größere Zauneidechsen-Population zum Umzug zu bewegen, geschätzt 170 Tiere.

Auf dem 17 Hektar großen Gelände, das automobilzentral zwischen den Bundesstraßenauffahrten und der Landesstraße zwischen Winnenden und Affalterbach liegt, wird die Firma Kärcher nächstes Jahr ein Waschcenter bauen und daneben an einen Tankstellenbetreiber verpachten, der darin auch ein kleines Bistro betreibt.

Aktion mit Erfolg

Den Weg dafür frei gemacht haben Biologen. 63 Zauneidechsen haben sie bei der Untersuchung des steinigen Geländes entdeckt, hochgerechnet hielten sich also etwa 170 der geschützten Tiere auf der Brache an der Marbacher Straße auf. Das Regierungspräsidium genehmigte die Umzugsaktion. Oliver Graf, Projektleiter und Facility Manager in der Kärcher-Bauabteilung, hat seit Anfang April jeden Tag ein Protokoll der Biologen erhalten und kann nun den Erfolg der Aktion melden. „Am Donnerstag entfernen wir die Folien, am 19. Juni können wir mit dem Bau der Kanäle, Wasser- und Gasleitungen beginnen.“

Biotop liegt ebenfalls auf dem neuen Kärcher-Areal

Die Firma Kärcher hat praktischerweise mit dem Gelände, in dessen unterem, Leutenbacher Bereich früher auch der Ton für die Ziegel abgebaut wurde, schon ein Biotop mitgekauft – und es in den letzten Jahren noch deutlich erweitert. „Die Biologen haben wir von Anfang an mit ins Boot genommen, und wir bezahlen auch für die Biotoppflege, Jahr für Jahr“, erläutert Oliver Graf. So können alle sicher sein, dass sich die Eidechsen im neuen Quartier dauerhaft wohlfühlen: „Totholzhaufen und Steinriegel, in denen sie sich verstecken können und Nahrung finden, dürfen nicht zuwuchern“, weiß Oliver Graf.

"Manche dachten auch an Spargelanbau"

Verseucht war das Gelände also keineswegs, auch wenn hier während der Tunnelbauarbeiten der Abraum gelagert wurde. „Manche dachten auch an Spargelanbau“, erzählt Oliver Graf lachend angesichts des Winds, der am Dienstag die Bahnen hochbläht. Direkt am Ende der Marbacher Straße, vor dem ersten Kreisel, ging das Projekt Anfang April los. Die Biologen stellten kniehohe Zäune aus grünen Planen auf, die später bei der Krötenwanderung woanders ihre Dienste tun können.

Vier weitere Schritte

Dann ging’s in vier Schritten weiter. Die Hälfte des ersten Abschnitts wurde mit Folienbahnen belegt. Bei warmem Wetter wird’s den Eidechsen darunter zu warm, sie kriechen auf die Grasstreifen zwischen den Folien, wo sie aber nichts zu fressen finden. „So zogen sie binnen einer Woche Richtung Biotop. Dann wurde der Rest des ersten Abschnitts mit Folie belegt. Dann kam der zweite Abschnitt dran“, so Graf. 240 Meter haben die Zauneidechsen auf diese Weise zurückgelegt. Die Biologen kontrollierten jeden Tag, ob die Maßnahme fruchtet – und fingen auf einem 5000 Quadratmeter großen Zwickel die Eidechsen von Hand ein. Also so, wie man es von den Gebieten für die S-21-Bahnstrecken her kennt: mit einem Schlingenstock. „Wie bei Alligatoren“, zieht Oliver Graf lachend einen Vergleich, „bloß eben ganz klein“.

Großer Unterschied zu Stuttgart 21

Apropos S 21: „Ich habe die Artikel zur Eidechsenvergrämung gelesen“, sagt der Kärcher-Projektleiter. Darin wurden horrende Kosten pro umgesiedeltem Reptil genannt, bis 4000 Euro. „Weil der Grunderwerb und die Anlage des Biotops dazukamen“, sagt Graf. Kärcher dagegen hat nun 276 Euro pro Tier ausgegeben, 47 000 Euro netto für eine Umzugsaktion.

Biotop zwischen Aldi, Moschee und Kärcher

Pro Tag konnten die Biologen von der Ludwigsburger Firma ÖPF (Ökologie, Planung, Forschung) drei bis vier Eidechsen von Hand fangen auf einem 5000 Quadratmeter großen Bereich. Wo die Folien-Vergrämung möglich war, auf insgesamt 12 000 Quadratmeter, beobachteten sie zehn bis zwölf Reptilien pro Tag.

Das Biotop zwischen dem Leutenbacher Aldi-Discounter, der Flüchtlingsunterkunft, der alten, grauen Ziegeleihalle („Sumpfhaus“) auf dem Kärchergelände und der türkischen Moschee Winnenden ist 23 000 Quadratmeter groß und eingezäunt.

Hier leben bereits viele geschützte Arten, etwa der Feuerfalter oder die Wechselkröte. Die reine Eidechsenfläche mit vielen Steinen, wenigen Pflanzen und Holz- und Steinhaufen zum Verstecken vor den Turmfalken nimmt 13 000 Quadratmeter der Biotopfläche ein.