Winnenden

Kürzere Wartezeiten bei der Notfallversorgung

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Notfallpraxis und Notaufnahme wurden räumlich zusammengelegt. © Laura Edenberger
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Das Schild am Gesundheitszentrum weist Patienten den richtigen Weg. © Gabriel Habermann
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Chefarzt Dr. Torsten Ade in Winnenden. © Gabriel Habermann
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Die leitende Ärztin Dr. Angela Rothermel in ihrer Notaufnahme in Schorndorf. © Gabriel Habermann

Winnenden/Schorndorf. Notfallpraxis? Notaufnahme? Wer abends oder am Wochenende einen Arzt braucht, muss sich nicht mehr um Spitzfindigkeiten des deutschen Gesundheitswesens scheren. Vor knapp einem Jahr sind in Winnenden und Schorndorf die Notaufnahmen umgebaut und mit den Notfallpraxen der niedergelassenen Ärzte zusammengelegt worden. Der Notdienst schlägt neue Wege ein.

„Wir sind umgezogen“, weist ein Schild am Winnender Gesundheitszentrum den Patienten den richtigen Weg hinüber ins Klinikum. In der Notfallversorgung wächst zusammen, was zusammengehört. Denn die Unterscheidung zwischen Notfallpraxis und Notfallaufnahme im Krankenhaus war und ist den Bürgern nicht zu vermitteln. Rems-Murr-Kliniken und niedergelassene Ärzte ziehen nach fast einem Jahr eine positive Zwischenbilanz. Die Wartezeiten haben sich verringert, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der interdisziplinären Notaufnahme in Winnenden. Im Durchschnitt erfolge nach 43 Minuten der erste Arztkontakt. „Weniger als in einer Facharztpraxis“, sagt Ade schmunzelnd.

Neues Klinikum war Patienten-Ansturm nicht gewachsen

Der Notfall Notaufnahme“. So lauteten die Schlagzeilen nach der Eröffnung des Rems-Murr-Klinikums Winnenden im Sommer 2014. Unerträglich lange Wartezeiten, unklare Strukturen und ein in der Folge überfordertes und oft genervtes Personal verärgerten Patienten und ihre Angehörigen. Das neue Klinikum war dem Ansturm der Patienten schlicht nicht gewachsen. Inzwischen hat sich die Lage in der Notaufnahme beruhigt, bestätigt Patientenfürsprecher Paul Hug die Einschätzung der Kliniken und niedergelassenen Ärzten. „Wir haben so gut wie keine Beschwerden mehr“, so Hug.

Warum wird überhaupt zwischen Notfallpraxis und Notaufnahme unterschieden?

Wer abends oder übers Wochenende krank wird, geht ins Krankenhaus. Dass unser Gesundheitssystem spitzfindig zwischen „Notfallpraxis“ der niedergelassenen Ärzte für die leichten Fälle und der „Notaufnahme“ schwerer Krankheiten und Verletzungen unterscheidet, ist ein Relikt früherer Zeiten. Die Ärzte schauten argwöhnisch auf die Konkurrenz der Klinik-Ambulanzen. Ärztliche Bereitschaftsdienste der Haus- und Fachärzte sorgten für eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Mit den Jahren zogen sich immer mehr Doktoren aus den ungeliebten Bereitschaftsdiensten in der Nacht und an Wochenenden zurück. Zentrale „Notfallpraxen“ entstanden, zuletzt die vor den Toren des neuen Winnender Klinikums im Gesundheitszentrum.

Doch die Erfahrung zeigte: Dies ist nicht mehr zeitgemäß. Die Zusammenlegung von Notfallpraxis und Notaufnahme trägt dem Verhalten der Betroffenen Rechnung: Nicht mehr der Patient entscheidet, ob er ein Fall für die Notfallpraxis oder für die Notaufnahme ist. Das erledigt für ihn die geschulte Arzthelferin hinter dem gemeinsamen Tresen. Sie orientiert sich an dem sogenannten „Manchester-Triage-System“, das die Patienten in sechs Gruppen von „Sofort“ – das heißt ohne Wartezeit – bis „Nicht dringend“ - zwei Stunden Wartezeit - einteilt.

Was sind die typischen Fälle für die Ärzte in der Notfallpraxis?

Typische Fälle für den Haus- oder Facharzt, wie grippale Infekte, Rückenschmerzen oder kleine Wunden, werden in der Notfallpraxis behandelt. Auf maximal zehn Prozent schätzt Dr. Torsten Ade die Fehlerquote bei der Zuweisung. Auszuschließen sei aber nie, dass sich eine Verletzung doch als schwerwiegender herausstellt als angenommen und der Patient aus der Notfallpraxis über den Gang hinüber ins Krankenhaus verlegt wird.

Das Beispiel Waiblingen zeigte, dass die Notfallpraxen alten Stils Auslaufmodelle sind. Nach einem Brand in diesem Herbst wurde sie nicht mehr eröffnet. Wegen ein paar Patienten abends und an Wochenenden lohnte sich die Anwesenheit eines Arztes nicht, sagt Dr. Christian Schmidt, seit über 20 Jahren Vorstand des Vereins Notfallpraxis in Waiblingen.

Über mangelnde Arbeit können sich seine Kollegen in der neuen Notfallpraxis/Notaufnahme in Winnenden und Schorndorf nicht beklagen. Zwei von drei Patienten an den Tresen landen in der Notfallpraxis. Rund 30 000 wurden im ersten Jahr behandelt.

Wie viele Patienten werden jährlich in der Notaufnahme behandelt?

Die Notaufnahme des Klinikums muss sich deshalb keine Sorgen machen, dass ihr die Patienten ausgehen: Rund 50 000 Patienten durchlaufen in einem Jahr dieses „Krankenhaus im Kleinen“, wie Torsten Ade seine Abteilung beschreibt, zu der auch eine Kurzliege-Station mit 20 Betten gehört. Rund 5000 Patienten haben ein paar Stunden oder eine Nacht verbracht, bevor sie wieder nach Hause gehen konnten. Eine solche Kurzliegestation gebe es in Schorndorf leider nicht, bedauert Dr. Angela Rothermel, leitende Ärztin der INA Schorndorf. Sie zählt in ihrer Notaufnahme jährlich rund 27 000 Patienten.

Weshalb werden die Notaufnahmen in den Krankenhäusern so überrannt?

Die stetig steigenden Patientenzahlen in Winnenden und Schorndorf sind keine Einzelfälle. Bundesweit werden die Notaufnahmen überrannt. Die Gründe sind vielfältig. Angefangen bei der Bequemlichkeit eines Teils der Patienten und der Unwissenheit eines anderen über zu lange Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt bis hin zu der Erwartung, dass die Patienten in der Klinik eine Rundumversorgung erhalten, weil alle Diagnosemöglichkeiten vom EKG bis zum Labor vor Ort sind. Eine Rolle spielt natürlich der Appell der Ärzte, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig den Notruf 112 zu wählen, sagt Torsten Ade. Sei’s bei Verdacht auf Schlaganfall, sei’s bei Herzinfarkt: Den Bürgern werde geraten, schnellstmöglich eine Klinik aufzusuchen, um den Fall abzuklären und so Spätfolgen vermeiden zu können.

Was versteht man unter einem „Integrierten Notfallzentrum“?

Torsten Ade und Christian Schmidt denken bereits über den Status quo hinaus. Ihr Ziel ist ein „Integriertes Notfallzentrum“, wie es jüngst auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen vorgeschlagen hat. Ein solches Zentrum umfasst den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst und die Notaufnahmen der Kliniken. Die unterschiedlichen Rufnummern – 116 117 beziehungsweise 112 – fallen weg. Geschultes medizinisches Personal oder Ärzte in einer Leitstelle beraten die Anrufer und vermitteln je nach Bedarf einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt oder in einem integrierten Notfallzentrum.

Das ist Zukunftsmusik. Noch schlagen sich Christian Schmidt und Torsten Ade in der integrierten Notaufnahme mit zwei unterschiedlichen IT-Systemen herum, die nicht miteinander kommunizieren dürfen. Patienten müssen unter Umständen zweimal die gleichen Fragen beantworten und fragen sich: Wo bin ich hier eigentlich? Die Antwort lautet: im deutschen Gesundheitssystem.


Notfallaufnahme und Notfallpraxis

Die Notaufnahmen an den Kliniken in Winnenden und Schorndorf zählen 50 000 beziehungsweise 27 000 Patienten im Jahr. Diese „Krankenhäuser im Kleinen“, wie Chefarzt Dr. Torsten Ade die Notaufnahmen mit Kurzzeit-Stationen nennt, sind für die Rems-Murr-Kliniken kein Gewinnbringer. Im Gegenteil. Kosten von 125 bis 130 Euro je Patient stehen Einnahmen von 35 Euro gegenüber, sagt Torsten Ade. „Wir sind ein Teil der Daseinsvorsorge.“ Wie viel die Feuerwehr kostet, werde schließlich auch nicht diskutiert.

Das Kernteam der Winnender INA besteht aus acht Ärzten, 40 Pflegekräften und sieben medizinischen Fachangestellten. Ergänzt wird das ärztliche Kernteam mit 26 Kollegen aus den Fachabteilungen. In Schorndorf besteht das ärztliche Kernteam aus fünf Ärzten und 15 Pflegekräften.

Die Notfallpraxen sind unter der Woche von 18 bis 23 beziehungsweise 24 Uhr geöffnet und am Wochenende von 8 Uhr an. In der Regel ist die Praxis von ein bis zwei Ärzten besetzt, überwiegend mit freiberuflich tätigen Ärzten. Zusätzlich gibt es einen Arzt, der Hausbesuche macht. In Baden-Württemberg gibt es rund 120 Notfallpraxen, die von der Kassenärztlichen Vereinigung finanziert werden.

Allerdings sind nicht alle Notfallpraxen so frequentiert wie die in Winnenden und Schorndorf. Die Beispiele Fellbach und Waiblingen zeigten, dass nicht an ein Krankenhaus angedockte Praxen von den Patienten nicht angenommen werden. Nachdem Fellbach bereits vor Jahren geschlossen wurde, öffnet auch die Waiblinger Notfallpraxis nach einem Gebäudebrand im Herbst nicht mehr.

Die Öffnungszeiten

Öffnungszeiten der Notfallpraxis in Winnenden: Montag, Dienstag und Donnerstag 18 bis 24 Uhr, Mittwoch und Freitag 14 bis 24 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 8 bis 24 Uhr geöffnet.

Öffnungszeiten der Notfallpraxis in Schorndorf sind Montag bis Freitag von 18 bis 23 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 8 bis 23 Uhr. Die zentrale Rufnummer für die Notfallpraxen lautet 116 117.

Die Notaufnahmen an den Kliniken in Winnenden und Schorndorf sind rund um die Uhr geöffnet.


Winnenden/Schorndorf. Was Ärzte, Krankenkassen und Patientenfürsprecher sagen.

Die Rems-Murr-Kliniken und die niedergelassenen Ärzte im Kreis sind auf dem richtigen Weg, sagt Paul Hug, einer der Patientenfürsprecher im Landkreis. Auslöser für die Einrichtung von Ombudsleuten an den Krankenhäusern waren die Anlaufprobleme im neu eröffneten Klinikum Winnenden, nicht zuletzt in der überlaufenen Notaufnahme. Seit April 2016 sind im Kreis vier Patientenfürsprecher tätig. „Im ersten Jahr war die Notaufnahme immer wieder ein Beschwerdethema“, sagt Hug. „Das hat sich geändert im Laufe des Jahres.“ Im Februar 2017 war der Umbau der Notaufnahme in Winnenden beendet und die gemeinsame Anlaufstelle zusammen mit der Notfallpraxis eröffnet. Im März folgte die Zusammenlegung von Notaufnahme und Notfallpraxis in Schorndorf. „Wir haben so gut wie keine Beschwerden mehr über die Notaufnahme“, stellt Hug fest. Dies schließe freilich im Einzelfall lange Wartezeiten nicht aus. Aufgrund des „Manchester-Triage-Systems“ werden schwere Fälle bevorzugt behandelt und leichtere Fälle müssen warten. Ein lebensbedrohlicher Herzinfarkt gehe nun einmal vor.

Versicherte profitieren von schneller, zielgenauer Diagnostik und Behandlung

Die Krankenkassen begrüßen die Zusammenlegung. „Durch die engere Verzahnung der ambulanten Notfallpraxis und der Notaufnahme an einem Standort profitieren unsere Versicherten von einer schnellen, zielgenauen Diagnostik und Behandlung“, teilt die AOK Ludwigsburg-Rems-Murr auf Anfrage mit. „Sollte in der Notfallpraxis die Notwendigkeit einer stationären Behandlung festgestellt werden, haben die Beteiligten den Vorteil kurzer Wege und des umfangreichen Behandlungsspektrums der Rems-Murr-Kliniken. Die Synergien wirken sich auch positiv auf die Wirtschaftlichkeit aus, wobei die Versorgungsqualität im Vordergrund steht.“

„Modell Winnenden“

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg sieht den Notfalldienst auf dem richtigen Weg. Die KV haben seit 2012 den Notfalldienst im Land grundlegend reformiert. „Das beinhaltet, dass wir inzwischen flächendeckend zentrale Notfallpraxen haben, die an einem Krankenhaus angesiedelt sind, also dem Modell von Winnenden entsprechen“, erklärt KV-Sprecher Kai Sonntag. „Derzeit gibt es 121 Notfallpraxen, die in einer Klinik sind.“ Allerdings sei nicht überall der Eingangsbereich gemeinsam, das hänge etwas von den baulichen beziehungsweise örtlichen Gegebenheiten ab. „Wir sehen in der Struktur, wie wir sie hier in Baden-Württemberg haben, die sinnvollste Form, um den Notfalldienst zu organisieren.“ Die Vorteile sind:

  • Klinik und niedergelassene Ärzte arbeiten zusammen und unterstützen sich gegenseitig .
  • Man entlastet die Notaufnahmen der Krankenhäuser.
  • Viele Patienten suchen von sich aus das Krankenhaus auf, wenn sie am Wochenende einen Arzt benötigen; zudem ist es für die Patienten oft nicht einschätzbar, ob das Krankenhaus oder der niedergelassene Arzt für seinen Fall zuständig ist.
  • Man kann die Dienstbelastung der Ärzte reduzieren.
  • Die niedergelassenen Ärzte können die Einrichtung des Krankenhauses mit nutzen und auch einmal einen Kollegen zu einem komplizierten Fall hinzuziehen.

Der Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen habe im September seine Vorstellungen für die künftige Struktur des Notfalldienstes vorgestellt, weist Kai Sonntag auf eine Entwicklung hin, die von der KV begrüßt werde. Ausdrücklich habe sich der Rat dabei auf die Struktur und die Erfahrungen aus Baden-Württemberg bezogen. „In den Vorstellungen ist ein Integriertes Notfallzentrum vorgesehen.“


Zitate

„Ich musste fünf Stunden auf einen Arzt warten. Und das in der Notaufnahme.“ „Warum lag ich nun in der Klinik und war nicht beim Arzt? Ich hatte von morgens bis nachmittags telefonisch versucht, einen Termin bei einem Orthopäden zu bekommen.“ „Stundenlange Wartezeiten kommen deshalb zustande, da jeder mit einem noch so kleinen Wehwehchen in die Notaufnahme geht.“ Leserkommentare zu Berichten über die Zustände in der Notaufnahme.