Winnenden

Kirchglocken schweigen bis zum Ostermorgen - Warum?

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Glocken
Glocken evangelische Kirche, Pfarrer Peter Ich spreche mit Pfarrer Peter über die liturgische Bedeutung der Kirchglocken zu Ostern. Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW
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Glocken evangelische Kirche, Pfarrer Peter Ich spreche mit Pfarrer Peter über die liturgische Bedeutung der Kirchglocken zu Ostern. Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW

Berglen. Pünktlich an Karfreitag zur überlieferten Sterbestunde Jesu um 15 Uhr verstummen die Kirchglocken und schweigen bis zum Ostermorgen. Erst wenn das Licht der Osterkerze an diesem Sonntagmorgen in die Kirche getragen wird, dann ertönen sie wieder in Erinnerung daran, dass Jesus auferstanden ist von den Toten.

Video: Pfarrer Wolfgang Peter von der evangelischen Mauritiuskirche Oppelsbohm erklärt, warum an Ostern die Kirchenglocken nicht läuten.

Mesnerin Renate Weith geht oben auf der Empore durch eine schmale Tür neben der Kirchenorgel. „Achtung, nicht den Kopf anstoßen“, sagt sie noch im Vorbeigehen und zeigt auf eine Ecke an der Orgel, die in den Durchgang hineinragt. Einen Augenblick später findet man sich im unteren Teil des Kirchturms der Oppelsbohmer Mauritiuskirche wieder.

Im Prinzip alles automatisch gesteuert 

Renate Weith steigt voran die Treppen hoch, die einem von Etage zu Etage schmaler, enger und steiler erscheinen. Oft müsse sie den Weg nach oben zu den Glocken nicht mehr gehen, verrät sie, die inzwischen seit 22 Jahren Mesnerin in der Gemeinde ist. Im Prinzip wird alles automatisch gesteuert. Gelegentlich schaltet sie unten im Kirchraum das Läuten manuell ein, etwa wenn im Gottesdienst das Vaterunser gebetet wird, als Signal für Nicht-Kirchgänger, „dass sie mitbeten können“, erklärt Pfarrer Wolfgang Peter. „Das ist überall so.“

Älteste Glocke stammt aus dem Jahr 1652

Überall gibt es noch Spuren, wie es früher war, als die älteste Glocke im Turm (1652), die sage und schreibe 760 Kilogramm wiegt, mit den anderen Glocken von Hand geläutet wurde. „Hier gingen die Seile durch, an denen hat man gezogen, um die Glocken zu läuten“, sagt sie und deutet auf eine kleine runde Öffnung im Holzboden, die immer noch mit einem Ring eingefasst ist. Teils wurden die Konfirmanden dafür eingespannt, weiß Pfarrer Peter und lächelt.

Große Christusglocke läutet zweimal am Tag 

Jeden Tag läutet um 11 Uhr und um 15 Uhr die große Christusglocke – beide Male, um auf die Sterbestunde Jesus Christus aufmerksam zu machen. Um 11 Uhr zeigt sie den bevorstehenden Tod Jesu an, um 15 Uhr läutet sie in Erinnerung an seine Sterbestunde. An Karfreitag geschieht das Jahr für Jahr das letzte Mal. Dann schlägt das Taufglöcklein nicht wie sonst zur Viertelstunde (1955) und die große Christusglocke (1988) nicht zur vollen Stunde. Sonst kündigen die Glocken eine Stunde und eine halbe Stunde vor Beginn den Gottesdienst an – nicht aber am Ostermorgen. Da schweigen sie. Sie läuten auch nicht zu Beginn der Feier. Erst, wenn in die dunkle Mauritiuskirche das Licht mit der Osterkerze hineingetragen wird, erklingen zwei der vier Glocken wieder.

„Wir sind an dem Ort, an dem unsere Liebsten beerdigt sind“

Um 8 Uhr findet auf einem Friedhof in der Gemeinde eine Andacht zusammen mit dem Posaunenchor statt. „Wir sind an dem Ort, an dem unsere Liebsten beerdigt sind“, erklärt Pfarrer Peter. Mit der kleinen Feier soll gleichzeitig an den Moment der Auferstehung erinnert werden, als die Frauen das leere Grab vorgefunden haben. Dann läuten alle vier Glocken das erste Mal wieder gemeinsam. Pfarrer Peter und Mesnerin Renate Weith verbinden mit dem Klang viel mehr als viele andere: Für sie ist das der Klang der Heimat.

Glocken vom Christentum einst abgelehnt

Glocken soll es schon lange vor dem Christentum gegeben haben. Die Ursprünge liegen in Asien. China hatte eine ausgefeilte Gießtechnik, war aber auch in der künstlerischen Formgebung fortgeschritten. Über Kulturströmungen und Völkerwanderungen kam die Glocke nach Westen. Zunächst dienten Glocken wohl als Pferdeschmuck, aber auch in kleiner Form als Schmuckstück für den Menschen. Ihnen sagte man eine reinigende und glücksbringende Wirkung zu (vor allem im Totenkult), weshalb sie das Christentum einst ablehnte. Bereits bei den Schriftstellern des 2. Jahrhunderts finden sich allegorische Deutungen, die später allgemeingültig wurden: Glocken als Symbol der Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel. Im Mittelalter galten die Namen der Evangelisten als beliebte Glockeninschrift.

Wann Glocken zum ersten Mal zum Gottesdienst gerufen haben, ist nicht überliefert, ebenso wenig, wann sie zum ersten Mal aus Erz gegossen wurden. Allerdings finden sich in den Schriften aus dem 8. und 9. Jh. n. Chr. vereinzelt Glockenweihen. Bekannt ist auch, dass in Mönchsgemeinden durch Klangzeichen zum Gottesdienst gerufen wurde.

Später wurde mit dem Glockenläuten auf eine bestimmte Stelle im Gottesdienst hingewiesen: der Gabenbereitung, was in der katholischen Gemeinde teils bis heute beibehalten wird. Zu Kriegszeiten waren Glocken beliebtes Material für Munition. Quelle: Glocken in Geschichte und Gegenwart, 1986, Badenia Verlag, Karlsruhe.