Winnenden

Klage abgewiesen: Klaus Dörr soll Bestattung seiner leiblichen Mutter bezahlen

Klaus Dörr in der Redaktion Winnenden, 28.08.2020.
Klaus Dörr beim Redaktionsgespräch im Sommer 2020. © Benjamin Beytekin

Klaus Dörr soll für die Bestattung seiner Mutter 3500 Euro an die Stadt Stuttgart bezahlen. Das widerspricht ganz vehement dem Gerechtigkeitsempfinden des 58-Jährigen, der Fußball-Schiedsrichter, freier Dozent für Religion und Ethik und Mitarbeiter der Paulinenpflege ist. Denn seine Mutter hat ihn gleich nach seiner Geburt in ein Heim gegeben. Er wuchs in einer Pflegefamilie auf. Wenn sie ihn alle 14 Tage traf, nahm sie ihn mit zu einer Kneipentour. Übernachtete er bei ihr, war sie auch betrunken und empfing Männer. Seit seinem zehnten Lebensjahr lehnte er daher den Kontakt zu ihr komplett ab. „Es geht mir jetzt ums Prinzip: Warum soll ich für jemanden das Begräbnis zahlen, der Narben in meiner Seele hinterlassen hat?“

Der Sohn ist haftbar, auch wenn die Mutter ihn nach der Geburt ins Heim gab

Der Winnender hat seinen Fall zuerst unserer Zeitung erzählt (wir haben am 5. September 2020 berichtet) und war dann bei vielen weiteren Medien eingeladen. Außerdem reichte er eine Klage ein beim Verwaltungsgericht.

Vergangene Woche erhielt er die Antwort, die ihn wiederum tief enttäuschte. „Abgelehnt. Auf 13 Seiten begründet die Richterin ihre Entscheidung. Ich sei als Sohn gesamtschuldnerisch haftbar. Die Stadt Stuttgart sei aber nicht zum Weitersuchen nach meinen Geschwistern oder einem vorhandenen Erbe meiner Mutter verpflichtet.“

Dörr ärgert sich über die Behörden, sie hätten "schlampig recherchiert“

Klaus Dörr hat noch zwei Schwestern, aber die Stadt behauptet ihm gegenüber, es seien keine Geburtsurkunden vorhanden. Das ist für ihn völlig unverständlich. Er findet, dass die Behörden „schlampig recherchiert haben“. Auch das Nachlassgericht, warum prüft es nicht besser, ob die Verstorbene Schulden oder Guthaben hatte?

Klaus Dörr wusste darüber gar nicht Bescheid. Er hatte das Erbe glattweg ausgeschlagen, weil er vermutete, nur Schulden zu erben. Doch die Frau hätte wohl etwas von einem ihrer Geschwister nach dessen Tod erhalten sollen. Das erfuhr der 58-Jährige durch eine Cousine, die sich aufgrund der Medienberichte nach 38 Jahren bei ihm gemeldet hat. „Das würde dann, denke ich, so null auf null ausgehen, gerade so diese 3500 Euro abdecken.“ Doch dass es den Behörden offenbar zu mühselig ist, weiterzusuchen, wenn sie doch schon den Sohn mit dem gleichen Nachnamen entdeckt haben, das wurmt ihn kolossal.

Schenken darf ein Pflegekind, aber es erbt nichts von den Pflegeeltern

Apropos, eine seiner Schwestern ist von ihrer Pflegefamilie adoptiert, sie ist daher nicht zahlungspflichtig, könnte sich aber gleichwohl freiwillig beteiligen, denkt Dörr, eher als die andere mit ihrem geringen Einkommen. Adoptiert eine Pflegefamilie das Pflegekind nicht, erbt es wiederum auch nichts. So ist es bei Klaus Dörr gewesen, ein weiterer Nadelstich in sein Gemüt. „Ging es darum, den Eltern etwas zu schenken, durfte ich mich immer beteiligen. Es ist einfach schade. Was all das mit den Menschen macht, interessiert einfach keinen.“

Mit der Richterin hätte er gerne geredet

Zurück zur Stadt Stuttgart und ihrem Bemühen, das vorgestreckte Geld zurückzubekommen. Natürlich weiß Klaus Dörr, dass das Geld der Stadt eigentlich das Geld ihrer Bürger ist, das sie verwaltet. „Alle sagen: Das Allgemeinwohl steht über dem individuellen Wohl des Geschädigten.“ Doch wenn er sich dann vor Augen führt, dass ein Klinikums-Geschäftsführer Tausende in den Sand setzt und damit der Stadt Stuttgart schadet, oder der Bundesverkehrsminister Millionen von Euro für eine nicht kassierbare Maut verschleudert und sogar noch im Amt ist - dann versteht er die Welt und ihren Anspruch auf 3500 Euro hin oder her nicht.

Ein paarmal habe er seit September 2020 versucht, mit der Richterin persönlich zu reden, bekam sie aber nie an den Apparat. „Das ärgert mich. Ich bin enttäuscht, dass sie mich nicht einmal anhörte.“

Minimaler Hoffnungsschimmer

Und nun? „Wahrscheinlich werde ich das Geld irgendwann bezahlen.“ Schon vor seinem Gang zur Presse wurde ihm der Gerichtsvollzieher und im schlimmsten Fall Haft angedroht, sollte er nicht das Portemonnaie zücken. Im Grunde verdiene er gut, habe auch was gespart, das gibt er unumwunden zu. Aber natürlich würde er das Geld lieber für seine Rente, seinen Urlaub, was auch immer verwenden und nicht für die leibliche Mutter, die ihm nie eine echte Mutter war.

Zöge er nun vor den Verwaltungsgerichtshof, in die nächsthöhere Instanz, dann bräuchte er einen Anwalt. „Und wenn ich verliere, zahle ich auch noch die Verfahrenskosten.“ Das wird, glaubt er, insgesamt wesentlich teurer als die Bestattung. Eine andere Idee war auch, wenn es eine Schicksalsgemeinschaft von 30, 40 Leuten gäbe, dass man vor den Bundesgerichtshof gehen und letztlich auf eine Gesetzesänderung zielen könnte. „Was dachte man sich damals, 1970? Missbrauchte Kinder, die durfte es nicht geben.“ Doch dieses Gesetz, die Kinder kommen für die Eltern auf, und dass es bei einem zerrütteten oder gar keinem Verhältnis keine Ausnahme gibt, steht eisern und unbeugsam da. Einen minimalen Hoffnungsschimmer hat Klaus Dörr nun noch. Er hat den Anwalt einer anderen Betroffenen angeschrieben, die sich nach den Medienberichten bei ihm gemeldet hat.

Klaus Dörr soll für die Bestattung seiner Mutter 3500 Euro an die Stadt Stuttgart bezahlen. Das widerspricht ganz vehement dem Gerechtigkeitsempfinden des 58-Jährigen, der Fußball-Schiedsrichter, freier Dozent für Religion und Ethik und Mitarbeiter der Paulinenpflege ist. Denn seine Mutter hat ihn gleich nach seiner Geburt in ein Heim gegeben. Er wuchs in einer Pflegefamilie auf. Wenn sie ihn alle 14 Tage traf, nahm sie ihn mit zu einer Kneipentour. Übernachtete er bei ihr, war sie auch

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