Winnenden

Kunstprojekt: Schüler ohne Scheu in der Psychiatrie

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Hannah aus der zehnten Klasse des Lessing-Gymnasiums hat in der Gruppe für Pop-Art-Selbstporträts diese Porträtvarianten gemalt. © Ramona Adolf
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Leonie und Lisa bauen ein Pop-Up, ein aufklappbares, dreidimensionales Bild. © ZVW

Winnenden. Diese Woche gehen Schüler mehrerer Winnender Schulen ins Psychiatrische Klinikum, malen, bauen, basteln und nähen mit Patienten Kunstwerke und Kunsthandwerkliches. Manche tanzen im Festsaal des Klinikums, junge Schüler, 9., 10., 11. Klasse und Patienten des Klinikums, die selbst schon Mutter, Vater oder Großmutter sind. Und es macht Spaß.

Kunstprojekt mit dem ZfP Winnenden.

Ja, wie? Haben sich tatsächlich drei Jungs fürs Tanzprojekt angemeldet? Völlig freiwillig? Das hatte Christiane Pust, Projektleiterin im ZfP, erstaunt und die Tanzpädagogin Anna Gutöhrlein gewundert. „Also, wie müssen ehrlich sein“, sagt einer der Jungs im Gespräch mit unserer Zeitung, „wir hatten Tanzen nur als dritte Möglichkeit angegeben. Eigentlich wollten wir Kunst machen.“ Sie hätten Textildrucke machen, Selbstporträts zeichnen oder Tiere aus Stoff und Draht formen können. Aber beim Tanz wurden noch welche gebraucht. Also machten sie halt mit.

Die Jungs haben sich auf etwas eingelassen. Sie wussten nicht, wie psychisch Kranke so sind, und erzählen dann auf Nachfrage: „Die sind gar nicht anders als andere.“ Einer der Schüler ging in die Gruppe, redete mit ein paar Teilnehmern, machte die ersten Tanzschritte mit einigen Patienten und sagt: „Ich dachte die ganze Zeit, die wären alle Therapeuten oder Pfleger.“ Am Mittwoch sagen die Jungs, sie fühlen sich wohl in der Gruppe. Alle Anfangs-Befangenheiten sind geschwunden. Komisch fand einer zum Beispiel ganz am Anfang, dass er jetzt mit Älteren tanzen sollte. Aber es ergab sich eben so. Zuerst war Latino der Favorit. Diesen Tanz auf der Basis von Salsa und Meringue wollten vor allem die Jungs gerne tanzen, berichtet Tanzpädagogin Anna Gutöhrlein, die diese Gruppe leitet. Sie legte dann mal Musik für Standardtänze auf: „Sie fingen daraufhin mit Paartanz an. Das kam nicht von mir. Das haben die selbst angefangen“, erzählt sie. Und die Jungs sagen: Es macht Spaß.

Der Effekt dieser Begegnung: Patienten lösen sich aus Grübeleien

Die Patientinnen und Patienten sagen nichts anderes. Für sie ist es eine große Freude, dass junge Leute kommen, dass sie ihre Fröhlichkeit und Offenheit mitbringen. Und eine Patientin verspürt auch einen Effekt dieser Begegnung: Sie wird abgelenkt, erlebt die andere Welt, entfernt sich aus ihren Grübeleien und ist dafür sehr dankbar. Das ist eine der Wirkungen, die die Kunstprojektwoche im Zentrum für Psychiatrie hat: Sie lockert auf, sie beflügelt Patienten. Wobei man nicht verkennen darf, dass Patienten mindestens so viel Mut und Offenheit brauchen, um sich für die Kunstprojekte anzumelden, wie die Schüler. Patienten überlegen sich vorher schon: Kennt mich einer der Schüler? Sind da Freunde meiner Kinder dabei? Soll ich es wagen?

Wer es wagt, gewinnt Freiheit, die Freiheit, selbst Kunst zu gestalten und die Freiheit mit anderen, die anders sind, Gemeinsames zu schaffen. Dieses Prinzip zieht sich durch alle acht Kunsträume des ZfP, wo in dieser Woche überall Schüler der Haselsteinschule, der Schule am Jakobsweg, der Realschulen und Gymnasien zusammen mit ZfP-Patienten Kunst machen - angeleitet von Schullehrern und ZfP-Therapeuten. Es entstehen Batiktaschen und Tücher im japanischen Stil, Pop-Art-Selbstporträts, Textildrucke mit Tiefseemotiven, Tierfiguren aus Drahtkörpern und Stoff und aufklappbare Bilder und mehr.

Ausstellung, Konzert

Was Schüler und Patienten geschaffen haben, ist zu sehen am Freitag von 11 bis 13 Uhr im Klinikum. Dort, im Festsaal, wird die Ausstellung aus der Projektwoche eröffnet.

Am Abend um 18 Uhr spielt die Band Ipanema Beach Hotel im Schlosspark.