Winnenden

Lieferengpässe bei Fahrrädern und Teilen: "Das ist megabrutal", sagt der Winnender Händler Mirko Bauer

MPS Zweirad Center Mirko Bauer
Heiß begehrte, rare Ware: Fahrradhändler Mirko Bauer mit einer Bremsscheibe für Fahrräder. © Gabriel Habermann

Mitten im Fahrradboom geht den Händlern der Stoff aus. Auch in Winnenden ist das weltweite Phänomen der Lieferengpässe bei Rädern angekommen. Mirko Bauer, Geschäftsführer von MPS an der Waiblinger Straße, kämpft gerade mehr oder weniger erfolgreich mit der Mangelwirtschaft. 20 Fahrräder stehen in seinem Verkaufsraum, mit Motor und ohne Motor, ein Vintage-Rad mit gedengelten Stahlschutzblechen, ein Superleicht-Rennrad der hohen Preisklasse, ein paar Pedelecs. Wer hier etwas findet, was gerade zu ihm passt, der kriegt was. Wenn nichts passt, wird es schwierig. Normalerweise hat Bauer Zugriff auf 5000 Fahrradmodelle. Aber zurzeit braucht er Glück oder Geduld, wenn er seinen Kunden etwas Passendes liefern soll.

Der Boom: Im letzten Jahr hat er sich verstärkt

Die Lage ist nicht hoffnungslos, nur sehr angespannt, und die Spannung hat sich langsam aufgebaut. „Wir hatten letztes Jahr schon einen richtigen Boom“, sagt Bauer. Weltweit wurden Fahrräder begehrt, Corona spielte nur eine Nebenrolle in der großen Nachfrage. Viel wichtiger war die große technische Innovation bei Fahrrädern in den letzten zehn Jahren, vor allem die Elektroantriebe. „Wir haben tolle Verkaufszahlen im Elektrobereich – davon kann die Autoindustrie nur träumen“, sagt Mirko Bauer. Weil die Nachfrage weltweit boomt, sind die Fahrräder weltweit knapp. Ohne Teile aus Asien kommt kein Fahrrad aus. Bremsen, Schaltungen werden fast immer von Shimano aus Japan geliefert. Reifen und Schläuche werden in Asien produziert. Nur noch ganz wenige Firmen stellen Teile wie den Fahrradrahmen in Europa her. „Jetzt spürt der kleine Händler den Weltmarkt“, sagt Bauer. Der Markt lahmt wegen Corona. Die Produktion kommt nicht nach. Container werden nicht abgeschickt. Plötzlich kostet der Transport eines Containers von Asien nach Europa nicht mehr 1500 sondern 15 000 Euro.

Vor einem Jahr, als der Boom richtig abging, war Mirko Bauer optimistisch und bestellte mehr Fahrräder als je. Seither wartet er auf die Räder. Jetzt kommen manchmal welche, und er ist gottfroh, dass wenigstens etwas da ist.

Mit dem, was er und seine Frau Ines an Rädern dahaben, wirtschaften sie. „Wir kämpfen für unsere Kunden, damit jeder ein passendes Rad bekommt.“ Manchmal haut’s hin. Aber wenn der Kunde einen ganz bestimmten Lack möchte, eine besondere Ausstattung, eine weniger gewöhnliche Motorvariante, kann er Glück haben oder er muss warten, und das Warten kann bis zu 15 Monate dauern, wenn es eng wird.

Suezkanal: Einzelne Container werden jetzt erst abgeholt

Manchmal kommen Verzögerungen dazwischen, wenn so ein Container voller Fahrräder schon auf dem Schiff und unterwegs ist. Neulich im Suezkanal hat es auch einige Container mit Fahrrädern erwischt. Die Container wurden abgeladen, damit das Schiff weniger Tiefgang hat, und dann blieben sie am Kanalufer stehen. Anfang Mai hätten Fahrräder in Winnenden und anderen Orten ankommen sollen. Der Geschäftsführer von MPS hat nun eine Zusage für August.

Rare Teile: Jeden Tag gibt es neue Nachrichten.

Bauer sitzt manchmal eine halbe Stunde vor dem Computer, schaut sich Lagerlisten für Fahrräder durch und stellt fest: Was gestern in begrenzten Mengen vorhanden war, kann heute schon weg sein.

Flickzeug: Eigentlich nicht Stand der Technik, aber jetzt wieder beliebt

Fast noch schlimmer als bei den Fahrrädern ist es bei Fahrradteilen: Eine bestimmte Fahrradkette? Ja: Hätte, hätte ... man sie nur, könnte man ein älteres Fahrrad wenigstens passgenau reparieren. Zahnkränze für Zehngangschaltungen? Da hängen von einer Sorte nur noch drei im Verkaufsregal, dann noch ein paar von anderen Sorten und fertig ist die Auswahl. Es ist fast wie bei einer historischen Uhr: Um die passenden Teile zu bekommen, telefoniert sich der Händler die Kehle rau. Auch Fahrradreifen, Schläuche und Bremsbeläge sind schwer zu kriegen. „Die Importeure sprechen von einer Kautschukkrise.“ Händler sind froh an jedem Reifen, den sie kriegen, und bei den Reifen ist es wie bei allen anderen Teilen auch: Die Vielfalt der Varianten ist unendlich groß, und jedes Rad braucht eine ganz bestimmte Variante. Zum Trostpflaster wird da wieder das gute, alte Flickzeug. „Das haben wir noch in ausreichender Menge da“, sagt Bauer. Damit wird jetzt mancher angestochene Schlauch auf sparsame Art repariert, obwohl das eigentlich nicht der Stand der Technik ist und obwohl jeder weiß, dass der Flicken immer auch einen kleinen Hubbel ergibt. Das ist im Moment alles egal: lieber einen geflickten als gar keinen Schlauch.

Die Engpässe bei Ersatz- und Verschleißteilen führen zu Engpässen in der Werkstatt. Für Kunden, die ihr Fahrrad bei ihm gekauft haben, unternimmt der Händler viel. Aber wer ein Fahrrad repariert haben möchte, das nie bei ihm im Programm war, hat es schwer, weil die Teile schwer zu bekommen sind. Auch der 50-jährige Fachmann versteht den Gedanken der Nachhaltigkeit und die Idee, dass man doch alte Fahrräder wieder aufmöbeln kann, wenn es keine neuen gibt. Nichts dagegen. Aber es geht nicht, sagt er. Die passenden Teile sind nicht zu bekommen. In der Fahrradbranche ist zurzeit nur eines sicher: Die Lage ändert sich täglich.

Fahrradhändler Carlos: Probleme nur bei speziellen Teilen

Beim Lastenräderspezialisten Carlos an der Linsenhalde ist die Lage bei Einzelteilen ebenfalls angespannt. „Bei bestimmten Schrauben, bei Teilen in bestimmten Farben haben wir zurzeit Lieferprobleme“, sagt Bernd Vollmer von Carlos. Vollmer weiß aber auch: „Bosch hat noch keine Lieferprobleme.“ An den Motoren wird die Lieferung von Elektrofahrrädern nicht scheitern. Für den Augenblick stellt er klar: „Wir haben gerade genug Fahrräder auf Lager.“ Sie seien vor wenigen Tagen beliefert worden.

Mitten im Fahrradboom geht den Händlern der Stoff aus. Auch in Winnenden ist das weltweite Phänomen der Lieferengpässe bei Rädern angekommen. Mirko Bauer, Geschäftsführer von MPS an der Waiblinger Straße, kämpft gerade mehr oder weniger erfolgreich mit der Mangelwirtschaft. 20 Fahrräder stehen in seinem Verkaufsraum, mit Motor und ohne Motor, ein Vintage-Rad mit gedengelten Stahlschutzblechen, ein Superleicht-Rennrad der hohen Preisklasse, ein paar Pedelecs. Wer hier etwas findet, was gerade

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