Winnenden

Linker Ex-Held und Frei.Wild – wie passt das zusammen?

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Andreas Kamm war mal ein Antifa-Held. Jetzt hat er in Laichingen ein Festival organisiert. Headliner: Die als völkisch geltende Rockgruppe Freiwild. © Alexander Roth
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Der Winnender Andreas Kamm wurde bekannt als Kämpfer gegen Neonazi-Umtriebe und beschäftigt in seiner Druckwerkstatt auch Flüchtlinge.
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Philipp Burger, Sänger der Gruppe Freiwild, musizierte früher bei der Skinhead-Band Kaiserjäger und wünscht sich, die Feinde seiner Heimat mögen in der Hölle schmoren.
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Andreas Kamm nennt Freiwild seine „Lieblingsband“ und veranstaltete mit Burger & Co als Top-Act ein großes Open-Air-Konzert in Laichingen. Wie passt all das zusammen?
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Die freie Journalistin Daniela Prugger

Winnenden/Laichingen. In der linken Punkszene war der Winnender Andreas Kamm mal sowas wie ein Held, mittlerweile sehen ihn viele als Verräter: In Laichingen hat er diesen Sommer das „Rock dein Leben“-Festival veranstaltet, die Hauptband war Frei.Wild, und auch andere Gruppen, die dort auftraten, gelten der Antifa als „rechtsoffen“. Kamm sagt zu den Vorwürfen: „Alles Blödsinn.“

Eine Allee aus tiefergelegten PKWs und Campingwagen führt zum Festivalgelände, zehn Fahrminuten von der Kleinstadt Laichingen entfernt. Freiwild, Unantastbar, Krawallbrüder, Berserker steht auf den Fahrzeugen, es sind die Namen bekannter Bands, die an diesem Juli-Wochenende zwischen sanften Hügeln und dunklen Fichtenwäldern auf der Schwäbischen Alb spielen.

Auf dem Zeltplatz haben ihre Anhänger Fahnen gehisst: neben der von Deutschland auch die von Südtirol, der Schweiz, Österreich. Viele Männer, manche haben ihre Freundinnen mitgebracht. Tätowiert, gepierct, gute Biertrinker. Die meisten tragen schwarz oder grau. „Wir sind eine Familie“, sagt ein junger Mann mit Kapuzenpulli, er kommt aus Franken. Seit zwei Nächten schläft er im Anhänger, teilt sich mit vier Freunden eine große Matratze.

Grauzone: Eine Szene unter Verdacht

Das Festival firmiert unter „Deutschrock“, aber die vage Etikettierung verschleiert den Kern der Kontroverse, die sich um dieses Treffen rankt. Sicher, die Bands hier machen Rock und singen deutsch. Nur verstehen die meisten Leute unter Deutschrock Musiker von Lindenberg bis Grönemeyer, Juli bis Jennifer Rostock – Deutschrock ist traditionell gegen Kernkraftwerke, Deutschrock ist für eine bunte Republik, Deutschrock ist, kurzum: ziemlich grün.

Freiwild und Co. führen Begriffe wie Heimat, Stolz und Ehre im Mund. Ein paar der in Laichingen versammelten Musiker pflegten in früheren Tagen Kontakte zu Rechtsextremen. Die Bands in Laichingen gelten in der linken Jugendszene als „rechtsoffen“, „Grauzone“ oder „graubraun“; vage genug in ihrer Rebellenpose gegen „das Establishment“, um jede Verbotsdebatte weiträumig zu umschiffen; nicht wie die NPD, sagen Kritiker. Wie die AfD.

„Ein Rockfestival für Rechte“, findet die Antifaschistische Aktion Stuttgart. Mitglieder verteilen Flyer in Laichingen, ein Häuflein demonstriert. Das Festival gebe einer rechten Subkultur den Raum, sich auszutauschen, zu reproduzieren und ungehemmt ihre ekelhaft prolligen Stammtischphrasen zu dreschen.

Nie ein AfD-Shirt: Kamms Abgrenzungskämpfe

Rechtsoffen? „Das ist alles Blödsinn.“ Organisator Andreas Kamm, 42, steht am Eingang zum Festivalgelände. Neben ihm seine Tochter, 6, und der Sohn, 13. Kamm ist hauptberuflich Feuerwehrmann aus Winnenden, nebenbei produziert und verkauft er Band-T-Shirts und andere Fanartikel: Antifa-Schals, Tierrechte-Buttons, St. Pauli-Tassen. Mit „Rock dein Leben“ versucht er sich zum ersten Mal als Veranstalter.

Kamm sagt, er sei schon immer links und antifaschistisch eingestellt. In den 90ern spielte er selbst in einer Punkband und gründete zusammen mit seinem Bruder Jürgen den Punkversandhandel „Nix Gut“.

Die Frage, wie das alles zusammenpasst – hier Antifa, da Freiwild – bekommt Kamm häufig zu hören. Manche sagen, er habe wegen des Geldes die Fronten gewechselt.

Kamm lacht. Sicher, „die Punkszene wird kleiner, die Bestellungen sind rückläufig.“ 2007 stiegen er und sein Bruder mit der Tochterfirma „Schwabendruck GmbH“ in die Textilproduktion ein. Ein Jahr später wurden die ersten Freiwild-Shirts gedruckt. Seither kurbelt die Band, Kamms größter Kunde, den Umsatz an – als sie im Jahr 2017 pausierte, machte er ein Minus.

Kein Einlass in Thor-Steinar-Klamotten

Aber ginge es um Gewinnmaximierung, „dann würde ich meine Behinderten rausschmeißen“, die bei Schwabendruck arbeiten, „und ein Schweinegeld verdienen.“ Er habe noch nie viel gebraucht, ihm reiche ein Laptop, ein Handy und sein alter Kia. „Ich würde nie ein AfD-Shirt drucken. Ich habe keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Freiwild ist eine meiner Lieblingsbands.“

Ja, es gebe bei Freiwild-Konzerten „Leute in der Orientierungsphase“, auch manche, „die an den rechten Rand driften“. Aber gerade hier würden sie geerdet. Wer extreme Sprüche klopfe oder rechte Aufnäher trage, bekomme ein glasklares Signal: „Hier geht’s nicht weiter. Sowas wie dich wollen wir nicht haben.“

Wer Thor-Steinar-Klamotten trage, werde nicht eingelassen und bekomme sein Ticketgeld zurück.

Nazis?! Oder: Ein linker Ex-Held

Zwei Wochen vor dem Festival: Bonnie Tyler rotzt „I Need a Hero“ aus dem Lautsprecher in Kamms Fabrikhalle in Winnenden. Zwei Flüchtlinge aus dem Togo und Gambia nicken im Takt. Einer der Männer legt ein schwarzes T-Shirt in die Druckmaschine. Start. Sie wird heiß und zischt. Nach wenigen Minuten prangen ein roter Teufel und die Schrift „Rock dein Leben“ auf dem Shirt. Kamm beobachtet seine Mitarbeiter aus einigen Metern Entfernung, die Hände in die Seiten gestemmt.

In seiner Firma beschäftigt er 50 Menschen, davon 25 gehandicapt: Autismus, Sehschwäche, gehörlos, körperlich behindert; außerdem vier Flüchtlinge. „Es gehört viel Eigenmotivation dazu, einen Flüchtling einzustellen“, sagt Kamm. Ein Mitarbeiter hat seine Arbeitserlaubnis verloren. „Wir könnten ihn grad gut gebrauchen. Er würde ins Sozialkassensystem einzahlen. Stattdessen muss er jetzt in seiner Wohnung hocken und warten.“ Eine weitere frustrierende Erfahrung mit den Behörden.

Verurteilt wegen durchgestrichenen Hakenkreuzen

Sein Vertrauen in den Rechtsstaat verlor Kamm 2006. Damals vertrieb er Aufnäher, Buttons, Shirts mit durchgestrichenen Hakenkreuzen zum Zeichen des Protests gegen Neonazi-Umtriebe. Für die Stuttgarter Staatsanwaltschaft war das eine verbotene Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Kamm wurde zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt.

Er legte Revision ein, wurde ein Jahr später vom Bundesgerichtshof freigesprochen und galt damals in der linken Szene ob seiner Unbeugsamkeit als eine Art antifaschistischer Held. Aber jene Zeit „hat mir gezeigt, dass diejenigen, die in der richtigen Position sind, machen können, was sie wollen. Und dass der Staat nicht gut funktioniert. Das war staatliche Repression.“

Und nun die Scherereien um das „Rock dein Leben“, sein Baby. In einer Ankündigung der Schwäbischen Zeitung stand: „Es könnte also sein, dass Nazis vorbeischauen in Laichingen?!“ Kamm schüttelt den Kopf. „Eine Riesen-Ungerechtigkeit.“

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In der Ecke: Freiwilds schillernde Signale

Etwa 6000 Zahlende sind gekommen. Kamm führt in einen spärlich beleuchteten Backstage-Raum, auf einer langen Tafel stehen Kerzenleuchter. Freiwild-Sänger Philipp Burger, 37, tätowierte Unterarme und Hände, breites Lächeln, schreitet ihm lässig entgegen. „Alles gut, Kamm?“

Frei.Wild ist der bekannteste Musikexport aus der italienischen Provinz Südtirol und hat seit Jahren ein Imageproblem. Von seiner Vergangenheit als Mitglied der rechten Skinhead-Band Kaiserjäger distanziert sich Burger zwar öffentlich, „ich würde diese Zeit gerne aus meiner Vita streichen“, sagte er mal – aber mit Songtexten, die immer wieder um die Themen Patriotismus, Feinde der Heimat, Traditionen und kulturelle Werte kreisen, stößt Freiwild in Deutschland auf sensible Ohren.

Freiwild-Sänger: In Deutschland wird "rechts" mit "rechtsextrem" gleichgesetzt

Das Problem sei, dass das Wort „rechts“ in Deutschland, anders als in Südtirol, mit „rechtsextrem“ gleichgesetzt werde, findet Burger. „Es ist wichtig anzuerkennen, dass es in Deutschland Mächte gegeben hat, die mit Worten wie Heimat gespielt haben und eine unfassbare Welle der Verbrechen losgetreten haben. Aber ich finde es wichtig, sagen zu dürfen, dass Heimat ein Grundbedürfnis von Menschen ist.“ In Deutschland reiche das schon, um in eine Ecke gerückt zu werden. Er gestikuliert. „Wir sind eine deutschsprachige Rockband, mit lebensbejahenden Liedern, mit einer Liebe zum Brauchtum, Tradition und einer Südtiroler konservativen Wertehaltung.“ In einem Freiwild-Lied hört sich das dann so an: „Südtirol, du bist noch nicht verlor’n, in der Hölle sollen deine Feinde schmor’n.“

Eine halbe Million Einwohner hat Südtirol und mit Deutsch, Italienisch und Ladinisch drei Amtssprachen. Der Autonomiestatus schützt die Rechte aller Minderheiten. Doch dass Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert wurde, akzeptieren manche separatistisch orientierten Gruppen noch immer nicht. „Wir wollen keine Abspaltung von Italien“, sagt Burger, „unser Schlagzeuger hat selbst eine italienischsprachige Frau.“ Doch eine Diskussion müsse in einer Demokratie möglich sein.

Die Ausgrenzer: Ein Südtiroler Grüner ordnet ein

18 Alben haben Frei.Wild seit ihrer Gründung 2001 produziert und sich in den vergangenen Jahren zu einem transnationalen Unternehmen mit Millionengewinn entwickelt; eigenes Plattenlabel, eigene Vertriebsfirma, eigene Konzertagentur und seit vier Jahren ein eigenes Festival bei Brixen, das „Alpen Flair“. Die „größeren Medien“ in ihrer Heimat „beschreiben vor allem die Erfolgsmomente der Band“, sagt Hans Heiss, Landtagsabgeordneter der Grünen und Historiker aus Südtirol. In so einem kleinen Land sei man um Künstler, die im Ausland erfolgreich sind, bemüht. Freiwild sind zum Wirtschafts- und Tourismusfaktor – und ihre Kritiker weniger geworden.

Heiss bleibt skeptisch: „Frei.Wild verstehen es, keine Angriffsfläche zu bieten, obwohl sie über Gewalt und Machoverhalten singen und sich bewusst politisch unkorrekt ausdrücken.“ Zwar sei der Heimat-Begriff in Südtirol eher positiv besetzt, aufgrund der Geschichte des Landes, das lange um politische Selbstbestimmung ringen musste. „Aber auch hier gibt es genug Leute, für die Heimat auch Ausgrenzung meint, Leute, die Anderssprachige, Zuwanderer, Andersgläubige oft nicht als Teil der Südtiroler Gesellschaft ansehen. Und genau die Leute fühlen sich von Freiwild angesprochen.“

Hände hoch – aber bitte beide

Spät am Abend wartet die Festivalmenge auf den Auftritt von Frei.Wild – und der Rest der Welt darauf, dass sich jemand falsch verhält, sagt Kamm. „Aber nur weil einer vor der Bühne jubelt, macht er nicht Siegheil.“ Der klassische Freiwildfan habe es satt, als Nazi verschrien zu werden. „Die haben die Schnauze voll, in eine linke oder rechte Schublade gesteckt zu werden.“ Deshalb hat Kamm ein neues T-Shirt in seinem Sortiment: „Frei.Wild gegen Extremismus“, steht darauf und: „Wir sind nicht braun, wir sind nicht rot, Vollidiot.“ Über 10 000 Stück wurden verkauft.

22.45 Uhr. „Vielen Dank für die Antiwillkommenskultur“, schreit Burger ins Mikrofon, eine Anspielung auf einen Freiwild-Song: „Sind und bleiben unangenehm. Hart an der Grenze und unbequem. Anti-Willkommen.“ Die Menge grölt, Männer springen wild herum, ziehen ihre Shirts aus, recken ihre Arme in die Höhe. Burger singt das Südtirol-Lied, die Fans packen ihre Flaggen aus: weiß-rot mit einem roten Adler. Zwischen den Songs fordert Burger immer wieder: „Hände hoch – aber beide!“

"Very nice people here"

Am Ende holt er Festivalinitiator Andreas Kamm auf die Bühne. Dessen Bilanz: „Es gab keine Schlägereien, keine sexuellen Belästigungen, keinen Diebstahl“, alles „super-friedlich“. Und nachts auf dem Campinggelände: „keine dummen Sprüche, keine rechten Parolen.“

Etwas abseits von der Bühne steht einer von Kamms Mitarbeitern als Ordner. Der 26-Jährige kommt aus dem Senegal und nickt mit dem Kopf zum Takt der Musik. Immer wieder wird er von Festivalbesuchern um Selfies gebeten. „Very nice people here“, sagt er, sehr nette Leute hier.


Die Autorin

Daniela Prugger, 27, ist freie Journalistin, sie besucht die Reportageschule der Weinstädter Agentur Zeitenspiegel und stammt, wie die Gruppe Freiwild, aus Südtirol. Der Besuch des „Rock dein Leben“-Festivals hat sie irritiert. Hier ihre subjektiven Eindrücke:

  • Ich bin eine begeisterte Konzert- und Festivalbesucherin, höre vorwiegend Punk-, Post- und Psychedelic Rock. Mein Eindruck von „Rock dein Leben“: Von Festivals kenne ich ein anderes Flair – bunter, vielfältiger.
  • Auf dem Campingareal verwunderten mich zunächst die Fahnen der Besucher, die neben den Autos gehisst wurden: Schweiz, Deutschland, Österreich, Südtirol, Freiwild. Ich persönlich habe noch nie die italienische oder Südtiroler Flagge mit auf ein Konzert – oder überhaupt mit ins Ausland – genommen. Auf manchen Autoscheiben klebte auch der Satz „Süd-Tirol ist nicht Italien“; erhältlich sind diese Sticker im Online-Shop der rechtspopulistischen und separatistischen „Süd-Tiroler Freiheit“. Diese Partei hat sich in den vergangenen Jahren vor allem mit einem Thema etabliert: dem, wie sie selbst es nennt, „Ausländerproblem“.
  • Spät am Abend stand ich inmitten der Menge, die – obwohl so viele Länder vertreten – für Festivalverhältnisse ungewohnt homogen war: weiß, deutschsprachig, vorwiegend männlich. Als Freiwild sangen, Südtirols „Feinde“ sollten „in der Hölle schmor’n“, packten viele Besucher ihre Fahnen aus und grölten mit. Für mich war es ein seltsames Gefühl, soviel wütenden Patriotismus und Stolz auf die deutsch(sprachig)e Kultur bei einem Rockkonzert mitzuerleben.
  • Dass manche Südtiroler noch immer an der österreichischen Vergangenheit ihres Landes festhalten, weiß ich. Doch die Annexion Südtirols durch Italien liegt nun beinahe 100 Jahre zurück. Ich finde, es gibt wichtigere Themen, die wir als Gesellschaft diskutieren sollten. Ich bin für ein Miteinander und gegen Ausgrenzung, finde es toll, dass es drei offizielle Landessprachen gibt: Deutsch, Italienisch und Ladinisch. Bei mir zu Hause wird deutsch gesprochen, trotzdem wünscht sich in meiner Familie niemand einen „Anschluss“ an Österreich oder eine doppelte Staatsbürgerschaft. Dass wir von klein auf zwei Sprachen gelernt haben, Deutsch und Italienisch, halten wir für ein Privileg.
  • Weil ich in Spanien, Österreich und Deutschland gelebt habe, werde ich oft gefragt: „Was bist du jetzt eigentlich: Italienerin, Österreicherin oder Deutsche?“ Ich antworte dann: „Wahrscheinlich Europäerin.“