Winnenden

Maßregelvollzug in Winnenden? Ausgerechnet Ex-ZfP-Chef Hermann Fliß übt Kritik

Maßregelvollzug
Hermann Fliß an der Grundstücksgrenze: Links befinden sich die Gärten der Anwohner in der Albert-Schweitzer-Straße, rechts das Haus E, das einem neuen Gebäude für den Maßregelvollzug in Winnenden weichen soll. © Alexandra Palmizi

Hermann Fliß kennt sich aus mit Protesten gegen neue Therapieplätze für Straftäter. Als Geschäftsführer der Psychiatrien Winnenden, Weinsberg und Wiesloch hat er in den 2000ern unter anderem einen Neubau mit 50 Betten durchgebracht – gegen massiven Widerstand aus der Weinsberger Bevölkerung. Keine 20 Jahre später ist er als Rentner und Anwohner der prominenteste Kritiker der Pläne für einen Maßregelvollzug in Winnenden. Hat der 72-Jährige nach dem Sankt-Florians-Prinzip die Seiten gewechselt? Nein, sagt Fliß: „Ich habe mit dem Maßregelvollzug grundsätzlich kein Problem. Aber der Schlosspark verträgt eigentlich keine neuen Gebäude mehr.“

Durchs Gartentor direkt auf das Gelände des Klinikums

Er muss nur durch sein Gartentor treten und ein paar Meter gehen, dann steht Hermann Fliß vor Haus E des Zentrums für Psychiatrie (ZfP). Die beiden Stationen E 1 und E 2 sollen auf das Parkgelände in einem Neubau bei der Paulinenstraße ziehen. Das bisherige Haus E soll abgerissen werden. An seiner Stelle soll ein Maßregelvollzug mit Platz für bis zu 75 suchtkranke Straftäter entstehen, die anstelle einer Gefängnisstrafe eine Therapie antreten.

Acht ZfP gibt es in Baden-Württemberg. Winnenden ist das einzige ohne Maßregelvollzug. Weil Platznot herrscht, soll sich das ändern.

Hermann Fliß kennt die Nöte des Landes und hat früher selbst an ihrer Linderung mitgewirkt. Von 1996 an war er Geschäftsführer der Psychiatrien in Wiesloch und Weinsberg, von 2000 an auch der in Winnenden. Die spätere und heutige ZfP-Geschäftsführerin Annett Rose-Losert hat Fliß vor Jahren selbst eingestellt. Einige Neubauten sind unter seiner Führung entstanden, neben dem umstrittenen Maßregelvollzug in Weinsberg auch allgemeinpsychiatrische Gebäude. In Winnenden verlegte er sich vor allem aufs Sanieren – das dem Abbruch geweihte Haus E sei das letzte, das es noch nötig hätte, sagt er.

2015 ging Fliß in Rente. Da wohnte er schon ein paar Jahre an der Albert-Schweitzer-Straße, in direkter Nachbarschaft der Klinik. Sein Grundstück und die Grundstücke seiner Nachbarn hatten früher der Klinik gehört. In Fliß' Zeit als Geschäftsführer fällt der Verkauf des Areals an einen Bauträger, der schließlich das neue Wohngebiet entwickelt hat.

Heute fürchten manche Menschen, die hier wohnen, um ihre Sicherheit, sollten Straftäter wenige Meter von ihnen entfernt untergebracht werden. Erklärungen, Beschwichtigungen und Erfahrungsberichte von Seiten des ZfP, weder seien ein neuer Drogenumschlagplatz noch Gewalttaten zu befürchten, verfingen bislang nicht. Doch wie blickt Hermann Fliß auf diese Sorgen?

Hermann Fliß zu seinen Nachbarn: „Vor den Leuten müsst ihr keine Angst haben“

Der 72-Jährige sagt: „Ich bin der Einzige, der Maßregelerfahrung hat. Ich habe meine Nachbarn beruhigt und gesagt: Vor den Leuten müsst ihr keine Angst haben. Wenn die abhauen, sind die nicht bei euch im Garten. Dann fahren die dahin, wo sie herkommen.“ Seine Kritik sei eher städtebaulicher Natur: Er fürchtet, der Park, der vielen Anwohnern als Naherholungszone dient, werde durch den Ersatzbau für das Haus E vor dem Schloss und den Neubau des Maßregelvollzugs am alten Standort seiner Großzügigkeit beraubt und ruiniert.

Die Befürchtung: Meterhohe Zäune direkt an der Gartengrenze

Verständnis hat er auch für die Befürchtung seiner Nachbarn, direkt an ihren Grundstücksgrenzen würden meterhohe Zäune mit Stacheldraht errichtet. Die Einrichtungen in Wiesloch und Weinsberg liegen viel weiter entfernt von Wohngebieten. Das ZfP versichert zwar, das neue Gebäude müsse keineswegs wie „Guantanamo“ anmuten und werde mit der Stadt städtebaulich abgestimmt. Noch liegen aber keine Pläne vor, wie der Maßregelvollzug wirklich aussehen könnte.

„Das Problem ist für meine Begriffe an dem Standort: Ich habe zu wenig Fläche“, sagt Hermann Fliß und führt unsere Redaktion an der Grundstücksgrenze seiner Nachbarn entlang, die nur circa vier Meter vom Haus E entfernt liegt. „Ich muss ja entweder außen einen Zaun rum machen oder ich muss das Gebäude größer machen, um innen den Hof zu schaffen.“

Noch ist nichts beschlossen. Das ZfP hat angekündigt, sich die Standortfrage noch einmal zu stellen. Einen Vorschlag von Hermann Fliß, doch wenigstens den Maßregelvollzug an der Paulinenstraße zu bauen, also dort, wo das neue Haus E entstehen soll, und das heutige Haus E zu sanieren, lehnt die ZfP-Geschäftsleitung jedoch ab: „Nicht durchführbar“ sei dessen vorgeschlagene Interimslösung, die Patienten aus Haus E zunächst im späteren Maßregelvollzug unterzubringen. Auch sei eine Sanierung von Haus E wegen der schlechten Bausubstanz ausgeschlossen worden.

Noch eine neue Idee: Der Hohenasperg

Inzwischen ist Hermann Fliß eine neue Idee gekommen. Das Land baue doch ein neues Justizvollzugskrankenhaus, nachdem jenes auf dem Hohenasperg zu klein und alt sei. „Wenn das leer wird, könnte man am Hohenasperg den Maßregelvollzug reinmachen. Natürlich muss das saniert werden. Aber das ist außerhalb der Stadt, oben auf dem Berg gelegen, die Sicherung ist da. Und die Stadt wäre komplett raus.“

Hermann Fliß kennt sich aus mit Protesten gegen neue Therapieplätze für Straftäter. Als Geschäftsführer der Psychiatrien Winnenden, Weinsberg und Wiesloch hat er in den 2000ern unter anderem einen Neubau mit 50 Betten durchgebracht – gegen massiven Widerstand aus der Weinsberger Bevölkerung. Keine 20 Jahre später ist er als Rentner und Anwohner der prominenteste Kritiker der Pläne für einen Maßregelvollzug in Winnenden. Hat der 72-Jährige nach dem Sankt-Florians-Prinzip die Seiten

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper