Winnenden

Martin Baier bietet Stadtführung an: Winnenden im Nationalsozialismus

Lehrer Martin Baier
Martin Baier. © ALEXANDRA PALMIZI

Wie war es in der Stadt, als die Nationalsozialisten an der Macht waren? Das sogenannte „Dritte Reich“ hat vor 88 Jahren begonnen und vor 80 aufgehört. „Es gibt bald keine Zeitzeugen mehr“, sagt der Winnender Martin Baier. Als er selbst noch Schüler war, hatte er noch eine prägende Begegnung mit einem Mann, der das Konzentrationslager überlebt hat. Inzwischen ist Baier selbst Lehrer, seine Schüler müssen mit Filmen und Büchern vorliebnehmen. Doch wer erzählt davon, was sich in ihrer Heimat Winnenden zugetragen hat, was sich in und vor den alten Häusern und in den Köpfen der Vorfahren abspielte?

Mit einer Stadtführung zum Thema wollte Baier die Erinnerung an diese dunklen Zeiten wachhalten. Mehr als 50 Gäste, vom jungen Erwachsenen bis zum hochbetagten Senior, folgten der Einladung des Grünen-Ortsverbands und liefen zwei Stunden lang durch die Stadt: Marktstraße, Kino, Schloss, Stadtgarten, Paulinenpflege und Winnender Zeitung.

Schnelle Ortswechsel schaffen Spannung

Die relativ raschen Stationswechsel hielten die Spannung aufrecht, da störte nur hier und da der Verkehrslärm. Im Lauf des Rundgangs wurde klar, dass auch in Winnenden alles geschehen war, was den Nazis zur Macht verholfen hatte und was den Schrecken ihrer Herrschaft bis heute ausmacht: Propaganda, Zwangsarbeit, Denunziation, Hinrichtungen, Zwangssterilisation, Patientenmord.

Was macht die Manipulation durch die Zeitung und das Kino mit den Menschen?

Gut war, dass Baier sich nicht über die Menschen der damaligen Zeit moralisch erhebt, sondern versucht, sich in ihre Lebensumstände hineinzuversetzen. Immer wieder fragt er: Wie hätten wir reagiert? Hätten wir protestiert angesichts der Drohung, als Wehrkraftzersetzer hingerichtet zu werden? Der Winnender Karl Auchter entging nur durch Riesenglück der Stuttgarter Guillotine. Eine beiläufige Äußerung war der Grund für seine Verhaftung. Wer Streit mit der Nachbarin hatte, fand sich rasch denunziert und vom Stadtpolizisten Wilhelm Hirneise verhört, weil man ausländische Sender im Radio hörte. Und wer wäre den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegengelaufen wie Georg Brandt und Wolfgang Best aus Winnenden? Einen Tag zuvor stand in der Zeitung dazu: „Tod den Verrätern“.

Quälende Lektüre in pathetischem Stil mit dem obersten Ziel Volksverbundenheit

Eine wichtige Quelle ist das Volks- und Anzeigenblatt, der Vorgänger der Winnender Zeitung, ab 1933 gleichgeschaltet. Martin Baier hat alle acht Jahrgänge durchgelesen, einige Ausgaben fehlen zwar, aber es ist mehr als die NSDAP-Akten, die meisten wurden nach 1945 verbrannt.

Die Zeitung also, Baier ist ehrlich: „Es war eine Qual, das zu lesen.“ Vor allem wegen der Sprache, kitschig, pathetisch, die Volksverbundenheit über alles stellend, mit der die Redakteure die Menschen manipuliert haben. Bei einer Versammlung der NSDAP im Saal des „Hirsch“ an der Marktstraße 13 lautete das Thema des Vortrags: „Jüdische Weltmachtpläne“.

Manipulation und Propaganda erfolgten auch im 1936 mit Erlaubnis der Reichsfilmkammer eröffneten Olympia-Kino: Zuerst liefen die gefärbten Nachrichten in der Wochenschau, danach Hetzfilme wie „Jud Süß - der ewige Jude“. Martin Baier findet das Programm dieser Jahre „schockierend“ und findet auch einen Hinweis, dass die Vorstellungen gut besucht waren. „Die Winnender sollen nicht drängeln“, wird Kinobesitzer Eugen Kienle in einem Artikel zitiert. Wie stark die rassistische Propaganda wirkte, verdeutlicht Martin Baier mit einem Beispiel aus der eigenen Familie: „Meine Großmutter erzählte uns Enkeln, sie war felsenfest davon überzeugt, die Tochter des reichen Juden habe einen Schweinekopf gehabt.“ Den Zuhörern stockt der Atem.

An der Aufklärung der Zwangsarbeit wirkte nicht jede Firma freiwillig mit

Der Krieg war längst in der Stadt, bevor sie von den Amerikanern am 20. April 1945 mit Granaten beschossen wurde und 20 Menschen starben. Ab Herbst 1939 mussten hier Kriegsgefangene „unter unmenschlichen Bedingungen“ (Baier) als Zwangsarbeiter in den Dachziegelwerken schuften. Auch beim erst 1939 nach Winnenden gekommenen Alfred Kärcher arbeiteten Gefangene in der Firma, ebenso wie bei allen größeren Betrieben in der Stadt. Insgesamt 1207 Zwangsarbeiter lebten in verschiedenen aufs Stadtgebiet verteilten Lagern, die meisten stammten aus Russland, Italien, Frankreich und Polen. Sechs starben in Winnenden, zwei durch eine öffentliche Hinrichtung 1944, weil sie geflohen waren und einige Einbrüche verübten. Die Stadt pflegt für die Männer bis heute zwei Gräber.

„Ich wünsche mir mehr Sichtbarkeit von Mahnmalen an die Zeit in der Stadt“

Daniel Baier findet, die Zwangsarbeit bei Winnender Firmen gehöre weiter aufgearbeitet durch Historiker, so wie es die Messerfabrik Giesser gemacht habe. Für Veröffentlichungen des Kreisarchivs stellte Giesser alles zur Verfügung. Aufs Kärcher-Firmengelände gehört Martin Baiers Meinung nach ein Mahnmal, und auch in der Stadt wäre er über mehr Information für Passanten und Stadtbesucher froh.

Zwei Gedenkstätten am Schloss Winnental

Recht weit ist das Zentrum für Psychiatrie, was die Aufarbeitung der Patientenmorde angeht. Ans Reservelazarett erinnert eine Inschrift im Boden vor dem Nebengebäude des Schlosses, 2009 wurde im Schlosspark ein Mahnmal aufgestellt, ein dickes Buch erschien über die 175-jährige Geschichte der Heilanstalt, und eine Ausstellung über die grauen Busse, die die Patienten zur Ermordung nach Grafeneck abholten, machte von 2017 bis 2019 hier Station. 395 Menschen starben 1940/1941 in der Gaskammer von Grafeneck. Später sterben die Patienten in der Heilanstalt an Unterernährung, Kälte, Krankheit, 311 sind es im Jahr 1945. Sieben Stolpersteine an der Ringstraße erinnern an Bewohner der Paulinenpflege, die nach Hadamar deportiert und getötet wurden, inzwischen weiß man von einem achten.

Die Vorstufe: Von 1933 an wurden Menschen zur Sterilisation gezwungen, die schizophren, blind, taub, schwere Alkoholiker oder Epileptiker waren - wer körperlich missgebildet war oder „nicht in den Rahmen passte“, wie Baier sagt. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ konnte großzügig ausgelegt werden. Der NS-Bürgermeister Josef Huber fragte den ärztlichen Direktor der Heilanstalt, Otto Gutekunst, 1936 gezielt danach, wie viele Juden untergebracht seien.

Es macht einen fassungslos, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie eiskalt und rücksichtlos gedacht und gehandelt wurde, wenn es um die eigenen Wünsche ging. „Die NSDAP-Ortsgruppe Winnenden hielt viele Veranstaltungen im großen Festsaal ab und hätte im Schloss am liebsten eine Eliteschule eingerichtet, eine Napola“, berichtet Baier. Als 50 Patientinnen 1939 in den Festsaal verlegt wurden, weil der Frauenpavillon in ein Reservelazarett verwandelt wurde, ärgerte sich der Ortsgruppenleiter darüber. Er schrieb an Gutekunst und verlangte, die Frauen ins Schloss zu verlegen oder mit ihnen „das, was man schon angefangen hat“, zu machen. Sprich: sie ermorden zu lassen.

War die Stadtführung gut? Wiederholung wünschenswert

Martin Baier erzählt frei und spannend und trägt dazwischen Original-Texte vor. Er weiß unglaublich viel, beherrscht aber auch die Kunst des Weglassens. Gleichwohl wären vielleicht noch etwas mehr Ordnung, weniger Sprünge, Konzentration auf ein Unterthema pro Station schön. Bei einer – wünschenswerten – Wiederholung.

Wie war es in der Stadt, als die Nationalsozialisten an der Macht waren? Das sogenannte „Dritte Reich“ hat vor 88 Jahren begonnen und vor 80 aufgehört. „Es gibt bald keine Zeitzeugen mehr“, sagt der Winnender Martin Baier. Als er selbst noch Schüler war, hatte er noch eine prägende Begegnung mit einem Mann, der das Konzentrationslager überlebt hat. Inzwischen ist Baier selbst Lehrer, seine Schüler müssen mit Filmen und Büchern vorliebnehmen. Doch wer erzählt davon, was sich in ihrer Heimat

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