Winnenden

Mittagstisch in Winnenden: Hier gibt's Wurst mit Würze und Witz

Mittagstisch Imbiss Kronenplatz
Aphrodite Dimitrakudi vor dem kleinen Imbiss am Kronenplatz – in 18 Jahren hat sie ihn zur Institution gemacht. © Benjamin Büttner

Sechs rote Großbuchstaben bringen Farbe ins Betongrau des aktuellen Kronenplatzbauwerks. Original 70er Jahre und unmissverständlich sind sie. Hier gibt’s schnell etwas Warmes auf die Hand: IMBISS. Sollten sie dereinst einmal abgeschraubt werden, weil der Kronenplatz neu bebaut wird, finden die leuchtenden Lettern hoffentlich eine Bleibe im Stadtarchiv, denn sie stehen für die älteste Imbissbude der Stadt. Eröffnet wurde sie 1973, 2002 übergab die erste Betreiberin das Geschäft an das Ehepaar Aphrodite und Nikolaos Dimitrakudis. Die beiden sind jetzt also auch schon seit 18 Jahren Pächter der 15 Quadratmeter winzigen Küche mit kleinem Lager.

Aphrodite Dimitrakudi hat, wenn sie nicht gerade zwischen diversen Grillplatten, Kühlschrank und Fritteuse zugange ist, von ihrem Ausgabe-Fenster aus den Kronenplatz und die Kornbeckstraße im Blick, zum Bahnhof ist es nicht mehr weit. Sie freut sich, dass seit ein paar Jahren den abgerissenen Häusern provisorische Parkplätze folgten, auf denen ihre Handwerker-Kunden rasch auch mal den Sprinter abstellen können. Gute Vorboten der Neubebauung. „Von mir aus kann's so bleiben“, sagt sie lachend. Und den neuen Anblick der um einen Anbau erweiterten Kastenschule, dessen Steinfassade hervorragend zur Giebelwand des Altbaus passt, findet sie auch toll. Generationen von Grundschülern zählen zu den Kunden, haben hier ihre ersten Pommes gegessen, entweder heimlich oder in Begleitung ihrer Eltern. „Viele erzählen mir ihre Kindheitserinnerungen und sagen, es schmeckt wie früher!“ Mit Aphrodite Dimitrakudi kommt man aber auch generell schnell ins Gespräch, und sie verrät, warum.

Als junge Frau schwor sie: Nie wieder Gastronomie

Aphrodite Dimitrakudi hat ihre Kindheit in Deutschland und Griechenland verbracht. Bis zu ihrem elften Lebensjahr wohnte die Familie in Künzelsau. „Wo die Jeans produziert wurden, im Mustang-Haus.“ Die Mutter arbeitete für diese Firma, der Vater hatte einen Textilhandel und ging später in eine Fabrik. Zurück in Griechenland, eröffneten die Eltern eine Café-Pizzeria. „Ich ging zur Schule, machte mein Abitur, arbeitete aber seit meinem zwölften Lebensjahr mit. Für uns gab es keinen Feierabend, keine Feiertage und keine Ferien“, sagt die 52-Jährige. Als sie mit 18 Jahren und ihrem Mann Nikolaos nach Deutschland kam, arbeiteten beide bei AEG, zwei Kinder kamen zur Welt, Aphrodite wechselte irgendwann zur Bäckerei Maurer in den Verkauf. „Dass wir gerne Kontakt zu anderen Menschen haben, liegt bei uns in der Familie“, sagt sie und denkt an ihre zweieinhalbjährige Enkelin, deren Göschle auch schon ganz flott läuft. „Ich hatte mir allerdings geschworen, nie wieder Gastronomie.“ Doch als 2002 die Gelegenheit kam, sich mit dem Imbiss selbstständig zu machen, griff sie doch zu.

Immerhin, die Öffnungszeiten kann sie bestimmen. Samstag und Sonntag bleibt die Bude zu. „Wenn jemand sagt, er hätte auch samstags gern eine Currywurst, dann sage ich immer: Irgendwann muss ich auch mal Geld ausgeben können.“ Der Witz und die Würze dieser Imbissbude bestehen durchaus nicht nur in einer gelben indischen Pulvermischung und einer selbst gemachten Tomatensoße, sondern auch in der Schlagfertigkeit der Frau Wirtin.

Viele sind vertraut mit Aphrodite Dimitrakudi, sprechen die Wirtin mit „Du“ an. „Ja, ja“, sagt sie lachend, „bei mir steht der Kunde im Mittelpunkt. Ich leiste gern auch mal Hilfe in den verschiedensten Bereichen.“

Sie hat außerdem ganz bestimmte Qualitäts- und Regionalitätsvorstellungen von dem, was sie serviert. „Das Brot ist vom Back-Pflumm, mein Metzger wohnt in Winnenden. Er schlachtet in Stuttgart und macht die Würste kesselfrisch für mich in Sondergrößen“, sagt sie, „180 Gramm wiegt die Rote Wurst, 130 Gramm die Bratwurst.“ Preise um die 3,20 Euro dafür hält nicht nur sie für durchaus günstig. „Meine Pommes sind frisch, nicht aus der Tiefkühltruhe, und das Zaziki mache ich selbst.“ Vor ein paar Jahren führte sie einen griechischen Bauernsalat ein, der sich von der typischen, aber eben auch überraschend großen Stehimbisskarte abhebt. Es gibt Burger, Cevapcici, Schaschlik, Chicken Nuggets, Schnitzel, Paprikawurst, Hot Dog, Bratwurst Thüringer Art und Geflügelwurst.

Nur die Bifteki sind nicht regional, dafür original aus Griechenland

Während der Kollege Fotograf sich beinahe klassisch Rote-Spezial und Pommes mit Mayo einverleibt, probiere ich ein gefülltes Fladenbrot aus. „Pita und Bifteki sind Tiefkühlware, denn das Fleischküchle beziehe ich direkt aus Griechenland“, sagt die Chefin. Es ist auf meinen Wunsch das mit Käse gefüllte, hat eine weiche Textur und schmeckt herzhaft. Zwiebeln, Pommes und Salat hat Aphrodite Dimitrakudi mitsamt Spezialsoße ins Brot gerollt. Gut, dass man inzwischen überall die Hände waschen oder desinfizieren kann, denn bei einem ungeübten Stehesser wie mir quillt bei jedem Bissen mehr Soße über die Finger.

2018 konnte sich niemand vorstellen, dass es eine Pandemie geben würde. In dem Jahr fing etwas ganz anderes an, Aphrodite Dimitrakudi und ihren Mann umzutreiben. Als nämlich der Gemeinderat den Sieger im Investorenwettbewerb für die Neubebauung des Kronenplatzes kürte, Projektbau Pfleiderer Winnenden und die Kreisbaugesellschaft, mittlerweile ist auch die Schatz-Gruppe Schorndorf mit im Boot. Der Entwurf stammt von einem ehemaligen Winnender, dem Berliner Architekten Jürgen Mayer, der als Kind auch schon Gast an der Imbissbude war. Klaus-Martin Pfleiderer zeigte sogleich Bereitschaft, über eine Integration des Kleinstbetriebs in den Neubau zu reden. „Wir haben uns bisher einmal getroffen, aber die Zeit ist ja noch nicht reif, um konkret etwas zu vereinbaren“, sagt Aphrodite Dimitrakudi. Vor zwei Jahren meinte sie: „Wenn die Bedingungen human sind, machen ich und meine Familie mit in dem Neubau. Ich sage immer: Leben und leben lassen.“

Sechs rote Großbuchstaben bringen Farbe ins Betongrau des aktuellen Kronenplatzbauwerks. Original 70er Jahre und unmissverständlich sind sie. Hier gibt’s schnell etwas Warmes auf die Hand: IMBISS. Sollten sie dereinst einmal abgeschraubt werden, weil der Kronenplatz neu bebaut wird, finden die leuchtenden Lettern hoffentlich eine Bleibe im Stadtarchiv, denn sie stehen für die älteste Imbissbude der Stadt. Eröffnet wurde sie 1973, 2002 übergab die erste Betreiberin das Geschäft an das Ehepaar

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper