Winnenden

Motivieren Chefarzt-Boni zu unnötigen OPs?

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Blick in den hochmodernen Hybrid-Operationssaal in Winnenden. © Rems-Murr-Kliniken

Winnenden/Schorndorf. Leitende Ärzte in den Rems-Murr-Kliniken erhalten einen Teil ihres Gehaltes leistungsabhängig: wenn Zielvereinbarungen erfüllt werden. Die Kreisräte Stephan Kober und Thomas Bezler (ÖDP) fürchten: Das könne Ärzte verführen, im Zweifel lieber zu operieren. Landrat und Klinikleitung kontern: Vereinbarungen über anzupeilende OP-Zahlen gebe es gar nicht.

Kritiker bemängeln seit langem, dass das deutsche Gesundheitswesen einer unguten Geldlogik unterworfen sei: Für jeden Patienten erhält ein Krankenhaus je nach Diagnose von den Krankenkassen einen festen Vergütungssatz, eine „Fallpauschale“. Tendenziell werden Operationen gut honoriert, während sich konservative Pflege eher nicht lohnt; und je schneller der Patient entlassen wird und einem anderen Platz macht, desto mehr Geld lässt sich umsetzen.

Fallpauschalensystem kann Hamsterradeffekte auslösen

Natürlich ist es nicht per se verdächtig, wenn ein Chefarzt sehr viele Operationen macht – im Gegenteil, das spricht dafür, dass er einen guten Ruf genießt und Leute in Scharen kommen. Auch kurze Liegezeiten sind nicht schlechterdings ein Skandal – erfolgreiche Behandlung, rasche Genesung, alles gut. Dennoch, das Fallpauschalensystem kann Hamsterradeffekte auslösen und Fehlanreize setzen.

Diese Mechanik entfalte durch Zielvereinbarungen mit leitenden Ärzten noch stärkere Hebelkraft, fürchten die Kreisräte Stephan Kober (Die Linke) und Thomas Bezler (ÖDP). Sie fordern die Abschaffung dieses Instruments an den Rems-Murr-Kliniken: Es müsse „alles getan werden“, dass nicht „noch zusätzliche finanzielle Anreize des Ärztepersonals für abrechnungsfähige Leistungen gesetzt werden“, denn das erhöhe die Gefahr „unnötiger“ Operationen „noch weiter“.

Die Geschichte vom Bekannten, der zum Osteopathen ging

Kober und Bezler verweisen auf die Erfahrungen zweier Privatversicherter aus dem Bekanntenkreis. Dem einen sei in der Klinik nach einem Bandscheibenvorfall „dringend geraten“ worden, sich operieren zu lassen – der Patient habe sich von einem Physiotherapeuten „konservativ behandeln“ lassen und sei „heute vollkommen beschwerdefrei“. Der andere habe einen Schienbein-Haarriss erlitten. Anstatt der Klinikempfehlung – OP, Platten, Schrauben – zu folgen, habe er einen Osteopathen aufgesucht und gehe „wieder wie gewohnt mit seinem Hund spazieren“.

Landrat: Rems-Murr-Kliniken halten sich an "klare Spielregeln"

Moment, sagt Landrat Richard Sigel: Die Rems-Murr-Kliniken halten sich an „ganz klare Spielregeln“ der Deutschen Krankenhausgesellschaft und der Bundesärztekammer. Demnach sind Zielvereinbarungen zwar prinzipiell legitim; nicht in Ordnung ist es aber, darin angepeilte OP-Zahlen zu definieren. Du bekommst 20 000 Euro mehr im Jahr, wenn du statt bisher x künftig y Hüften einbaust? So nicht. An den Rems-Murr-Kliniken werden Zielvereinbarungen mit Chefärzten und leitenden Oberärzten jeweils individuell ausgehandelt. Beispiele: Ärzte erhalten Boni, wenn sie ...

  • einen neuen medizinischen Bereich aufbauen wie zum Beispiel die Diabetologie,
  • regelmäßig Mitarbeitergespräche führen, Vorträge halten und den Kontakt zu einweisenden Ärzten pflegen,
  • „klinische Behandlungspfade“ einführen, die überprüfbare Qualitätsstandards und Workflows definieren.

All das klingt sinnvoll. Etwas hellhöriger wird der Laie bei weiteren Beispielen: Einzelne Ärzte erhalten auch Boni, wenn sie ...

  • „im Wirtschaftsplan der Abteilung festgelegte Planungsergebnisse“ erreichen,
  • Prozesse verbessern „mit dem Ziel einer Verweildaueroptimierung“.

„Es darf nicht sein, dass man alles operiert, was bei drei nicht auf den Bäumen ist“

Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, bekennt sich dabei aber zur „Faustregel“, die der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing aufgestellt hat: Im Gesundheitswesen sei „betriebswirtschaftliches Denken geboten“, solange es darum geht, eine medizinisch indizierte, also angeratene, nötige Maßnahme „möglichst effektiv“ umzusetzen. „Der Rubikon“ ist nach Wiesing „überschritten, wenn ökonomisches Denken die medizinische Indikationsstellung beeinflusst“. Landrat Sigel drückt dasselbe etwas einfacher aus: „Es darf nicht sein, dass man alles operiert, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.“

Derzeit erhalten die Chef- und leitenden Oberärzte in den Rems-Murr-Kliniken „im Schnitt nicht mehr als zehn Prozent“ ihrer Gehälter „über Boni“, sagt Sigel. Bei manchen, präzisiert Nickel, liegt der Anteil höher, bei anderen niedriger – und „nicht mit jedem Chefarzt“ sei überhaupt „ein solcher variabler Vergütungsanteil vereinbart“.

Nickel: Rems-Murr-Kliniken wollen keine Fehlanreize schaffen

Zehn Prozent: Damit liegen die Rems-Murr-Kliniken klar unterm Branchentrend. Die Beratungsfirma Kienbaum ermittelte 2017 in einer Studie: Variable Gehaltskomponenten bei Chefärzten seien „im Markt durchweg üblich“ – in einer durchschnittlichen Höhe von „38 Prozent der Gesamtvergütung“. Der Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen empfahl vor Jahren eine Obergrenze von 30 Prozent; und stellte fest, dass die NRW-Unikliniken sich mitnichten daran hielten: Bei den Chefärzten habe der variable Vergütungsanteil im Schnitt 40 Prozent betragen (in einem Einzelfall gar 92!), bei den Oberärzten immerhin noch 19.

Marc Nickel sagt: „Die Rems-Murr-Kliniken wollen keine Fehlanreize schaffen. Deshalb schöpfen wir den Spielraum nicht voll aus, sondern setzen primär auf eine verantwortungsgerechte und zwangsläufig am Markt orientierte Vergütung.“ Und Landrat Sigel verspricht: „Das Instrument“ solle auch künftig „nicht übermäßig weiter ausgedehnt“ werden.


Arztgehälter

Der durchschnittliche deutsche Chefarzt bekommt 288 000 Euro im Jahr: Das ergab eine Erhebung der Personal- und Managementberatung Kienbaum, die für ihre Studie „Ärzte, Führungskräfte und Spezialisten in Krankenhäusern 2017“ insgesamt 143 Krankenhäuser und Kliniken befragt hatte. Am besten verdienen demnach die Chefs der Inneren Medizin (im Schnitt 356 000 Euro), am schlechtesten die in der Kinder- und Jugendmedizin (202 00 Euro). Bei den Oberärzten nennt Kienbaum Durchschnittsgehalter zwischen 146 000 Euro (Chirurgen) und 105 000 Euro (Geriatrie).

Auf die Frage nach den Gehältern an den Rems-Murr-Kliniken antwortet die Klinikleitung: „Die Kienbaum-Studie spiegelt den durchschnittlichen Rahmen von Chefarztgehältern wider. Da die Rems-Murr-Kliniken gerade im Ballungsraum Stuttgart in einem Wettbewerb um qualifizierte und verantwortungsbewusste Ärzte stehen, deckt sich die Studie mit dem Gehaltsgefüge der Rems-Murr Kliniken.“