Winnenden

Nach Hanspeter Luckerts Tod: Neu-Stadtrat Antonio Agazio tritt in "große Fußstapfen"

Neuer Gemeinderat Antonio Agazio, Winnenden, 11.04.2022.
Antonio Agazio vor dem Schulhof der Kastenschule. Hier war er als Jugendlicher der Schiedsrichter bei den Fußballspielen der Schulkinder. © Benjamin Beytekin

Seine Berufung in den Gemeinderat hat sich Antonio Agazio anders vorgestellt. Der 30-Jährige wird am Dienstagabend (12.4.) für die Freie Wählervereinigung Winnenden (FVW) ins Gremium nachrücken, weil deren Stimmenkönig Hanspeter Luckert im März mit 54 Jahren viel zu früh verstorben ist. „Der Anlass ist schlimm. Ein Auge lacht, ein Auge weint“, sagt Antonio Agazio, der bei der Wahl 2019 den Einzug in den Gemeinderat knapp verpasst hatte. Trotz der traurigen Umstände: Der italienischstämmige Vollblut-Winnender, den viele in der Marktstraße schon als Bub kannten, freut sich auf seine neue Aufgabe.

„Ich bin für manche heute noch der kleine Stöpsel, der für die Mutter einkauft“

Wer mit Antonio Agazio durch die Innenstadt spaziert, erkennt sofort: Der Mann ist hier tief verwurzelt. Links und rechts wird er gegrüßt, hält hier ein Schwätzchen, da ein Schwätzchen. Er erinnert sich an seine Kindheit in der Marktstraße: „Zweimal im Monat samstags habe ich meinen Holztisch genommen und einen kleinen Flohmarkt gemacht, Sachen verkauft. Dann hat mir meine Mutter eine Einkaufsliste geschrieben, als acht-, neun-, zehnjähriger Stöpsel, und ich bin über den Wochenmarkt gelaufen und hab eingekauft.“

Viele Bekanntschaften habe er so geknüpft. „Ich bin für manche heute noch der kleine Stöpsel, der für die Mutter einkauft“, sagt er und lacht.

Antonio Agazios Großeltern sind 1965 nach Winnenden gekommen. Weil seine Eltern im Schichtbetrieb bei AEG gearbeitet haben, hat er viel Zeit bei Oma und Opa verbracht, die über 50 Jahre lang am Kronenplatz wohnten. Das Wohnhaus neben der Biobäckerei Weber steht nicht mehr und der Großvater ist vergangenes Jahr gestorben. Aber die Kastenschule gibt es noch, als Ort der Erinnerung an eine glückliche Kindheit.

Auf dem Schulhof der Kastenschule zum begeisterten Schiedsrichter gereift

„Der Kastenschulhof war unser Fußballplatz“, sagt Antonio Agazio. Hier wurde die Grundlage gelegt für seine große Leidenschaft: Fußballspiele pfeifen. Schon mit neun Jahren schlüpfte Antonio Agazio vor der Kastenschule in die Rolle des Schiedsrichters. Bis zum Beginn seiner Ausbildung mit 15 Jahren blies er hier fast jeden Tag um 14.30 Uhr bei Wind und Wetter in seine Pfeife und die Kinder strömten aus den Häusern. Mit 17 machte er seinen Schiri-Schein.

Seine eigene Fußballkarriere beschränkte sich zwar auf einen Kurzeinsatz in der E-Jugend des SV Winnenden, doch heute ist Antonio Agazio als Bezirksjugendleiter im Einsatz und pfeift für den SV Breuningsweiler in der Landesliga.

Von diesem Hobby profitiere er im Leben sehr, sagt der 30-Jährige. „Man muss lernen, schnelle Entscheidungen zu treffen und mit sich selbstkritisch umzugehen. Dank der Schiedsrichterei bin ich standhaft geworden. Ich habe gelernt, meine Meinung kundzutun und zu vertreten.“ Das, glaubt Antonio Agazio, wird auch im Gemeinderat von Vorteil sein.

Antonio Agazio eröffnet ein Fitnessstudio in Roth bei Nürnberg

Beruflich wird der Single in Zukunft viel pendeln müssen. Er eröffnet aktuell als Franchisenehmer ein „Clever-Fit“-Studio in Roth bei Nürnberg. Viele kennen den Winnender noch aus seiner Zeit bei den Stadtwerken, wo er bis Ende 2021 Assistent der Bäderleitung und Betriebsratsvorsitzender war. Zwei Ausbildungen hatte er zuvor bei Rewe und Volkswagen absolviert.

Für Winnenden wünscht sich Antonio Agazio mehr Leben in der Innenstadt und eine Stärkung der Vereine. Außerdem ist ihm die Pflege ein Anliegen. Er selbst habe seinen Großvater zwei Jahre lang beim Kampf gegen den Krebs begleitet und wisse um das „tolle Personal“ im Rems-Murr-Klinikum Winnenden. „Natürlich kann ich nicht dem Gesundheitsminister sagen: Ihr müsst denen mehr zahlen. Aber wenn ich im Kleinen in Winnenden was tun kann für die Pflege, werde ich mich dafür einsetzen.“

Bei der Kommunalwahl 2019 hat Antonio Agazio als damals 28-Jähriger 3589 Stimmen geholt und den Einzug als Neunter der FWV-Liste knapp verpasst. „Ich bin ehrlich: Ich hab gedacht, das reicht auf Anhieb“, sagt er heute, „aber da wusste ich noch nicht, dass wir die stärkste Fraktion sind.“ Gerne hätte er es bei der nächsten Wahl einfach noch einmal probiert.

Über Luckert: „Ich glaube, von da oben freut er sich, dass ich nachrücken darf“

Dass er jetzt schon für Hanspeter Luckert nachrückt, der 2019 fast doppelt so viele Stimmen gesammelt hat wie er, erfüllt ihn mit Demut. „HP war ein überragender Mensch“, sagt Antonio Agazio, „ich dapp jetzt in so große Fußstapfen ... und kann sie nur mit Schuhgröße 40 füllen.“ Er lächelt. „Das wird eng, da wird mir viel abverlangt. Ich werde auf jeden Fall mit Engagement, Elan und Motivation die Sache angehen.“

Zu Hanspeter Luckert habe er einen guten Draht gehabt. „Ich glaube, von da oben freut er sich, dass ich nachrücken darf. Das hat er mir damals schon gewünscht. Aber so? Das ist sehr traurig.“

Seine Berufung in den Gemeinderat hat sich Antonio Agazio anders vorgestellt. Der 30-Jährige wird am Dienstagabend (12.4.) für die Freie Wählervereinigung Winnenden (FVW) ins Gremium nachrücken, weil deren Stimmenkönig Hanspeter Luckert im März mit 54 Jahren viel zu früh verstorben ist. „Der Anlass ist schlimm. Ein Auge lacht, ein Auge weint“, sagt Antonio Agazio, der bei der Wahl 2019 den Einzug in den Gemeinderat knapp verpasst hatte. Trotz der traurigen Umstände: Der italienischstämmige

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