Winnenden

Nach Razzia in Winnenden wird auch Artemisia-Vorrat versiegelt

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Hans-Martin Hirt mit Setzlingen der Artemisia annua Pflanze, die er an der Paulinenstraße 23 in Winnenden gegen eine Spende abgeben darf. © Gabriel Habermann

Nach der Razzia in den Geschäftsräumen von Teemana und Anamed-Edition sowie in den Privaträumen der Teemana-Geschäftsführerin und des Vereinsvorsitzenden von Anamed international ist kurz danach auch der gesamte Vorrat aus getrockneten und zu Pulver gemahlenen Blättern der Pflanze Artemisia annua beschlagnahmt worden. Er befindet sich zwar noch immer in den Räumen an der Paulinenstraße 23, das Lager ist nun aber amtlich versiegelt. Darüber informiert der Anamed-Vorsitzende Hans-Martin Hirt unsere Redaktion. Auch das amtliche Begleitschreiben dazu liegt unserer Redaktion vor, weitergeleitet von Hirt selbst, der sich „fassungslos“ und „entsetzt“ darüber zeigt, wie man Menschen den Tee, den sie seit Jahren und Jahrzehnten gegen die verschiedensten Erkrankungen einsetzen, einfach verweigern könne.

Auf Nachfrage unserer Zeitung beim Landratsamt bestätigt Gerd Holzwarth, Dezernent für Forst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Vermessung, dass nun die nächste Stufe im Verfahren Landkreis gegen Teemana erklommen worden ist: „Das Verkaufsverbot ist nun faktisch eingetreten.“

Versand ist nun nicht mehr möglich, Teemana ruft Kunden zu Protest auf

In einem langen Newsletter, der ebenfalls von Kunden an unsere Redaktion weitergeleitet worden ist, informiert die Firma Teemana über das Verbot, schildert und bewertet alle Vorgänge aus ihrer Sicht und bittet am Ende, durch Protest zu helfen „bei Medienkontakten und dem zuständigen Landratsamt“.

Hirt: „Lebensverachtende und barbarische Grausamkeit“

Hirt selbst wendet sich, emotional zugespitzt, an Journalistinnen und Journalisten, indem er behauptet: Das Verkaufsverbot „trifft rechtswidrig Tausende unserer weltweiten Mitarbeiter und zwingt uns, die Hilfeleistung für Zigtausende Menschen, auch Wissenschaftler und Ärzte, zu unterlassen. Wir sind fassungslos über diese lebensverachtende, barbarische Grausamkeit, die nur der weltweiten Pharmalobby in die Hände spielt.“

Stimmt das? Jein. Teemana liefert nach einem Bericht vom 6. Oktober 2021 in alle Welt, in Krisengebiete, nach Somalia, auch die Bundeswehr in Afghanistan und Mali gehörte zur Kundschaft. Sie gehen nun so leer aus wie jeder Deutsche, der den Tee gegen Blasenentzündung will. Trotzdem ist er noch erhältlich: Über den Verein Anamed international wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, Artemisia annua anamed wird auf 4000 Feldern in Afrika und Asien in vielen kleinen „Natürliche-Medizin“-Zentren angebaut, getrocknet und als Tee verkauft, hauptsächlich um Malaria zu bekämpfen. Das Wissen weitergeben bleibt erlaubt, kostengünstiger für die Patienten und dazu noch die Einheimischen mit einer Einkommensquelle versorgend geht es selbstredend nicht, aber der Verkaufsstopp in Winnenden dürfte dieses Engagement nicht tangieren.

Ob der Aufguss mit heißem Wasser aus dieser Pflanze beispielsweise eindeutig gegen Corona hilft, wie der Verein immer wieder ins Feld führt, muss aber erst noch durch wissenschaftliche Studien belegt werden. Forscher sind dran, wie seit Februar 2021 Prof. Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut in Potsdam, aber der Weg zum Nachweis ist länger als gedacht. In der Zwischenzeit sind gegen Corona einige andere Medikamente zugelassen worden.

Gegen jede Anordnung und jedes Urteil hat sich Teemana bislang gewehrt

Auch der Begriff „rechtswidrig“ scheint nicht richtig. Hierzu befragt, geht Gerd Holzwarth vom Landratsamt auf die Hintergründe des Verbots ein: Nach der Novel-Food-Verordnung der Europäischen Union ist Artemisia annua seit dem Stichtag im Mai 1997 nicht als Lebensmittel zugelassen worden. „Wir als Lebensmittelüberwachung vom Landratsamt müssen uns an geltendes Recht halten und es durchsetzen, um die Verbraucher zu schützen.“

Bei einer zufälligen Kontrolle im Jahr 2019 ist dem Landratsamt aufgefallen, dass diese Zulassung fehlt, seitdem versucht es, den Verkauf zu unterbinden. Teemana hat sich seitdem juristisch gegen die Anordnungen gewehrt. „Das Rechtsverfahren läuft noch immer“, sagt Gerd Holzwarth, „die jüngsten Anträge von Teemana sind beim Regierungspräsidium und vor Gericht noch anhängig.“ Daher wurde das Zwangsgeld in Höhe von 30 000 Euro auch noch nicht eingetrieben, sondern nur festgesetzt. Sollte sich Teemana nach der Versiegelung der Ware weiter dem Verkaufsverbot widersetzen, steigt das Zwangsgeld auf 50 000 Euro.

Im Prinzip liefert sich Teemana mit dem Landratsamt eine Art Pingpong-Spiel. „Das gehört zu unserem Rechtsstaat, und ich bin froh, dass Gerichte und Behörden die Einwände prüfen“, sagt Gerd Holzwarth. Den Protestierenden unter der Teemana-Kundschaft und unserer Zeitung sagt er: „Wir wollen Teemana nicht kaputtmachen.“

Das jedoch sehen die Kämpfer für das grüne Kraut ganz anders. Das Landratsamt habe aber „keinen Ermessensspielraum“, führt Gerd Holzwarth weiter aus, er und seine Kollegen können nicht einfach wegschauen, und das wurde bislang immer vor Gericht als richtig bestätigt.

Verkauf ist nur in der EU nicht erlaubt – bis der Tee als Lebensmittel zugelassen ist

Das Problem ließe sich zudem lösen, darauf weist der Dezernent ein ums andere Mal hin. „Es gibt durchaus die Möglichkeit, den Tee als Lebensmittel zuzulassen“, sagt Gerd Holzwarth. Mit Studien und Unterlagen müsse man belegen, dass der Stoff nicht giftig ist und nicht ernsthaft krank macht und welche Nebenwirkungen er haben kann und solche Sachen. Das koste Zeit und Geld, aber dafür könnte sich Anamed mit anderen Instituten oder Forschern zusammentun. „Dann wäre der Vertrieb in der EU irgendwann legal“, sagt Holzwarth.

Angeblicher Firmensitz in Sindelfingen bringt nichts, dort gilt auch EU-Recht

Teemana könnte derzeit Artemisia als Tee oder Rohstoff nur außerhalb der EU in Verkehr bringen, zum Beispiel in der Schweiz. Den Firmensitz in einen anderen Landkreis zu verlegen, wie kürzlich geschehen (Sindelfingen/Landkreis Böblingen), bringe nichts, so Holzwarth, denn auch dort gilt das EU-Gesetz. „Und die Kollegen dort müssen das Rad nicht von Anfang an drehen, sondern sie knüpfen da an, wo wir bereits stehen.“ Nämlich bei einem Urteil des Verwaltungsgerichts (Bericht vom 16. Februar 2022). Obwohl Teemana wieder einen neuen Antrag eingereicht hat, erfolgten nun Razzia und Versiegelung des Warenlagers.

Kleine Artemisia-Pflänzchen darf sich jeder selbst in den Garten setzen

Erlaubt ist indes noch immer, wie im Monat Mai bereits erfolgt und bis zum Monatsende vorgesehen, die Samen und Setzlinge der Artemisia-annua-Pflanze gegen eine Spende an der Paulinenstraße 23 in Winnenden auszugeben. „Die können sich Privatleute zur Verschönerung ihres Gartens ziehen“, bestätigt Gerd Holzwarth. Die erntereifen Pflanzen in Verkehr zu bringen, sei aber nicht erlaubt.

Nach der Razzia in den Geschäftsräumen von Teemana und Anamed-Edition sowie in den Privaträumen der Teemana-Geschäftsführerin und des Vereinsvorsitzenden von Anamed international ist kurz danach auch der gesamte Vorrat aus getrockneten und zu Pulver gemahlenen Blättern der Pflanze Artemisia annua beschlagnahmt worden. Er befindet sich zwar noch immer in den Räumen an der Paulinenstraße 23, das Lager ist nun aber amtlich versiegelt. Darüber informiert der Anamed-Vorsitzende Hans-Martin Hirt

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