Winnenden

Neun Jahre nach dem Amoklauf

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Beeindruckt von Jugendlichen in Parkland/Florida: Hannah Söltzer und Adrian Gerlach, die mit anderen vom Jugendgemeinderat die „Lichterkette“ organisieren, deren Schlusspunkt der Hof der Albertvilleschule sein wird. © Schneider / ZVW
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Gedenken Amoklauf
Emma Gonzales wischt Tränen beiseite während ihrer Wutrede gegen Waffengesetze am 21. Februar beim CNN-Stadthallen-Treffen in Parkland/Florida © MICHAEL LAUGHLIN
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Lars Groven.

Winnenden/Parkland. Es hört nicht auf. Auch neun Jahre nach dem Amoklauf vom 11. März 2009 schrecken Winnender auf, wenn irgendwo auf der Welt Jugendliche durch Waffen sterben – wie am 14. Februar 2018 in Parkland, Florida.Die Reaktion dort beeindruckt Winnender Jugendgemeinderäte, die für das Gedenken am Sonntag eine „Lichterkette“ vorbereitet haben. Das Motto der Jugendlichen von Parkland haben die Winnender übernommen: „Never again!“ „Nie wieder!“

Betroffene wie Gisela Mayer von der Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen staunen und hoffen, weil Jugendliche in den USA sich aufbäumen gegen das Schulmassaker in Florida und gegen die Allgegenwart von Schusswaffen in Nordamerika.

Winnender Aufruf: Offener Brief von sechs Elternpaaren

Das erinnert an Winnenden 2009. Zehn Tage nach dem 11. März veröffentlichten sechs Elternpaare, die ein Kind beim Amoklauf von Winnenden verloren haben, einen Aufruf an die Bundesregierung: „Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird.“

Und weiter: „Der Gesetzgeber muss Verstöße gegen das geltende Waffenrecht stärker ahnden.“ Gegen Gewalt in den Medien und in Computerspielen wandten sich die Eltern der Ermordeten, und sie forderten: „Wir wollen, dass die Tat aufgeklärt und aufgearbeitet wird.“

Jener Offene Brief, den die Winnender Zeitung auf ihrer Titelseite vom 21. März 2009 abgedruckt hatte und der bundesweit veröffentlicht wurde, ist praktisch ein Pflichtenheft für Politiker, Justiz und Journalisten. Einiges aus diesem offenen Brief wurde gehört, manches sogar umgesetzt.

Es kam wirklich zum Prozess gegen den Vater des Täters, und es wurde haarklein aufgearbeitet, wie der Täter zu Waffe und Munition gelangen konnte. Das Aufbegehren der Eltern von Winnenden hatte Wirkung, auch wenn es eher nachdenklich, verantwortungsvoll und aggressionsfrei formuliert und ausgesprochen war.

Der Unterschied: Bei uns werden Betroffene gehört

„Wir wurden und werden gehört“, erinnert sich Gisela Mayer, deren Tochter beim Amoklauf 2009 getötet wurde, „die höchsten Vertreter des Staates, Bundespräsident und Bundeskanzlerin, kamen zu uns nach Winnenden. Die Landesregierung forderte uns auf, uns einzubringen, unsere Vorstellungen vorzutragen. Es ist anders bei uns in Deutschland – Gott sei Dank!“

Viel heftiger ist der Aufschrei der Jugendlichen von Parkland, ergreifend und unglaublich ist die Wut der 18-jährigen Emma Gonzales, deren traurig-trotzige Protestrede über Youtube durch die ganze Welt geht. Die USA sind eine andere Welt mit aus deutscher Sicht entsetzlichen Freiheiten für Waffennarren.

Dass ein solches Entsetzen über Waffen jetzt in Amerika aufkommt, dass es in Worte gefasst wird von einer Jugendlichen, dass viele Tausende von diesen Worten gepackt werden in Parkland und dass Millionen von Menschen diesen Aufschrei aus einem geschundenen Ort wahrnehmen und verstehen – das überrascht viele Deutsche, auch Gisela Mayer, und zugleich macht es Hoffnung.

Es ist ziemlich sicher, dass das Aufbegehren weitergeht in Florida. Emma Gonzales, die junge Frau mit dem Kurzhaarschnitt und der vollen, lauten Rednerstimme, hat zusammen mit Mitschülern zu einem Protestzug aufgerufen am 24. März in Washington. Ein „Marsch für unsere Leben“ soll es werden.

Wut in den USA: Warum rufen Jugendliche „B. S.“?

Man sollte sich mal überlegen, was das bedeutet: Junge Leute, Schüler, noch keine 20 Jahre alt, sehen sich gezwungen, für ihr Leben, für ihr Überleben und für ihre Sicherheit auf die Straße zu gehen. „Es treibt einem fast die Schamesröte ins Gesicht, wenn man daran denkt“, sagt Mayer, „was ist das für eine Gesellschaft?“

Warum reagieren Emma Gonzales und Tausende von Bürgern Parklands mit Wut und Aggression auf den Amoklauf? Warum rufen sie im Chor „B.S. B.S.“ Und meinen damit Bullshit? „Weil sie nicht gehört werden. Es ist in den USA nicht wie bei uns“, sagt Gisela Mayer.

Sie und die Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen haben einen Brief an die Schüler von Parkland geschrieben, um Kontakt aufzunehmen. „Die Antwort wird erst in ein paar Monaten kommen. Es dauert lange, bis vieles wieder in geordnete Bahnen kommt. Aber sie werden bestimmt antworten“, sagt Gisela Mayer. In den ersten Wochen nach dem Amoklauf 2009 ging in Winnenden auch alles durcheinander.

Später kamen dann Kontakte zustande zu Städten, die von Amokläufen ähnlicher Dimension getroffen wurden. Auch Newtown in den USA, wo 2012 ein 20-Jähriger 20 Kinder einer Grundschule und acht Erwachsene tötete, bekam Post aus Winnenden und nahm nach einigen Monaten Kontakt auf.

Es geschieht etwas: Gewaltprävention, Waffenkontrollen

Die Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen, gegründet von Eltern ermordeter Schüler, sammelt alle Information zu Amokläufen an Schulen, insbesondere Literatur zu Gewaltprävention, zur Ursachenforschung, zu Waffengesetzen und Kontrollen.

Nach dem 11. März 2009 war den Regierenden in Deutschland klar: Hier muss etwas passieren. „Und es ist auch eine Menge passiert“, sagt Gisela Mayer, „nicht so viel, wie wir gefordert haben. Aber: Viele Waffen wurden vernichtet. Die Kontrollen wurden schärfer. An Schulen hat sich viel verändert – mehr Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, Beauftragte für Gewaltprävention – man achtet auf viele Dinge, die vorher nicht wahrgenommen wurden.“

Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen pflegt ein Netzwerk für Schulleiter, die in Sorge sind. In Berlin läuft ein großes Forschungsprojekt über die Hintergründe von Amokläufen. Schon nach dem Amoklauf von Erfurt hat die Polizei ihre Taktik verändert und trainiert für Einsätze gegen Amokläufer.

„Es sind jetzt neun Jahre seit dem Amoklauf von Winnenden. Wir hatten seitdem keinen Amoklauf mehr mit Schusswaffen und mit dieser Zahl von Getöteten an einer Schule in Deutschland“, sagt Mayer. „Das ist nicht so, weil wir alle auf einmal gut geworden sind, sondern weil wir alle etwas tun in diesem Land.“

Die Stiftung gegen Gewalt trägt zur Verhinderung von Amokläufen bei durch ein Projekt für Gewaltprävention und durch ein Sportprojekt, das soziale Kompetenz fördert. Beteiligt ist sie an einem Projekt zum zehnten Jahrestag des Amoklaufs im nächsten Jahr: Es soll ein gedrucktes Buch erscheinen, in dem Jugendliche erzählen, welche Erfahrungen von Gewalt sie gemacht haben.

Lichtermeer: Organisiert vom Jugendgemeinderat

Winnender Jugendliche selbst, speziell der Jugendgemeinderat, wenden sich auf ihre Weise gegen die Gewalt, die Winnenden erfahren hat. Die „Lichterkette“ am Sonntagabend ist ein symbolstarkes Gedenkritual, es zeigt, dass die Toten vom 11. März 2009 nicht vergessen sind. Zum achten Mal organisiert der Jugendgemeinderat den Gang mit den Kerzen.

Hannah Söltzer (18) und Adrian Gerlach (17) haben sich dieses Jahr eng mit der Stiftung gegen Gewalt an Schulen abgestimmt, weil Solidarität nicht nur mit den Angehörigen der hiesigen Opfer, sondern aus aktuellem Anlass auch mit Hinterbliebenen in Florida demonstriert werden soll. Das Winnender Motto „Die Liebe bleibt“ ist daher um die von den Schülern in Parkland herausgegebene Forderung „Never again“ ergänzt, zu Deutsch „Nie wieder“.

„Ich verstehe den Zorn der Jugendlichen in den USA“, sagt Hannah Söltzer. „Obwohl es so viele, auch kleinere Vorfälle gegeben hat, werden sie von den Erwachsenen immer noch nicht ernst genommen. Diese wissen offenbar nicht, was für psychische Probleme eine solche Tat gerade bei jungen Leuten auslöst.“

Auch Adrian Gerlach findet die Proteste der amerikanischen Schüler beachtlich und hofft, dass ihr Druck auf die Politik Erfolg zeigt. Beide Jugendgemeinderäte waren zum Zeitpunkt der Winnender Tat in der dritten Klasse. „Ich habe nicht genau verstanden, was passiert ist, aber dass es mit uns und Winnenden zu tun hatte, schon“, erinnert sich Adrian. Hannah ging mehrere Tage lang nicht mehr allein aus dem Haus. Das haben ihre Eltern erzählt, sie selbst hat das ausgeblendet.


Winnenden. Sozial- und Religionspädagoge Lars Groven, 39 Jahre alt, trainiert Schüler, Eltern und Lehrer an Schulen im Umgang mit Konflikten und im Vermeiden von ausgrenzendem Verhalten. Er arbeitet für die Stiftung gegen Gewalt an Schulen, die gegründet wurde von Eltern, deren Kinder beim Amoklauf getötet wurden, und anderen Betroffenen. Mit ihm sprach unser Redakteur Martin Schmitzer.

Wo sind die Schulen, an denen Sie arbeiten?

Im Rems-Murr-Kreis, in Stuttgart und Umgebung, unter anderem im Kreis Esslingen, aber auch zum Beispiel in Niedersachsen.

Kommen Sie bei Ihrer Arbeit manchmal auf das Thema Winnenden? Und welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?

Ja. Wenn ich sage, warum ich diese Arbeit mache, woher ich komme und von wem die Stiftung gegen Gewalt an Schulen gegründet wurde, ist den älteren Schülern sehr schnell klar, dass Gewaltprävention etwas Ernstes ist. In einem Training, zu Zeiten, als der IS viele Terrorakte verübte, rief mal ein Schüler den Ruf der IS-Terroristen „Allahu akbar“ dazwischen. Ich fragte ihn, warum er das ruft. Es sollte ein Spaß sein, meinte er. Da erzählte ich ihm von Winnenden, und er verstand: Es ist kein Spaß. Winnenden ist ein guter Türöffner für ernsthaftes emotionales Arbeiten.“

Der Amoklauf von Winnenden und alle Amokläufe sind eine extreme Dimension von Gewalt. Erreichen Gewaltprävention und Anti-Aggressivitätstraining auch etwas gegen diese extreme Gewalt?

Es ist ganz sicher so: Eine gut vernetzte und ganzheitliche Gewaltprävention sowie eine gemeinsame Haltung aller Beteiligten kann dafür sorgen, dass kein Schüler einer Schule übersehen wird und sich jeder ernst genommen fühlt. Sie fruchtet dann, wenn sich in einer Schule bei Schülern, Lehrern und Eltern durchsetzt, dass sie sich in gegenseitiger Wertschätzung begegnen – dann ist es viel, viel schwieriger, aggressiv und menschenverachtend zu handeln.

Ist die Stiftung gegen Gewalt an Schulen ein wichtiger Auftraggeber für Sie?

Sie ist nicht mein Auftraggeber, sie ist mein Arbeitgeber. Ich bin bei der Stiftung zu 75 Prozent angestellt. Zu 25 Prozent arbeite ich bei der Stadt Stuttgart.

Was machen Sie für die Winnender Stiftung?

Ich bin Fachreferent für Gewaltprävention und Deeskalation. Von vielen Schulen werde ich angefragt und trainiere mit allen Altersstufen von Klasse 1 bis 13 und auch an Berufsschulen. Manche Schulen bestellen mich nur für einen Tag im Jahr. Mit anderen haben wir spezielle Konzepte entwickelt, und ich bin an vier Tagen im Schuljahr in einer Klasse. Und da kann man dann schon einiges bewegen und anstoßen. Ich biete auch Lehrerfortbildungen an, bei denen immer auch die Schulsozialarbeit, der Hausmeister und die Schulverwaltungskraft dabei sind. Da geht es um Konfliktfähigkeit, um Schüler-Lehrer-Konflikte und darum, ohne viel Macht zu arbeiten, weil: Wenn ich Macht einsetze, erzeuge ich auf der Gegenseite Ohnmacht. Es geht darum, Schüler nicht zu beschämen, und darum, ausgrenzendes Verhalten zu vermeiden.

Schulmassaker von Parkland und Winnenden

Beim Schulmassaker von Parkland erschoss am 14. Februar 2018 ein 19-Jähriger an seiner ehemaligen Schule, der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland (Florida), 14 Schüler und drei Erwachsene.

Kurz danach wurde er festgenommen; am nächsten Tag gestand er die Tat. Im Zusammenhang mit dem Attentat plädierte US-Präsident Donald Trump dafür, Lehrer zu bewaffnen.

Beim Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 erschoss ein 17-jähriger ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen. Er floh vor der Polizei, die sehr schnell eingetroffen war. Auf der Flucht erschoss er einen Mitarbeiter der Psychiatrie im Schlosspark. Er ließ sich von einer Geisel nach Wendlingen fahren. Dort erschoss er bei einem Autohaus zwei Männer.

Gedenken

Das öffentliche Gedenken für die Opfer des Amoklaufs vom 11. März 2009 findet am Sonntag, 11. März, um 9.30 Uhr bei der Gedenkstätte im Stadtgarten statt.

Ökumenische Gedenkgottesdienste sind um 10.15 Uhr in der Schlosskirche, um 18.30 Uhr in der Peterskirche Weiler zum Stein, um 19 Uhr in der St.-Karl-Borromäus-Kirche.

Eine Lichterprozession beginnt nach dem Gottesdienst um 20 Uhr am Marktbrunnen. Veranstalter ist der Jugendgemeinderat. Teilnehmer bringen ihre Kerze im Becher selbst mit.

Zu allen Veranstaltungen sind alle willkommen.

Unsere gesamte Berichterstattung zum Thema seit 2009 finden Sie unter www.zvw.de/amoklauf-winnenden