Winnenden

Nida Friedrich ist in Bethlehem geboren und bewahrt eine besondere Krippentradition

Krippe
Nida Friedrich kommt aus Bethlehem und lebt seit 18 Jahren in Winnenden. Ihre Krippenfiguren sind aus Olivenholz. © ALEXANDRA PALMIZI

Bei ihrer Biografie wird einem wahrlich weihnachtlich zumute: Nida Friedrich ist in Bethlehem geboren, nur knapp zwei Kilometer entfernt von der Geburtskirche kam sie per Hausgeburt zur Welt. „Von der Strecke her ist es vergleichbar mit Breuningsweiler bis Winnenden“, verweist sie lachend auf die Parallele mit ihrem heutigen Wohnort. Seit 18 Jahren leben die Biochemikerin und ihr Mann in Winnenden. Wie jedes Jahr an Weihnachten steht ihre selbst gebaute Krippe vor dem Baum. Wie kommt es aber, dass sie die Heilige Familie statt im Stall in einer Höhle zeigt?

Heilige Nacht - Wo kam Jesus zur Welt?

Die Darstellung der Geburt Jesu im faszinierend kleinen Format berührt. Gottes Sohn, der in ärmlichen Verhältnissen zur Welt kam, nachempfunden durch das Kind in Windeln in einer Krippe unter freiem Himmel und durch die Figuren von Maria und Josef, dazu Ochs und Esel. „Ohne die Höhle wird es bei uns nicht Weihnachten“, sagt Nida Friedrich. Vor ihrer Krippe aus Pappe werde für sie der Geist des Festes spürbar.

Die Krippenbauerin verlegt die Weihnachtsgeschichte nicht, wie bei uns häufig zu sehen, in einen Stall, sondern in eine Höhle. „Ich stelle die Heilige Nacht dar, wie es in meiner und in Jesu Heimat üblich war. Nach griechisch-orthodoxem Glauben kam Jesus in einer Höhle zur Welt“, schildert sie, wie sie die Weihnachtsgeschichte von klein auf kennengelernt und erzählt bekommen hat. „Früher haben Menschen in Bethlehem, die nicht so reich waren, in Höhlen gelebt mit ihren Tieren, denn das waren ihre Schätze.“ Auch Maria und Josef sollen sich auf ihrer vergeblichen Suche nach einer Herberge in Bethlehem in eine Höhle zurückgezogen haben. „Die Höhle erinnert mich daran, dass Jesu an einem so bescheidenen Ort geboren wurde.“ Bescheiden und unüppig, sehr puristisch vom Materialeinsatz her hält sie ihre Krippendarstellung, in deren Mittelpunkt eine Pappschachtel steht, die aber hinter dem modellierten Packpapier nicht mehr zu sehen ist.

Geburtskirche - Steht auf einer Naturhöhle

Die kleine Box wird zum Gerüst für die Geburtsgrotte. Nida Friedrich befestigt sie vorne am Baum. Etwas braunes Packpapier hat sie darumgewickelt, dann grüne Naturfarbe aufgesprüht, an einigen Stellen goldene und bronzene Farbe eingearbeitet. Während es trocknet, knickt und knittert sie das Papier, um die raue Felsenoptik zu inszenieren.

„Sie soll wie eine Felswand um den Baum herum anmuten“, erklärt die Erbauerin. Jedes Jahr beim Auspacken reiße ihr beim Zusammenbauen ein kleines Stück ab, da bestehe jedes Jahr etwas Renovierungsbedarf. Die Höhle, die sie nachbaut, existiert wirklich: Auf jener Naturhöhle wurde die weltberühmte Geburtskirche erbaut, die bis heute von unzähligen Pilgern und Gläubigen jährlich besucht wird. Im alten Gebäudeteil der Kirche führe eine Treppe in die Grotte. Die Stelle von Christi Geburt kennzeichne ein Stern. Bei Friedrichs im Wohnzimmer gibt es in der Höhle keinen Stern, doch darüber hängt ein Holzstern, auch die Christbaumspitze schmückt ein Stern. Die Krippe sei ein Stück Familiengeschichte. „Wenn ich die Höhle baue, ist es wie ein kleines Haus, das Haus meiner alten Heimat, die in meiner neuen Heimat, in Deutschland, zu Besuch kommt“, erzählt Nida Friedrich.

Prozession - Von Jerusalem nach Bethlehem

Aufgewachsen ist sie in Bait Dschala, einem Stadtteil von Bethlehem. „Die Krippe erinnert mich an die jährliche Verwandlung Bethlehems zu dieser Zeit und an die Weihnachtstraditionen.“ Nida Friedrich ist palästinensische Christin und berichtet von der häufig aus allernächster Nähe erlebten Prozession des Patriarchen - vergleichbar einem Kardinal -, der von Jerusalem durch die alten Straßen zur Geburtskirche in Bethlehem gezogen sei. Er feiere an Heiligabend die Messe, mit der nach griechisch-orthodoxem Brauch das eigentliche Weihnachtsfest beginne. Die orthodoxen Christen feiern nach Information von Nida Friedrich Weihnachten nach dem orthodoxen Kalender am 7. Januar, Katholiken und Protestanten nach dem gregorianischen Kalender am 25. Dezember. „Die Krippe erinnert mich an die Freude und Hoffnung, die dieses Fest für alle Menschen mitbringt. Ich denke an den Tag vor Heiligabend, als wir mit meiner Mutter den Plastikweihnachtsbaum geschmückt haben, und die Freude, als wir die alten Glaskugeln auspacken durften und an den Baum gehängt haben.“

Ihre Mutter habe immer gewartet, bis die Kinder fertig geschmückt hatten, dann habe sie begonnen, die Höhle zu bauen. Das war Mamas Ding - die Kinder durften ihr in diesen Momenten nicht ins Handwerk pfuschen. „Wir haben die Figuren von der Heiligen Familie, die Schäfer, die Heiligen Drei Könige und die Tiere in die Höhle gestellt.“

Als sie selbst Mama wurde, habe sie an der Tradition etwas geändert, ihre Kinder durften mitbauen, erzählt Nida Friedrich. Ihre Figuren seien aus dem sprichwörtlich selben Olivenholz geschnitzt wie die aus ihrer Kindheit, die sie immer als etwas Würdevolles betrachtet und berührt habe. Der Unterschied: „Meine Mutter verwendet sie bis heute, ich nehme moderne Figuren ohne Gesichtszüge“, sagt sie. Diese vertrauten Tätigkeiten verbinde sie bis heute mit dem Fest. Andere Bräuche hätten sich erst mit dem Umzug in die heutige Heimat entwickelt.

Bräuche - Dattelkekse statt Gutsle

Christkind, Engel, Advent mit Kranz und Kerzen - alles deutsche Bräuche. In ihrer Heimat kenne man Santa Claus und Plastikbäume. Der einzige natürliche Tannenbaum, der geschmückt wird, sei der auf dem Platz vor der Geburtskirche. Auch den Adventskranz lernte sie hier kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick und eine für sie bedeutsame Begegnung mit ihrer „neuen“ Kultur. „Die Krippe von damals und der Kranz von heute - damit verbinde ich beide Kulturen“, sagt sie. Ihr heutiger Heiligabend: „Nicht schwäbisch, nicht arabisch, manchmal schwäbisch-arabisch, manchmal international“, sagt sie lachend. Heute sitze sie in der Vorweihnachtszeit unter ihrem hängenden Adventskranz, zünde dicke rote Kerzen an und genieße schwäbische Spitzbuben und Schwarz-Weiß-Gebäck, das sie mit ihrer 18-jährigen Tochter backt.

In Bethlehem seien Plätzchen und Leckereien, die Wochen im Voraus gebacken werden, nicht bekannt. „Einige Tage vor Weihnachten wurden Dattelkekse gebacken, die jeder Gast angeboten bekommt, der uns Glück zu Weihnachten wünscht“, erzählt sie. Der Heiligabend sei eine recht gesellige Angelegenheit: „Manchmal saßen 30 Verwandte und Freunde bei uns im Wohnzimmer.“

Seit sie weggezogen ist, war sie über Weihnachten nur zweimal bei den Eltern. Als ihre heute erwachsenen Kinder noch klein waren, seien sie regelmäßiger dort gewesen. „Die Weihnachtsschulferien waren danach zu kurz, um nach Bethlehem zu reisen.“ Ihre Mutter würde gerne kommen, doch die Reise sei inzwischen zu beschwerlich für die 76-Jährige. Sie ist aber digital fit: Per Skype und Messengerdiensten seien sie an Weihnachten verbunden - das war schon vor Corona so. So ist für Nida Friedrich schon lange Realität, was uns im Pandemiejahr erstmals bevorsteht: Weihnachten im allerkleinsten Kreis, über digitale Kanäle verbunden. Die Herzensverbindung laufe über die Krippe. „Durch sie fühle ich mich immer mit meinen Wurzeln verbunden.“

Feierlichkeiten - Auch in Bethlehem reduziert

Aufgrund der aktuellen Situation werden auch in Bethlehem die Weihnachtsfeste auf ein Minimum reduziert, um die steigenden Corona-Fälle zu verringern. Die Feierlichkeiten werden daher auf die Nachtmesse reduziert, die von den religiösen Würdenträgern und einer kleinen Anzahl von Bewohnern Bethlehems besucht werden.

In dieser Stadt stehe der Weihnachtsbaum bis zum 19. Januar, dem Tag der Taufe Jesu. Hierzulande werde früher abgebaut, Friedrichs warten, bis sie im Dorf die Bäume einsammeln. Dann wandert die Krippe wieder in den Keller in die immer gleiche Kiste. Dort, wo auch der Weihnachtsschmuck lagert. Die Familie hat sich für eine Optik aus Gold und Silber entschieden, die jedes Jahr ergänzt werde um eine neue Kugel. „Dieses Jahr wird es zum ersten Mal keine neuen Kugeln geben, weil es keine Weihnachtsmärkte gab und jetzt die Läden geschlossen sind.“

Lesen Sie eine weitere Geschichte - über einen Mann, dessen Weihnachtsfest ganz anders ist als sonst.

Bei ihrer Biografie wird einem wahrlich weihnachtlich zumute: Nida Friedrich ist in Bethlehem geboren, nur knapp zwei Kilometer entfernt von der Geburtskirche kam sie per Hausgeburt zur Welt. „Von der Strecke her ist es vergleichbar mit Breuningsweiler bis Winnenden“, verweist sie lachend auf die Parallele mit ihrem heutigen Wohnort. Seit 18 Jahren leben die Biochemikerin und ihr Mann in Winnenden. Wie jedes Jahr an Weihnachten steht ihre selbst gebaute Krippe vor dem Baum. Wie kommt es

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper