Winnenden

Orgelmatinee im Advent in Winnenden: Was sagt Organist Kranefoed zum Konzert in Corona-Zeiten?

OrgelkonzertCorona
Organist Peter Kranefoed führt ins Orgelkonzert ein. © Gaby Schneider

Organist Peter Kranefoed spielt melancholischer als sonst und spricht offen über die prekäre Lage seines Berufsstandes. Pfarrer Gerald Warmuth spricht vom biblischen Frieden in Jesaja 2. Diese mit einem „Trick“ zustande gekommene Andacht mit Orgelmusik zum Beginn der Adventszeit lässt für 50 kultur-ausgehungerte Zuhörer Glücksmomente entstehen.

Wir müssen derzeit alle fasten - ein Kultur-Fasten bleibt niemandem erspart. Fasten hat in der christlichen Kirche nicht nur an Ostern eine Tradition, es gibt auch eine vorweihnachtliche Fastenzeit, beginnend am 11. November. Doch sie bezieht sich nicht auf die Musik - ganz im Gegenteil, in der Musik erst wird die Vorfreude auf Weihnachten hör- und erlebbar: „Unsere gesamte christliche Religion, jede Messe ist von Orgelmusik geprägt, das fehlt alles“, bedauert Ingrid Kaesler-Goretzki. Sie findet es tröstlich und ist dankbar, dass trotz Corona diese Andachtsstunde möglich ist. „Es waren Stücke dabei, die mich an Zeiten erinnern, als alles anders war“, sagt sie, „dadurch kommt der Bogen mit Hoffnung in mir auf, dass es auch wieder anders wird.“ Es fehlt etwas ohne den in diesen Wochen normalerweise zu hörenden feierlichen Konzertklang in festlich geschmückten Kirchen. Der Wegfall des Weihnachtsoratoriums zählt dazu - die Kantoreisängerin Susanne Schwender aus Nellmersbach spricht von einem Verlust. „Es ist jedes Jahr ein Highlight für uns.“ Musik zu hören oder selbst zu singen in den Adventswochen, bedeute für sie „Innehalten, aus dem Alltagstrubel rauskommen“. Ihr Mann Martin Schwender schöpft Hoffnung aus der Musik. „Hoffen zu können ist immer etwas Gutes, aber in diesem Jahr besonders wichtig, weil die Not greifbarer ist für uns.“

Ohne Musik fällt vielen die Einstimmung auf die Vorweihnachtszeit schwer

Dass wir unseren „Hunger“ nach Musik im Rahmen eines schönen Konzerts derzeit nicht stillen können, bedauert auch Anna Löffler aus Winnenden. Dabei wäre es gerade jetzt so wichtig: „Musik gibt mir die nötige Ruhe und Entspannung, um in der Adventszeit richtig anzukommen.“ Die Vorfreude auf Weihnachten sei „mit einem Mal ganz anders geworden“. So wie ihr auch das Orgelspiel „düsterer als sonst“ vorgekommen sei. Angesichts der ungewissen Corona-Zukunft verbinde sie mit den Orgelklängen aber trotzdem die „Zuversicht, es möge wieder anders werden“. Zudem seien während der kleinen Andacht ihre Gedanken auf die Reise gegangen. „Ich habe mich gefragt, was die Komponisten wohl empfunden haben, als sie die Stücke geschrieben haben.“ Der Dialog aus Worten, Lesung, Gedanken und Musik hat für Regina Oellrich aus Winnenden „gepasst“. Fröhlich und in gelöster Stimmung verlässt sie die Kirche. Ihre Augen lachen, mehr ist von ihrer heiteren Mimik wegen der Maske nur zu erahnen. „Die Musik war etwas dunkler als sonst, aber sie hat mir Ruhe, Kraft und Zuversicht gegeben.“

„Idylle mélancolique“ passt zu seiner persönlichen Situation

Denjenigen, die Kranefoed regelmäßig hören, entgeht nicht, dass der Kammerton ein Kummerton ist. Kranefoed hatte es in seiner Begrüßung angekündigt und um Verständnis gebeten, dass er heute etwas anders spiele. „Sehr coronageprägt“ wirkte es auf Ingrid Kaesler-Goretzki. „Der Leidenseffekt war präsent, aber es hatte seine Berechtigung“, sagt sie. Der „dunkle Aspekt“ sei ein Teil des Alltags: „Es war gut, ihn auch mit Worten und dem Klang zu betonen.“ Wichtig sei es, „die beklagenswerte Situation zunächst zu akzeptieren, denn dann kann sich etwas wieder zum Guten wandeln“. Sie wird philosophisch: „Das Leid, auch die leidvolle Situation um uns herum, ist nur ein Teil des Prozesses, der wieder in einen positiven Verlauf mündet“. Sie hofft, dass die Texte und Musikstücke im Lauf der vierwöchigen Advents-Andachten „wieder heller werden“.

Kranefoed erklärt auf Nachfrage, wie er die Stücke ausgewählt hat. Als Erstes das „Idylle mélancolique“ des französischen Organisten Louis Vierne. Die Idee mit dem „Idyll“ sei über Nacht entstanden. Von vielen Titeln, die so heißen, habe er nur die Variante „mélancolique“ im Repertoire. „Dann hab ich gedacht, dass dies ja auch zu meiner persönlichen Situation passt.“ Er wird an diesem Vormittag sehr deutlich und weist in bewegenden Worten auf die dramatische Lage seines Berufsstands hin. Im zweiten Stück, „Cantilène“ von Joseph Jongen, hüpfen die Orgelpfeifen fröhlich durch ein Landidyll voller „Begegnungen und Beisammensein mit Tieren und Menschen“, wie Kranefoed ausführt. Er macht den Zuhörern wie sich selbst eine Freude: „Es ist eines meiner Lieblingsstücke überhaupt, das ich sonst als Pastorale im Zwölf-Achtel-Takt spiele.“

Eine Choralbearbeitung, in der die Ursprungsmelodie von „Es ist ein Ros’ entsprungen“ nur angedeutet und verklausuliert umspielt wird, passt dann zu Jesaja und der Verheißung, gelesen von Pfarrer Warmuth. Zitternd, zaghaft, ohne Melodie, auch klagend und zusammengekauert auf einer Tonhöhe, schwirren die Orgeltöne im „Chant de paix“ (Jean Langlais) um die Ohren, die dann aber wärmend den „Buckel“ hinablaufen - dieser Friedensgesang tut gut wie eine Umarmung. Er spiegelt trotz elegischer Schwere das biblische Jesaja-Zitat von den „Schwertern“, die zu „Pflugscharen“ werden, der sphärische Klang lässt behagliche Zukunftsbilder einer coronafreien und auch einer friedvollen Welt entstehen. Musik könne einem in der Stimmung sehr viel geben, sagt Georg Natterer aus Winnenden beim Rausgehen. „Ich finde meine innere Ruhe.“ Susanne Schwender sagt, sie könne „innehalten“ und danach gehe es ihr besser. Ihr Mann schöpft Hoffnung aus der Musik. „Hoffen zu können ist immer etwas Gutes, aber in diesem Jahr besonders wichtig, weil die Not greifbarer ist für uns.“

Orgelspiel in eine kirchliche Lithurgie eingebaut

Kranefoeds Orgelspiel soll an allen Samstagen zu hören sein. Ohne „Trick“ wäre die Orgel ganz verstummt, denn die ursprünglich geplanten Orgelmatinéen wären nicht umsetzbar gewesen. Gottesdienste dürfen aber gefeiert werden: So wurde das Orgelspiel in eine kirchliche Liturgie eingefügt und mit Lesungen zu einem verkürzten besinnlichen Advents-Gottesdienst umgemodelt.

Organist Peter Kranefoed spielt melancholischer als sonst und spricht offen über die prekäre Lage seines Berufsstandes. Pfarrer Gerald Warmuth spricht vom biblischen Frieden in Jesaja 2. Diese mit einem „Trick“ zustande gekommene Andacht mit Orgelmusik zum Beginn der Adventszeit lässt für 50 kultur-ausgehungerte Zuhörer Glücksmomente entstehen.

Wir müssen derzeit alle fasten - ein Kultur-Fasten bleibt niemandem erspart. Fasten hat in der christlichen Kirche nicht nur an Ostern eine

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