Winnenden

Paulinenpflege Winnenden: Der älteste Bewohner ist 95 geworden - er hat fast sein ganzes Leben in der Einrichtung verbracht

Erwin Macht
Erwin Macht heute. © pp

Vor wenigen Tagen ist er 95 Jahre alt geworden und ist somit der älteste Bewohner in den „Wohnangeboten Behindertenhilfe“ der Paulinenpflege Winnenden: Der gehörlose Erwin Macht hat fast sein ganzes Leben in der diakonischen Einrichtung verbracht.

Alles begann mit einer Postkarte: „Ich stehe vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Um sie treffen zu können, wäre es mir sehr wichtig, zu wissen, ob ich mit Bestimmtheit mit der Aufnahme meines Sohnes im heurigen Herbste rechnen kann. Ich bitte deshalb ebenso höflich wie dringend um eine Benachrichtigung hierüber und hoffe, dass sie im günstigen Sinne ausfällt.“ So schreibt der Vater von Erwin Macht im Mai 1949 auf einer Postkarte an die Berufsschule für Gehörlose in der Paulinenpflege Winnenden, Württemberg.

Im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht das Gehör verloren

Die Benachrichtigung von Anstaltsleiter Martin Gruner fällt positiv aus. Und so wird der damals 23-jährige Erwin Macht am 5. September 1949 in die diakonische Einrichtung in Winnenden aufgenommen. Geboren ist Erwin Macht in Rostken in Ostpreußen. Die Familie muss im Zweiten Weltkrieg flüchten, während der Flucht verliert Erwin Macht durch eine schwere Krankheit sein Gehör.

Erwin Macht
Erwin Macht (Mitte mit Hut) bei der Feldarbeit vor einigen Jahrzehnten. © pp

In der Paulinenpflege soll er eine Schusterausbildung machen, doch das gefällt dem gehörlosen jungen Mann überhaupt nicht. Er will draußen an der frischen Luft arbeiten. Erwin Macht ist ein richtiger „Schaffer“ und so arbeitet er lieber in der Landwirtschaft der Paulinenpflege mit. Zunächst ist diese noch im Stadtbereich Winnenden, im Jahr 1966 wird sie auf den Paulinenhof bei Hertmannsweiler ausgesiedelt. Erwin Macht gehört zu den ersten Paulinenhof-Bewohnern. Für ihn ist der Hof mehr als ein Arbeitsplatz, es ist seine Heimat.

Als Rentner entdeckt er für sich nach einigem Zögern das Malen

Auch nach seiner Berentung kann er sich von dort nicht sofort trennen. Er fährt zunächst als Rentner noch halbtags zum landwirtschaftlichen Betrieb der Paulinenpflege. Erst nach Monaten war der Übergang ins Rentnerleben geschafft. Erwin Macht entdeckt im Seniorentreff der Paulinenpflege ganz neue Fähigkeiten. Zunächst lehnt er es ab, kreativ zu sein. „Malen ist nur was für kleine Kinder“, gebärdet er den Mitarbeiterinnen dort. Als ein anderer Rentner Vogelbilder malt, packt auch Erwin Macht der Ehrgeiz. Er, der bisher der „Schaffer“ und körperlich aktiv war, fängt zu malen an.

Seine Werke sind so schön, dass er mit weiteren malenden Rentnern der Paulinenpflege im Rahmen von „Ausstellungsgottesdiensten“ auf Tour geht. In vielen Kirchengemeinden im Großraum Stuttgart werden die Bilder ausgestellt und bewundert. Er versucht sich an verschiedenen Motiven und variiert Maltechniken. Er leiht sich Kunstbände in der Stadtbücherei aus und interpretiert die Werke berühmter Maler neu. Auch biblische Motive sind unter seinen Bildern. Er gibt ihnen eigene Titel. Besonders beeindruckend ist sein „Jesus sieht ein taub Mann“. Nach seiner Interpretation bedeutet die biblische Geschichte nicht, dass der gehörlose Mann sein Gehör zurückbekommt, sondern Jesus sieht ihn und integriert ihn mit seiner Behinderung in die Gemeinschaft. Es scheint ein Stück weit sein Erleben zu sein, denn Erwin Macht ist in der Paulinenpflege immer mittendrin in der Gemeinschaft.

Trotz aller Einschränkungen genießt er das Leben

In den letzten Jahren hat Erwin Macht einige gesundheitliche Berg-und-Tal-Fahrten hinter sich. Das ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. „Er schläft viel“, berichten die Mitarbeiter, die ihn schon seit einigen Jahren im Martin-Gruner-Haus der Paulinenpflege betreuen. „Trotzdem genießt er bei allen Einschränkungen, die das Leben so mit sich bringt, sein Leben, z. B. mit einem guten Glas Wein.“

Und eins ist geblieben: Erwin Macht ist nach wie vor an vielen Dingen interessiert. So blättert er gerne in historischen Bildbänden. Derzeit informiert er sich über die Geschichte der Stadt Rom. Seinen 95. Geburtstag hat er vor kurzem im kleinen Rahmen auf seiner Wohngruppe gefeiert. Und natürlich wurde da auch mit einem Glas Rotwein auf „fast ein Jahrhundert“ angestoßen.