Winnenden

Raus aus der Komfortzone: Was Charlotte Heinzelmann nach dem 1,0-Abi vor hat

Abi Heinzelmann
Charlotte Heinzelmann vor ihrer ehemaligen Schule. © ALEXANDRA PALMIZI

Die 18-jährige Charlotte Heinzelmann ist die Jahrgangsbeste am Lessing-Gymnasium - und das, obwohl drei ihrer Mitschüler auch einen 1,0-Schnitt haben. Die Winnenderin erzielte unter den vieren aber die höchste Gesamtpunktzahl und ist somit die Beste. Ihre schulische Laufbahn hätte besser fast nicht sein können: Für ihre Leistungen erhält sie Preise in den Fächern Mathematik und Französisch. Ihr wird der Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und ein Sozialpreis verliehen. Für das e-fellows-Online-Stipendium wird sie auch vorgeschlagen.

Freiwilligendienst in England statt Medizinstudium

Folgt jetzt das Medizinstudium? Eher nicht: Charlotte geht für ein Jahr nach England und leistet einen Freiwilligendienst ab. Südlich von London wird sie in einer sozialen Einrichtung Menschen mit Behinderung betreuen und sie bei ihrer Arbeit in Werkstätten unterstützen. Ihre berufliche Zukunft soll aber in eine ganz andere Richtung gehen: Charlotte möchte Physik oder Meteorologie studieren. Danach könnte sie sich vorstellen, in die Klimaforschung zu gehen. Sie war schon während der Schulzeit bei "Fridays for Future" engagiert.

„Jetzt möchte ich aber erst mal aus meiner Komfortzone raus“, sagt Charlotte voller Vorfreude. Ihr Auslandsaufenthalt startet schon bald. Aufgeregt sei sie nicht wirklich, eher gespannt. Charlotte Heinzelmann hat bereits mehrere kurze Auslandsaufenthalte in Frankreich erlebt. Das hat ihr die Angst vor dem langen Aufenthalt in England genommen. In dem Jahr möchte sie mehr über sich selbst und ihren Berufswunsch lernen – „Dinge, die man in der Schule eben nicht gelernt hat“, sagt sie.

1,0er-Abiturientin übt Kritik am aktuellen Schulsystem

Auch während ihrer Schulzeit wollte Charlotte andere Sachen neben Mathe und Physik lernen. Viele Jahre hat sie im Schulorchester das Horn geblasen. Klavier spielt die 18-Jährige ebenfalls. Im Winnender Karateteam ist sie sportlich aktiv geworden. In der Schule bestanden ihre Leistungsfächer aus Mathematik, Physik und Französisch. Fächer, die mit logischem Denken verbunden sind, haben ihr schon immer Spaß gemacht, erzählt die Winnenderin. Wie es zu ihrem hervorragenden Reifezeugnis kam, kann die 18-Jährige selber nicht so genau sagen. „Es gibt da nicht diese eine Lernmethode oder Strategie, mit der man ein Einser-Abi bekommt“, sagt Charlotte.

Das neue System, bei dem man mehr Wahlfreiheit beim Setzen der Schwerpunkte hat, findet Charlotte gut. Sie persönlich habe mit dem bestehenden Schulsystem Glück gehabt. „Ich mag Theorie, daher bin ich mit dem Schulsystem gut klargekommen“, erklärt Charlotte. Wer aber eher praxisorientiert sei, für den wäre die gymnasiale Oberstufe schon schwerer gewesen.

Mit dem Noten- und Leistungsdruck sei die 18-Jährige immer gut klargekommen. Dennoch bemerkt sie, dass etwas mehr Praxisbezug in Schulen angebracht wäre. Wünschenswert fände sie auch ein Fach, das einem wichtige Dinge wie Vertragsabschlüsse, Versicherungen oder die verschiedenen Berufsfelder näherbringt. Sie selbst hatte während der Schulzeit keine Möglichkeit, ihren genauen Berufswunsch zu identifizieren. Das ginge über der Hälfte ihrer Mitschüler so. Daher beginnen die wenigsten direkt mit dem Studium. Für viele heißt es wie für Charlotte auch: erst mal ins Ausland. Einige ihrer Mitschüler jobben aber erst mal oder machen ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Abiturprüfungen wurden im Container geschrieben

Charlottes schriftliche Abiturprüfungen verliefen alle gut. Diese haben die über 90 Schülerinnen und Schüler in den Raumcontainern neben dem Wunnebad geschrieben, weil das Schulgebäude immer noch saniert wird. „Wir waren in überschaubaren Gruppen auf die verschiedenen Klassenzimmer aufgeteilt, das fand ich gut“, bemerkt die 18-Jährige. Dadurch sei der Druck aus der ganzen Situation genommen worden und es war einem eher wie eine lange Klausur vorgekommen. „Ich war auch gar nicht wirklich nervös vor den Prüfungen“, sagt Charlotte.

Die Mathematik-Prüfung sei zwar schwerer gewesen als erwartet, lief aber trotzdem gut. Ihr mündliches Abitur in Deutsch verlief trotz anfänglicher Nervosität ebenfalls gut. „Mit einem 1,0-Abitur habe ich nicht gerechnet“, sagt die Winnenderin. Sie habe die Traumnote auch gar nicht unbedingt gewollt, da sie für ihren Berufswunsch nicht erforderlich sei. Erwartet hatte sie ein Abitur um die Note 1,5. „Sowohl bei Physik als auch bei Meteorologie bekommt eigentlich jeder einen Studienplatz“, erzählt Charlotte lachend. Außerdem habe sie sich selbst während der Oberstufe und im Abitur nicht zu viel Druck gemacht. „Das klingt vielleicht blöd, weil das so viele immer sagen, aber letztendlich stimmt es einfach“, meint Charlotte.

Die neu eingeführten Bewegungspausen, in denen die Lehrer mit ihren Schülern während des Unterrichts für einige Minuten an die frische Luft mussten, haben ihr gut gefallen. Für deren Erhalt hat sie sich dann auch engagiert. Dass die Corona-Situation anderen Schülern psychisch zugesetzt hat, kann die 18-Jährige gut nachvollziehen. Sie selbst kam trotz Online-Unterricht und der Einbußen im sozialen Leben gut mit der Situation klar. Eine Abireise in die Nähe von Amsterdam schloss ihre Schulzeit jetzt ab.

Umbau am Lessing-Gymnasium - negative Auswirkungen für Schüler?

Neben der Corona-Pandemie haben die Abiturienten am Lessing-Gymnasium noch weitere besondere Umstände durchlebt. Wegen des Umbaus hatten Charlotte und ihre Mitschüler keine Oberstufenbibliothek („Obi“), welche früher als Rückzugsort für Abiturienten diente.

Außerdem mussten sie sich in den Pausen auch immer im unteren Hof mit den Unterstufenschülern aufhalten. „Das hat mich schon etwas genervt“, sagt Charlotte. Es gehöre einfach zur Oberstufe dazu. Auch auf Nachfrage bei der Schulleitung gab es keine Sonderregelung für die Schüler der elften und zwölften Klasse.

Die 18-jährige Charlotte Heinzelmann ist die Jahrgangsbeste am Lessing-Gymnasium - und das, obwohl drei ihrer Mitschüler auch einen 1,0-Schnitt haben. Die Winnenderin erzielte unter den vieren aber die höchste Gesamtpunktzahl und ist somit die Beste. Ihre schulische Laufbahn hätte besser fast nicht sein können: Für ihre Leistungen erhält sie Preise in den Fächern Mathematik und Französisch. Ihr wird der Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und ein Sozialpreis verliehen. Für das

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