Winnenden

Rechtsaußen oder bloß heimatverbunden?

Frei.Wild Rockband Autogrammstunde Winnenden_0
Die Gruppe Frei.Wild in Winnenden (von links): Jonas Notdurfter, Jochen Gargitter, Philipp Burger und Christian Fohrer. © Büttner / ZVW

Winnenden. Die Südtiroler Rockband Frei.Wild gilt Ächtern als rechtsaußen – der Winnender Andreas Kamm wurde bundesweit bekannt, weil er mit seinem Punkversand „Nix gut“ ein Emblem gegen rechtsaußen vertrieb, das durchgestrichene Hakenkreuz. Am Sonntag gaben Frei.Wild Autogramme in Winnenden – auf Einladung Kamms. Passt das zusammen? Eine Spurensuche.

Die Schlange im Steinbeisweg ist beeindruckend, der Andrang riesig vor Andreas Kamms Winnender Firma Pro Trade Integra, die unter anderem Frei.Wild-Fanartikel vertreibt: Die vier Musiker, die derzeit auf Autogramm-Tour ihre neue Doppel-CD promoten, begeistern ihre vielen Fans, die sich rein optisch keiner politischen Richtung zuordnen lassen: Geduldig warten Dutzende Menschen in der Kälte, bis sie endlich am Pavillon angekommen sind, wo ihre Musikhelden jeden Fanartikel unterschreiben, der ihnen auf den Tisch gelegt wird. T-Shirts, auch in Kindergrößen, Jeanswesten, CD-Hüllen, Poster. Der Katalog in Din-A-5-Größe umfasst 50 Seiten. Für 7,99 Euro bekommt man einen Schnuller aus Winnenden zugeschickt, zum gleichen Preis eine Baby-Trinkflasche.

Während der drei Autogrammstunden können Fans die Produkte gleich vor Ort käuflich erwerben. Die Beschriftungen zeigen, dass Provokationen zum Marketingkonzept von Frei.Wild gehören: Der Schnuller ist rabenschwarz, die Enden sind zu einem Geweih verlängert – das Logo der Band. Auf der Baby-Trinkflasche prangt ein Totenschädel, beschriftet mit „Gegengift“. Die Erwachsenen-T-Shirts tragen Sprüche wie „Ich scheiß auf Gutmenschen und Moralapostel“ oder „Euer Hass ist unser Lohn“. Aber es gibt auch ganz harmlose Aufschriften wie „Du bist nicht heilig“ –wer will dem widersprechen?

Das Publikum ist bunt gemischt

Bunt gemischt wie der Warenkatalog sind die Menschen, die in der Schlange warten: Junge Leute, Familien, Männer in den 40ern, aber auch dunkel gekleidete Menschen mit großflächigen Tattoos und Bierflasche in der Hand stehen einträchtig an. Da sind die 18-jährigen Freundinnen Larissa und Angelika aus Winnenden, das Smartphone fürs Selfie schon in der Hand. Larissa hat die Band über ihre Mutter kennengelernt und schwärmt für den Sänger Philipp Burger, Angelika ist von ihrem Bruder infiziert worden – „der ist schon 42.“

So alt ist auch Jörg aus Böblingen, der sich in der Schlange in Geduld übt. Vor ein paar Jahren habe er Frei.Wild durch Zufall kennengelernt. „Die Texte sagen viel aus. Sie sprechen mir aus der Seele.“ Ob er rechtes Gedankengut erkennen könne? „Nein, ein klares Nein.“ Ganz ähnlich drückt sich Jens, 38, aus Marbach aus. Wieder fällt der Satz: „aus der Seele sprechen“. Er findet sich in Frei.Wilds Botschaft wieder, „dass das Leben ein harter Weg ist und man seinen inneren Schweinehund überwinden muss.“ Jeannine, 48, aus Göppingen ist mit Mann und Kind da. Sie sagt, dass die Texte „das tägliche Leben“ wiedergeben.

Vorwurf Rechtsextremismus: Das Spiel mit den Signalen

Ein steter Verdacht umwabert Frei.Wild seit vielen Jahren – die Signale, die diese Band aussendet, sind schillernd. Sänger Burger war als Teenager Skinhead, sang in der Rechtsrock-Band Kaiserjäger – und hat sich davon längst scharf distanziert: „die beschissenste Zeit meines Lebens“. Mit Parolen gegen die „Gutmenschen“ bedienen Frei.Wild in der rechten Szene gängige Ressentiments – und forderten das Publikum bei Konzerten schon mehrfach auf, „Nazis raus!“ zu rufen.

„Nazis sehen anders aus“, sagt Andreas Kamm. Er ist einer der Chefs der Firma Pro Trade Integra. Mit dem Bedrucken der Textilien und dem Vertrieb der Fanprodukte macht er sehr gute Umsätze. Er hält den Vorwurf, die Südtiroler Band tendiere zum Rechtsextremismus, für völlig verfehlt. Er selbst rechnet sich der linken Szene zu. In seinen Unternehmen beschäftigt er 50 Mitarbeiter, darunter Flüchtlinge, Migranten und Menschen mit Behinderungen.

Sänger Burger: Meine Heimat will kein Teil Italiens sein

Dass viele den Frei.Wild-Begriff von Heimat als nationalistisch empfinden, hänge, glaubt Sänger Burger, damit zusammen, dass die Leute die Geschichte Südtirols nicht kennen: Seine Heimat, sagt er, wollte kein Teil Italiens sein, sondern zum deutschsprachigen Raum gehören.

Wie auch immer, eines steht fest: Frei-Wild sind rasend erfolgreich (siehe „Nummer eins“). Warum die Fans so strömen, „kapieren wir selbst nicht“, sagt Burger. Bis auf einen Musiker ist die Band seit ihrer Gründung in gleicher Besetzung geblieben. „Wir sind in diesen Jahren durch dick und dünn gegangen. Das drückt sich auch in unseren Liedern aus.“ Trotz aller brutalen Gefühlsäußerungen endeten die Songs immer mit einer positiven Botschaft. „Das macht den Menschen Hoffnung.“