Winnenden

Rettet Uganda die Winnender Klimaneutralität?

Keith_Lindsey
Afrika-Experte Keith Lindsey in seinem Obstbaumstückle auf dem Birkmannsweilermer Gießübel: Lassen sich hier noch Tausende Bäume neu pflanzen oder ist eine Pflanzung in Uganda sinnvoller? © Privat

Uganda liegt mitten in Afrika. 9778,5 Straßenkilometer wären zu fahren bis dorthin, der größte Teil auf dem Trans-Sahara Highway. Genau in diesem Uganda wird die Stadt Winnenden fünf Jahre lang vom Verein Discover jeweils mindestens 30 000 neue Bäume pflanzen lassen. Die Idee dahinter ist: Bäume binden CO2. Sie tun dem Weltklima gut. Bürgermeister Norbert Sailer und Umweltreferent Jürgen Kromer sehen diesen Klimaeffekt und wollen die afrikanische Luftverbesserung in die Winnender Klimabilanz einrechnen. Damit ist eine Mehrheit des Gemeinderats einverstanden. Sie hat diese Woche die Ausgaben von 75 000 Euro verteilt auf fünf Jahre beschlossen. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Projekts bestehen allerdings – vor allem bei der FDP-Fraktion.

FDP-Stadtrat Dr. Hägele: Es wäre sinnvoller, die Bäume hier zu pflanzen

„Ist dies eine städtische Aufgabe, die wir aus städtischen Steuergeldern finanzieren sollten?“, fragte FDP-Stadträtin Nicole Steiger und gab sich gleich selbst die Antwort: „Ich kann nicht zustimmen.“ Bedenken hat Dr. Jürgen Hägele (FDP): „Ich halte dies für eine Alibi-Maßnahme. Das meiste CO2 wird doch in den Industrieländern erzeugt. Insofern wär’s doch sinnvoll, wenn man hier die Bäume pflanzt und nicht in der Dritten Welt, wo es niemand kontrolliert.“

FWV-Stadtrat Hans Ilg: „Ich spare gerne – aber das ist ein Klimaschutzprojekt ...“

CDU-Stadtrat Richard Fischer widersprach den Freien Demokraten: „Die 15 000 Euro jährlich sind ein Betrag, der uns wehtut, aber Klimaschutz wird immer wehtun.“ Auf der kleinen Winnender Gemarkung könne man gar nicht so viele Bäume pflanzen, erklärte sinngemäß Bürgermeister Norbert Sailer. Auch FWV-Sprecher Hans Ilg bekannte sich zum Projekt: „Ich spare normalerweise gerne etwas ein. Aber dies ist ein Klimaprojekt. Das ist mir’s wert, dass wir 15 000 Euro ausgeben. Die können wir verschmerzen. Deswegen stimmen wir zu.“ Der Klimawandel sei ein globales Phänomen, deshalb müsse man ihm auch global begegnen, meinte Andreas Herfurth (SPD). Er stimmt zu und findet: „Es ist gut, dass wir regelmäßig unterrichtet werden, wie erfolgreich diese Aktion ist.“

Bürgermeister Sailer hatte das Projekt zusammen mit dem Winnender Entwicklungshilfeverein Discover eingefädelt und festgeschrieben, dass der Verein jeweils Ende Oktober eines Jahres einen Maßnahmeplan für das Folgejahr vorlegt. Auch die nachträgliche Kontrolle soll der Verein übernehmen. „Discover wird den Nachweis durch Abrechnungen und persönliche Inaugenscheinnahme führen“, schreibt Sailer in einer Vorlage für den Gemeinderat. Kann der Verein diese Nachweise liefern?

Discover-Chef Keith Lindsey sagt regelmäßige Berichte aus Uganda zu

Wir fragen den Discover-Vorsitzenden Keith Lindsey, ein Chemiker, der in Winnenden lebt, 2014 den Verein Discover gegründet, und schon vorher viele Erfahrungen in Afrika gesammelt hat. Lindsey muss zugeben, dass er seit 2019 nicht mehr in Afrika war, weil er vorsichtig ist im Umgang mit Corona. Sobald die Seuche gebändigt ist, möchte er nach Uganda und Zimbabwe reisen, um persönlich Baumpflanz-Projekte des Vereins Discover zu besuchen. Darauf ist er aber nicht ausschließlich angewiesen: „In den Ländern leben afrikanische Partner, die ich seit 15 oder 20 Jahren kenne und auf die ich mich verlassen kann. Regelmäßig bekomme ich Nachrichten von ihnen über Whatsapp oder E-Mail. Letzte Woche, zum Beispiel, wurden Setzlinge gekauft mit Geldern aus einem Projekt des Winnender Lions Clubs.“ Über den Stand der Pflanzungen werde er verlässlich informiert.

In 20 Jahren sollen die Bäume in Afrika über 8000 Tonnen CO2 binden

Bürgermeister Sailer rechnet damit, dass die Bäume 20 Jahre lang leben, und dass 30 000 Bäume in den 20 Jahren dann insgesamt 8240 Tonnen CO2 binden. Aber was ist, wenn die Setzlinge nach ein paar Monaten schon eingehen? Oder wenn die Bäume nur ein paar Jahre alt werden? „Unsere Partner rechnen, dass 85 Prozent der Bäume 20 Jahre alt werden“, sagt Lindsey. Das sei ein Erfahrungswert. Es könnten aber auch weniger durchkommen. „Das Problem sind Dürrezeiten, wenn sie lange andauern.“ Aber je größer die Bäume werden, desto mehr speichern sie Feuchte und desto eher überleben sie. „Sollten sie dennoch eingehen, müsste nachgepflanzt werden“, sagt Lindsey. Auch dies würde er dem Gemeinderat berichten.

ALi-Stadtrat Christoph Mohr hält den Klimaschutzeffekt für „nicht erheblich“

Ist es spürbar viel, was mit dem Bäumeprojekt bewirkt werden kann für den Klimaschutz? Da sind zum Beispiel die ALi-Stadträte Christoph Mohr und Martin Oßwald-Parlow sehr skeptisch: „Es ist ein positiver Beitrag zum Klimaschutz, aber es ist kein erheblicher. Ich möchte nicht, dass aus dem Projekt heraus für uns dann Klimapunkte gutgeschrieben werden“, sagt Mohr. Genau das haben Umweltreferent Kromer und Bürgermeister Sailer allerdings vor. Man könnte zum Beispiel den CO2-Ausstoß eines Citytreffs mit einigen Tausend Bäumen ausgleichen, oder die CO2-Belastung durch Infobroschüren und Werbematerial mit der CO“-Aufnahme der Bäume in Afrika gegenrechnen. Martin Oßwald-Parlow widersprach: „Die Bäume in Afrika dürfen nicht eingerechnet werden.“

OB Hartmut Holzwarth: Stadtverwaltung soll schon 2035 klimaneutral sein

OB Holzwarth hält die Baumpflanzungen für ein Klimaprojekt und verkündete im Zusammenhang mit ihnen ein verschärftes Klimaziel: Die Stadtverwaltung soll schon 2035 klimaneutral werden – bislang war 2040 geplant.

Einig sind sich die meisten Stadträte darin, dass diese Baumpflanzungen ein soziales Projekt sind, ein Beitrag zur Fluchtursachenbekämpfung, und einer zur Vereinsförderung in Winnenden. Denn: Der Winnender Verein Discover war drauf und dran, sich im Jahr 2020 ersatzlos aufzulösen. Nachdem er nun für die Stadt das Bäumeprojekt betreiben darf, wollen die Mitglieder weiterarbeiten. Bei der Hauptversammlung am Samstag, 24. Juli, beschlossen sie, dass sie zusammenbleiben und die Arbeit von Keith Lindsey unterstützen.

Ein Beitrag zur Biodiversität und zur wirtschaftlichen Entwicklung

Lindsey selbst weiß, dass die Baumpflanzungen nur ein kleiner Beitrag zum Erdklima sind. „Auf keinen Fall darf wegen der Bäume die CO2-Vermeidung in Winnenden nachlassen. Die ist viel wichtiger und bewirkt mehr“, sagt er. Aber die Bäume haben in Afrika eine große Bedeutung. Sie verwandeln Trockengebiete zurück in fruchtbares Land. Sie speichern Feuchtigkeit und mildern so die Dürrezeiten ab. Die Partner des Vereins Discover pflanzen viele Nutzbäume, Obstbäume oder Sheanussbäume, aus deren Nüsse die in Westeuropa sehr begehrte Shea-Butter gewonnen wird. Damit sind sie auch ein Projekt der wirtschaftlichen Entwicklung. Um die Nutzbäume herum werden Waldbäume gepflanzt, darunter auch seltene und vom Aussterben bedrohte Arten – das dient dem Artenschutz und bewahrt die Biodiversität. „Insgesamt“, sagt Lindsey, „ist diese Initiative eine gute Verbindung zwischen Europa und Afrika. Es ist eine faire Wirtschaftsbeziehung.“

Uganda liegt mitten in Afrika. 9778,5 Straßenkilometer wären zu fahren bis dorthin, der größte Teil auf dem Trans-Sahara Highway. Genau in diesem Uganda wird die Stadt Winnenden fünf Jahre lang vom Verein Discover jeweils mindestens 30 000 neue Bäume pflanzen lassen. Die Idee dahinter ist: Bäume binden CO2. Sie tun dem Weltklima gut. Bürgermeister Norbert Sailer und Umweltreferent Jürgen Kromer sehen diesen Klimaeffekt und wollen die afrikanische Luftverbesserung in die Winnender Klimabilanz

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