Winnenden

Riesen-Ärger bei kleinen Geschäften: Sie müssen zumachen, doch in den großen Drogeriemarkt-Ketten wird ihr Sortiment verkauft

Einzelhandel
Der Müller-Markt am Adlerplatz darf auch das „verbotene“ Sortiment wie Geschenkpapier verkaufen. © ALEXANDRA PALMIZI

„Wir kleinen Fachgeschäfte, Parfümerien, Schreibwaren Max Mayer, Spielwaren-Wiedmann, müssen zumachen – und der Müller-Markt verkauft derweil unser Sortiment? Das kann doch nicht sein“, wettert Elfy Kurz, die an der Marktstraße 14 als reine Parfümerie seit Mittwoch auch vom Lockdown betroffen ist. Die große Filiale der Drogeriemarktkette am Adlerplatz hat ihre Abteilungen mit denjenigen Waren offen, die nicht zum täglichen Bedarf gezählt werden. Das sind das gesamte obere Stockwerk mit den Musik-CDs, Spielwaren und Büroartikeln sowie die Parfümerie im rechten Teil des Erdgeschosses. Elfy Kurz wollte sich darüber auch beim Ordnungsamt der Stadt Winnenden beschweren und wissen, ob denn da alles mit rechten Dingen zugehe.

Ordnungsamt hat die Lage bereits im Frühjahrs-Lockdown geprüft

Das tut es. „Wie schon im Frühjahr wurde auch jetzt festgelegt, dass bei Mischsortimenten auch der verbotene Sortimentsteil verkauft werden darf, wenn der zulässige Sortimentsteil überwiegt“, schreibt Rathaus-Sprecherin Emely Rehberger auf Nachfrage unserer Zeitung. „Für die Gesamtbetrachtung und Bewertung können Verkaufsfläche und/oder Umsatz herangezogen werden. Das Ordnungsamt hat den Sachverhalt bereits im Frühjahr überprüft und sich von Müller-Markt entsprechende Nachweise vorlegen lassen. Aufgrund der derzeitigen Rechtslage darf Müller-Markt komplett geöffnet bleiben.“

Timm Hettich: „Absolute Ungleichbehandlung“

Harsche Kritik an diesem Passus der jüngsten Corona-Verordnung des Landes übt auch Timm Hettich, Wirtschaftsförderer bei der Stadt und Geschäftsführer des Marketingvereins „Attraktives Winnenden“. „Die Müller-Filiale ist so aufgestellt, dass mehr als 50 Prozent ihrer Waren oder ihres Umsatzes dem täglichen Bedarf entsprechen, und dazu gehören Lebensmittel, aber auch Drogerieartikel. Die Filiale darf nun alles verkaufen. Das ist eine absolute, nicht nachvollziehbare Ungleichbehandlung, das kann's doch nicht sein!“

Kunden wunderten sich über das neue Trinkflaschenregal

Schon Ende November war der Kundschaft komisch vorgekommen, dass rechts vom Eingang plötzlich nur noch Halbliter-Fläschchen, gefüllt mit Wasser, Fanta, Cola, erhältlich waren. Die Kerzen, Servietten und Raumduftprodukte sind woanders hingewandert. Möglich, dass die große Kette damit ihren Lebensmittelbestand bewusst erhöht hat.

Max Mayer: „Wer denkt sich diesen Schwachsinn aus?“

Max Mayer vom gleichnamigen Schreibwarengeschäft findet für die Regelung nur eine Formulierung: „Es ist eine Schweinerei. Ich weiß nicht, welche Lobby dahintersteckt“, ärgert er sich. „Da presst man nun alle Kunden in die Super- und Drogeriemärkte, statt sie dezentral in die vielen Geschäfte gehen zu lassen. Das ist total widersinnig, wer denkt sich diesen Schwachsinn aus?“ Er bezweifelt, dass eine Lockerung Mitte Januar eintritt. Wenn diese Regel aber nicht abgeändert werde, dann „werden die Fachgeschäfte plattgemacht“, so Mayer.

Die zweite Ungerechtigkeit, die Hettich in der Corona-Verordnung ausmacht, ist der Zwang zum Liefern der Waren. „Die Abholung durch die Kunden müsste, wie im Frühjahr auch, wieder genehmigt werden.“ Zwar liefern einige, wie Max Mayer mit seinen Büroartikeln oder Haushaltswaren Häussermann. Doch andere wie Elfy Kurz können das nicht.

„Das Abholen der Waren wäre doch wirklich okay, da stürmen doch keine Massen in die Innenstadt“, zeigt Timm Hettich Unverständnis für die aktuelle Regelung. „Andere Bundesländer wie Rheinland-Pfalz lassen das Abholen zu.“

Manche Geschäfte dürfen öffnen, aber nur bestimmte Waren anbieten

Eine dritte Kategorie an Geschäften gibt es auch, zu ihnen gehören der Weltladen oder Hirneise: Wenn der Anteil der Waren des täglichen Bedarfs unter 50 Prozent ist, dürfen die Geschäfte zwar öffnen und Vogelfutter und Hundeleinen verkaufen, Tee und Schokolade. Aber die Waren des nicht täglichen Bedarfs wie Christrosen oder Deko, Handtaschen oder Socken nicht.

Die langfristige Folge ist: „Die Händler sitzen auf ihrer Ware und wissen nicht, wie sie sie loskriegen sollen“, sagt Timm Hettich. So endet das Jahr mehr als schwierig, weil auch die umsatzstärkste Zeit seit Anfang November durch die Schließung der Gastronomie geschwächt war. „Die Händler haben hohe Verluste zu verkraften, und wie es im üblicherweise schwachen Januar und Februar weitergeht, weiß auch noch niemand. Ich wage keine Prognose.“

Für nicht ausreichend hält Hettich die finanzielle Unterstützung des Einzelhandels durch den Staat bisher. „Es wird nur ein Prozentsatz der Fixkosten ersetzt, wenn der Händler einen bestimmten Umsatzrückgang zu verzeichnen hat“, gibt er die Überbrückungshilfe 3 grob wieder. „Das hilft nicht wirklich weiter.“ In einer Pressemitteilung weist das Landeswirtschaftsministerium hingegen auf „die Verlängerung und Ausweitung weiterer Hilfsprogramme zur Unterstützung von Unternehmen, Einzelhandel, Start-ups und Soloselbstständigen“ hin, bis Juni 2021 könnten diese beantragt werden. Aufgestockt worden sei ein Tilgungszuschuss bei Liquiditätskrediten, er beträgt zehn Prozent, bis 300 000 Euro.

„Wir kleinen Fachgeschäfte, Parfümerien, Schreibwaren Max Mayer, Spielwaren-Wiedmann, müssen zumachen – und der Müller-Markt verkauft derweil unser Sortiment? Das kann doch nicht sein“, wettert Elfy Kurz, die an der Marktstraße 14 als reine Parfümerie seit Mittwoch auch vom Lockdown betroffen ist. Die große Filiale der Drogeriemarktkette am Adlerplatz hat ihre Abteilungen mit denjenigen Waren offen, die nicht zum täglichen Bedarf gezählt werden. Das sind das gesamte obere Stockwerk mit den

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