Winnenden

Samstag: Demo gegen Rassismus

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Besucher beim Konzert gegen Rassismus und Rechtsextremismus vor der Chemnitzer Johanniskirche. Am Samstag in Winnenden werden sich weniger Leute zusammenfinden. © Ben Kriemann/Geisler-Fotopress

Winnenden. Demonstrieren „für eine Welt ohne Rassismus“, Samstag, 15. September, 12 Uhr, Treffpunkt Viehmarktplatz Winnenden – dazu ruft das Rems-Murr-Bündnis „Zusammen gegen rechts“ auf. Wird sich die Zivilgesellschaft in bunter Fülle mit einreihen? Oder werden die eher linken Gruppierungen mal wieder unter sich bleiben?

Änderung (13.9.): Die Kundgebung findet am Samstag, 15. September, um 11.55 Uhr auf dem Viehmarktplatz in Winnenden an der Schorndorfer Straße statt – und nicht wie zunächst angekündigt auf dem Adlerplatz.


Das Phänomen hat im Rems-Murr-Kreis Tradition: Wenn es darum geht, ein Zeichen zu setzen gegen rechts, sind oft nur die üblichen Verdächtigen dabei – Linke. Einiges spricht dafür, dass es am Samstag in Winnenden nicht anders sein wird. Falls sich aber bewahrheiten sollte, was der Winnender Pressesprecher Hansjörg Neumann andeutet, könnte es gar noch trauriger kommen: Die Stadt gehe aktuell von mindestens „20 Teilnehmern“ aus; 100 weitere hätten via Facebook eher unverbindlich Interesse signalisiert. In der Stadtverwaltung herrsche wegen der Veranstaltung „keine übersteigerte Hektik“.

„5 vor 12 – ob Winnenden oder Chemnitz: für eine Welt ohne Rassismus.“

Dabei könnte das Demo-Motto kaum mehrheitsfähiger gefasst sein. Es lautet: „5 vor 12 – ob Winnenden oder Chemnitz: für eine Welt ohne Rassismus.“ Dahinter sollte sich eigentlich vom Fußballer bis zum Eisenbahnfreund, vom Pfadfinder bis zum Kirchengemeinderat so ziemlich jeder einreihen können.

Das Bündnis, das zur Demo aufruft, ist breit – allerdings nur zahlenmäßig: Zu „Zusammen gegen rechts“ gehören zwar 17 Gruppierungen von Amnesty International Waiblingen und Attac Fellbach über DGB und IG Metall Rems-Murr bis zu den Jusos und der Linken (dazu kommen die wacker-winzigen Seniorenfähnlein der kommunistischen Zwergparteien DKP und MLPD) – aber kein einziger Verband oder Verein, der sich dem klassisch „bürgerlichen Lager“ zurechnen lässt, ist dabei.

Dass zu solchen Anlässen oft nur die Immergleichen aufeinanderglucken, „finde ich sehr schade“, sagt Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen. Im Grunde müssten am Samstag „alle“ rausgehen, „die für unsere Werte einstehen: Menschlichkeit Solidarität, Respekt“.

Gründe, um auch hier bei uns zu demonstrieren, gibt es durchaus

Chemnitz ist halt im Osten – und der Rems-Murr-Kreis eine andere, eine heile Welt? Reinhard Neudorfer, Vorsitzender der Linken Rems-Murr, glaubt nicht, dass „wir auf einer Insel der Glückseligen leben“. Neulich ging er durch Winnenden, am Bahnhof sah er „die Aufkleber der Identitären Bewegung“. Die Polizei berichtete in den vergangenen Monaten wieder verstärkt von Hakenkreuz-Schmierereien im Landkreis. Unlängst in Winnenden haben zwei mutmaßlich rechtsextreme Aggressoren zwei Afrikaner beleidigt und mit einem Schlagstock bedroht. Genug Gründe, um dagegen aufzustehen.

„Es ist einfach wichtig, ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen, auch hier bei uns“, findet Lara Bauer, Vorsitzende der Juso AG Unteres Remstal. Und wenn die Junge Union mitlaufen wollte? „Meiner Ansicht nach wäre das cool. Weil: Egal welche politische Ansicht man hat“, sollte man sich doch auf diesen einen „gemeinsamen Nenner“ einigen können. „Ich will in keiner Welt leben, in der Rassismus zur Tagesordnung gehört.“

Gemeinsam gegen rechts?

„Vielleicht könnten sich mal ein paar andere gesellschaftliche Gruppierungen anschließen?“, hofft Reinhard Neudorfer etwas zaghaft. Und räumt „selbstkritisch“ ein: „Wir könnten uns manchmal auch ein bisschen mehr drum bemühen“ und „aktiv einladen“. Oft laufe das eher nach dem Motto: „Wir sind offen, aber ihr müsst halt selber kommen.“

„Wir müssen breiter in die Gesellschaft hineinwirken“: Auch Christa Walz, Kreisvorsitzende des DGB, sieht diese Herausforderung. Nur wie? Eine Antwort hat sie noch nicht; immerhin: Im Dezember werde die Frage bei einer DGB-Klausurtagung auf der Tagesordnung stehen.

Ein Grund, dass die Schreckhafteren unter den Konservativen eher zaudern, mag darin liegen, dass zu „Zusammen gegen rechts“ auch das „Antifaschistische Aktionsbündnis Stuttgart“ und die „Antifaschistische Linke Rems-Murr“ gehören. Kurz: die Antifa. Und sie ist manch braven Bürgersleuten zu laut, zu anarchisch, zu radikal.

Demo-Kultur

Nun ja, die von der Antifa seien halt „etwas jünger und dynamischer“, befindet altersmilde Reinhard Neudorfer, 71 – aber er gehe davon aus, dass alles „im vernünftigen Rahmen abläuft“ am Samstag. So sieht es auch Gewerkschafter Matthias Fuchs: Mit der Antifa „habe ich überhaupt kein Problem“. Bei „Zusammen gegen rechts“ habe er seit Jahren Kontakt mit den unabhängigen Aktivisten und nur gute Erfahrungen gemacht. Sicherlich, „die haben eine andere Demo-Kultur als ich“ – aber er habe sie als „immer friedlich, immer okay“ erlebt.

Wie dringend ist das Bedürfnis, gegen Rassismus auf die Straße zu gehen? Wie einig, wie entschlossen, wie weltoffen, wie bekenntnisfreudig ist die Rems-Murr-Zivilgesellschaft in dieser Frage? Der Samstag wird Antworten geben. En passant wird sich auch zeigen, wie mobilisierungsstark das Bündnis „Zusammen gegen rechts“ ist. Aktuell gibt es Indizien, die leise Zweifel an der Kampagnenfähigkeit wecken: Auf der Homepage von Bündnis-Mitglied Attac Fellbach zum Beispiel fand sich Stand gestern zwar ein Hinweis auf eine Demo „gegen Rassismus“; aber es war noch der Aufruf zur Kundgebung am 17. Juni 2016.

Info

Demo „für eine Welt ohne Rassismus“: Samstag, 15. September, 11.55 Uhr, Viehmarktplatz Winnenden.

Hintergründe

Die Redner bei der Kundgebung werden über Naziaktivitäten im Rems-Murr-Kreis berichten, aber auch den bundesweiten Aufstieg der Rechten beleuchten. An Stellwänden können sich Besucher über rechtsextreme Codes und Symboliken informieren.