Winnenden

Schläge und Erniedrigungen - Paulinenpflege arbeitet Gewalt an Heimkindern auf

Wenger und Maurer
Sebastian Wenger (links) hat die Gewalterfahrungen Schutzbefohlener in der Paulinenpflege im Auftrag von Andreas Maurer untersucht. © Gabriel Habermann

Die Paulinenpflege wollte es schonungslos aufdecken, um sich ihrer Verantwortung zu stellen, und hat es jetzt schwarz auf weiß und ganz bewusst einseitig fokussiert auf das Negative: In ihren Mauern, in ihrer Obhut sind Heimkinder, Schüler, Auszubildende und Erwachsene – hörende, schwerhörige und gehörlose – geschlagen, gedemütigt und auch sexuell missbraucht worden. Vom Personal gingen körperliche Züchtigungen mit Hand, Stock oder Teppichklopfer und entwürdigende Strafen wie Essenszwang oder Arrest bei Wasser und Brot aus. Es kam zu sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und körperlicher Gewalt durch Jugendliche an anderen Heimkindern,  Mädchen wie Buben. Es gab auch Gewalt von Betreuten an Betreuern, oftmals als Reaktion auf deren Taten. Zwei Suizide, mehrere Suizidversuche und -androhungen durch die betreuten Menschen sprechen ihre eigene Sprache.

„Wir haben als Einrichtung in doppelter Hinsicht versagt“

Dem Bericht des Historikers Dr. Sebastian Wenger schickt der Hauptgeschäftsführer Andreas Maurer daher eine Bitte um Entschuldigung in aller Form und Ausführlichkeit voraus. „Die Paulinenpflege ist ursprünglich angetreten, um Menschen aus christlicher Nächstenliebe zu helfen, zu unterstützen und Jugendlichen Wege in ihre Zukunft zu bahnen. Wer Missbrauch erfuhr, hat genau das nicht erlebt. Unsere Einrichtung hat also in doppelter Hinsicht versagt, am Wohl des Einzelnen und an ihrem Gründungsauftrag“, heißt es im Vorwort des Buches, das bei der diakonischen Einrichtung ab sofort erhältlich ist. Die Betroffenen, sagt Wenger, „fühlen sich um ihr Leben betrogen. Einige leiden noch immer unter psychischen Störungen, da die Erlebnisse aus dieser Zeit sie immer wieder einholen.“

Fünf Zeitzeugen vervollständigen das Bild, das sich aus den Akten ergibt

Untersucht worden sind durch den wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung die Jahre 1945 bis 1983, als erst Gustav Gruner und danach sein Sohn Martin Gruner die Paulinenpflege leiteten. Aus diesen Jahrzehnten hat Wenger knapp 1800 Akten von Betreuten sowie alle Jahresberichte ausgewertet. Gefunden hat er zum Beispiel bei 564 Schüler/-innen 83 Hinweise auf Gewalt, davon 33 vom Personal ausgehend. Mutmaßlich sind nicht alle Vorfälle schriftlich niedergelegt worden, eine gewisse Restunsicherheit bleibt. Daher haben die fünf Zeitzeugen, die sich von Sebastian Wenger interviewen ließen, unschätzbare Bedeutung. Sie „öffneten sich erneut ihren Schmerzen“, wofür ihnen Andreas Maurer dankte.

„Was in der Paulinenpflege passiert ist, gab es in fast allen Heimen dieser Zeit, das meiste passierte 1950 bis 1968“, sagt der 34-jährige Historiker, auch in Familien und öffentlichen Schulen. Doch deshalb ist es für die Betroffenen nicht weniger schlimm. Wenger betont, dass viele der Herabwürdigungen wie Essensentzug und Briefkontaktverbot, Urlaubsentzug oder pflegerische Vernachlässigung auch in den 50er und 60er Jahren juristisch nicht zulässig waren. Für die Mitarbeiter hätte das rechtliche Konsequenzen haben müssen. Heute sind die Taten längst verjährt.

Inspektor behauptet in den 50er Jahren, dass Gewalt nicht regelmäßig vorkommt

Viele Strafen waren überdies ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig, insofern moralisch nicht in Ordnung. Jedoch behauptete Inspektor Gustav Gruner schon Anfang der 50er-Jahre, dass in der Paulinenpflege all das nicht mehr an der Tagesordnung sei. Wengers Bericht straft diese Aussage Lügen.

Bei der Buchvorstellung sind zwei im Saal, die besonders unter einem Lehrer litten, der „täglich mit dem Bambusstock geschlagen hat“. Auch unter den Jugendlichen gab es Gewalt – doch suchten Betroffene Hilfe bei den Betreuern, wurden sie abgewiesen, sie sollten das „unter sich klären“, oder „den Ball flach halten“. Einer der Männer schlägt vor, auf dem Gelände an der Ringstraße 106, wo das meiste geschehen ist, eine „Mahntafel“ aufzustellen, worüber Andreas Maurer verspricht nachzudenken.

Der Historiker beschreibt Zusammenhänge und Ursachen für die Taten. Da kommt sehr viel zusammen. Raumnot zum Beispiel und Personalmangel, so dass die ungeschulten Kräfte oftmals überfordert waren. „Doch dass Schläge, und wenn sie nicht helfen, mehr Schläge, zur Betreuung gehören, das darf nicht sein.“ Oftmals verließen ausgebildete Mitarbeiter die Paulinenpflege, weil sie in Konflikt mit älteren Mitarbeitern kamen.

Einstellungen und Menschenbilder aus der NS-Zeit wirkten teils bis in die 70er-Jahre fort. Gehörlose an sich wurden nicht als „vollwertige Menschen“ betrachtet, die Mädchen standen unter besonderer Beobachtung, ihnen wurde gar nichts zugestanden, auf einen Kuss oder ein Treffen mit einem Jungen hin wurden sie als „sexuell gefährdet gebrandmarkt“, so Wenger in seinem Vortrag. Viele wurden in der Folge in eine Anstalt nur für Frauen verlegt, „um ihre Fortpflanzung zu verhindern“, ein Mädchen sollte gar ohne Zustimmung der Mutter sterilisiert werden.

Auch die konfessionelle Haltung gegenüber Kindern, die „gerettet“ werden müssen aus „verwahrlosten Verhältnissen“ von Inspektor und Hauseltern, die Stellvertreter des erziehenden (strafenden) Gottes waren, begünstigte Gewaltanwendung. Die Kinder mussten grundsätzlich viel arbeiten, im Haus und in der Landwirtschaft, das Taschengeld wurde ihnen nach Leistung zugemessen, eigene Freizeit und Privatsphäre gab es nicht. Dieser Missstand konnte erst ab 1976 behoben werden, als die Neubauten im Schelmenholz fertig waren.

Gehörlose litten besonders, weil sie oft nicht einmal den Grund für ihre Züchtigung verstehen konnten. Auch der Umstand, dass versucht wurde, ohne Gebärdensprache zu unterrichten, um sie aufs Lippenlesen, das Bestehen in der Welt der Hörenden vorzubereiten, „ist für Gehörlose Teil der Gewalt und eine Form der Zurücksetzung“, wie Andreas Maurer im Anschluss an den Vortrag sagt. „Erst in den 1990er Jahren hat die Paulinenpflege offiziell die Gebärdensprache eingeführt.“

Die Paulinenpflege wollte es schonungslos aufdecken, um sich ihrer Verantwortung zu stellen, und hat es jetzt schwarz auf weiß und ganz bewusst einseitig fokussiert auf das Negative: In ihren Mauern, in ihrer Obhut sind Heimkinder, Schüler, Auszubildende und Erwachsene – hörende, schwerhörige und gehörlose – geschlagen, gedemütigt und auch sexuell missbraucht worden. Vom Personal gingen körperliche Züchtigungen mit Hand, Stock oder Teppichklopfer und entwürdigende Strafen wie Essenszwang

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