Winnenden

Schweinefleischpreis im Keller: Landwirte kämpfen um Existenz

1/3
schweinepreis1_0
Sehr beliebt im Schweinestall: Der Spielzeug-Eimer (links oben im Eck). Die Schweine müssen, um ein Leckerli abgreifen zu können, an dem Eimer zuppeln und turnen. Hier allerdings war fürs eine oder andere Schwein der Fotograf noch viel spannender. Die Schweine übrigens sind ganz freiwillig zusammengeflitzt, um zu gucken, was da im Stall passiert. Rings um sie herum ist in diesem fotografierten Augenblick viel freier Raum. © Jamuna Siehler
2/3
Schweinepreise_1
Andreas und Rainer Müller auf dem Backnanger Stiftsgrundhof. © Jamuna Siehler
3/3
Schweinepreise_2
Andreas und Rainer Müller auf dem Backnanger Stiftsgrundhof. © Jamuna Siehler

Backnang. Sie sind rosig, neugierig, munter – und bringen zurzeit nicht einen Cent. Hunger haben sie aber trotzdem. Und angenehm wohnen sollen sie auch. Die Schweine. Das heißt somit: Ihre Chefs, die Landwirte nämlich, die sich aufs Schwein spezialisiert haben, kämpfen mit der Schweinefleischpreiskrise und um die Existenz. Wie Rainer und Andreas Müller vom Stiftsgrundhof.

Wenn wer kommt und guckt, gucken sie sofort zurück. Alle flitzen zusammen, die rosa Rüssel nach oben gereckt. Wenn keiner guckt, dann laufen sie durch ihren Stall, turnen am Leckerli-Eimer und, natürlich, fressen. Sie haben Hunger. Und zwar einen ganz beträchtlichen.

Ein Schwein frisst am Tag rund 2,3 Kilo. Bei Rainer Müller und seinem Sohn Andreas besteht das Futter zum größten Teil aus selbst produziertem Getreide wie Mais, Weizen, Gerste. Zunehmend auch Ackerbohne und Erbse, um den Eiweißbedarf zu decken. Soja nämlich wollen sie immer weniger füttern. Wegen Müllers Schweinen wird kein Regenwald mehr abgeholzt.

Die Müllers haben ihren Schweinehof in einer kleinen Enklave gleich hinter Nellmersbach. Die B 14 ist nebenan und doch so weit weg, als wär’ sie auf einem anderen Stern. Stiftsgrundhof heißt die Ansammlung von ein paar Häusern, die offiziell zu Backnang gehört. Müllers wohnen in einem Backsteinhaus, das eigentlich nicht wie ein Bauernhof, sondern wie ein altes Schulhaus aussieht. „Tja“, sagt Peter Müller. Das Haus stamme noch aus Zeiten, als die Bauern einen guten Stand in der Gesellschaft und gutes Geld im Portemonnaie hatten. Er lebt zurzeit von der Substanz.

Das Geld landet beim Schlachthof

Der Schweinepreis ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Der Verbraucher allerdings zahlt trotzdem noch gleich viel. Das Geld lande, meinen die Müllers, beim Schlachthof. Vor drei Jahren haben Schweinebauern noch etwa 1,70 Euro fürs Kilo Fleisch beim geschlachteten Schwein bekommen. Eine 120-Kilo-Sau ergibt, wenn alles weg ist, was keiner essen will, ein Schlachtgewicht von etwa 96 Kilo. Also bekam der Bauer etwa 163 Euro pro Schwein. Heute gibt’s noch 1,28 Euro pro Kilo Schlachtgewicht, also knapp 123 Euro. Das ergibt einen Gewinn von null.

Ein Schwein frisst bis zur Schlachtung etwa 60 Euro weg. Dazu kommen all die anderen Kosten für den Stall, die Heizung, die Wasserdusche, die sonstige Versorgung. Die Ferkel bleiben bei Müllers vier Wochen bei der Muttersau. In der Zeit wachsen sie von 1,5 Kilo auf sieben bis neun Kilo heran. Dann kommen sie in den Schweine-Kindergarten, wo sie auf 30 Kilo herangefüttert werden. Das dauert sieben bis neun Wochen. Und dann fressen sie noch mal etwa 110 Tage lang, bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben.

Die Müllers beliefern in Winnenden und Sulzbach zwei Metzger direkt. Die anderen Schweine werden der Erzeugergemeinschaft gemeldet, die die Tiere dann an einen regionalen Schlachthof weiterverkauft. Mit den zwei Metzgern haben Rainer und Andreas Müller jetzt eine „Lebendpreis-Unterkante“ von 1,25 Euro pro Kilo ausgemacht. Das ergibt am Ende einen Gewinn von etwa fünf Euro. Beim Schlachthof gibt’s das nicht. „Es geht an die Existenz“, sagt Rainer Müller.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es noch ganze vier Bauern, die sich für die Schweine entschieden haben. Bei rund 5000 Mastplätzen ergibt das etwa 15 000 Mastschweine im Jahr. Der Selbstversorgergrad im Rems-Murr-Kreis liege also, sagen die Müllers, bei „unter zehn Prozent“.

Die einzige Chance für sich und ihre Schweine sehen die beiden Landwirte in der regionalen Vermarktung. Und darin, die Menschen im Kreis auf den Wert, den die eigenen, hier aufgezogenen und hier geschlachteten und verarbeiteten Schweine haben, aufmerksam zu machen. Das Problem beim Schweinefleisch sei, sagen die beiden, die gute Qualität. Auch der superbillige Riesenschweinehals im Discounter sei von bestem Geschmack und bester Konsistenz. Warum also sollten die Verbraucher so viel Geld beim lokalen Metzger für regionales Schweinefleisch liegen lassen? Nur, weil sie wollen, dass sie sicher sein können, dass es den Schweinen so gut wie etwa bei den Müllers geht. Und dass sicher ist, dass das Futter auch der Natur gerecht wird. Und weil sie vielleicht auch wollen, dass der Schweinebauer im Rems-Murr-Kreis nicht ganz ausstirbt.

Schweinefleisch vom Paulinenhof

Der Paulinenhof kurz hinter Hertmannsweiler arbeitet nach Bioland-Richtlinien. Noch hat der Betrieb keine Probleme mit seinem Schweinefleisch. Man habe „gut ausgehandelte Preise“.

Allerdings, sagt Dietmar Oppenländer, Leiter des Paulinenhofs, seien auch die Ausgaben höher. Die Schweine haben mehr Platz, dürfen ins Freie, brauchen wegen der vielen Bewegung länger, bis sie schlachtreif sind. Um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, brauche ein Schwein 2,8 Kilo Futter. „Es gleicht sich fast wieder an.“

Dennoch, man erziele Preise, von denen konventionelle Schweinemäster „nur träumen können“. 3,40 Euro etwa bekommt Oppenländer für das Kilo Schweinefleisch. Geht man von 96 Kilo Schlachtgewicht aus, ergibt das etwa 326 Euro pro Schwein.

Bioland-Betrieben geht es also noch vergleichsweise gut. Sie besetzen allerdings mit ihrem Fleisch, für das der Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als für konventionell erzeugtes Schweinefleisch, eine sehr kleine Nische. 0,05 Prozent des gesamten Verbrauchs wird so produziert – das reicht nirgendwo hin.