Winnenden

Stille Nacht an Silvester - warum der Abschied vom alten Jahr gerade deshalb gut werden kann

Neujahrsfeuerwerk
Erinnerung an die Silvesternacht 2019/20, Blick vom Haselstein auf Winnenden. Unser Tipp: Einfach ausschneiden, um Mitternacht ans Fenster halten und miteinander aufs neue Jahr anstoßen. © Gabriel Habermann

Noch vor einem Monat war’s fast undenkbar, dass die Politik über Silvester eine Ausgangssperre und ein Verkaufsverbot für Feuerwerk verhängt. Am 25. November dachte man lediglich über ein Böllerverbot an beliebten Plätzen nach, um die Ansteckungsgefahr unter den eng beieinander Feiernden im Freien zu minimieren.

Doch es kam anders, die Infektionszahlen kletterten schnell in bedenkliche Höhen. Die Politik bestimmte Mitte Dezember rigidere Regelungen bis 10. Januar (siehe zuletzt Rems-Murr-Rundschau vom 30. Dezember) – und nahm damit Städten und Gemeinden eine große Last von den Schultern.

Schon Ende November bekannte ja der Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, dass ein bloßes Verbot von Silvester-Feuerwerk auf Straßen und Plätzen weder kontrollier- noch sanktionierbar sei. So viele Mitarbeiter haben weder die Kommunen noch die Polizei, um Zuwiderhandelnde überhaupt ausfindig zu machen. Und wer würde sich im Dunkeln schon groß an Schilder und Absperrbänder halten? „Wenn Feuerwerk effektiv eingeschränkt werden soll, dann muss der Verkauf unterbleiben“, sagte Holzwarth damals.

Sein Wunsch wurde erhört. Sogar mehr als das: Abbrennen von Feuerwerk, so man noch welches aus dem Vorjahr gebunkert hat, ist nur vom Privatgrundstück aus erlaubt. Zudem greift die Ausgangssperre ab 20 Uhr auch in der Silvesternacht.

Verbot missachten wird teuer

Wir fragten die Pressesprecherin des Winnender Rathauses, wer die Einhaltung der bestehenden Ausgangsverbote und Böllerverbote auf der Straße überwacht. „Diese werden von der Polizei kontrolliert. Der Gemeindevollzugsdienst der Stadt Winnenden kontrolliert im Rahmen der üblichen Dienstzeiten.“

Im Internet findet man den gesamten Bußgeldkatalog, der für die Verstöße gegen die „befristeten Maßnahmen zur Abwendung einer akuten Gesundheitsnotlage“ aufgestellt worden ist. Beispiel: Wer an Silvester um Mitternacht auf die Straße geht, eine Rakete zündet und einen Sekt trinkt, hat drei Verstöße auf einmal begangen: Ausgangssperre ohne triftigen Grund verletzt 75 Euro, Abbrennen von Pyrotechnik im öffentlichen Raum 100 Euro und Konsum von Alkohol im öffentlichen Raum noch mal 75 Euro. Macht 250 Euro, Geld, das man sinnvoller ausgeben könnte. Und das sind wohlgemerkt nur die Regelsätze, je nach Unverfrorenheit und Ausmaß des Verstoßes können zum Beispiel von einem Straßenfeuerwerker bis zu 1000 Euro verlangt werden.

Die mutmaßlich stillste letzte Nacht eines Jahres, seit Feuerwerken zum Volkssport geworden ist, wird nicht zuletzt auch die Tierschützer und die Luftreinhalter freuen. Deren Kampf gegen die Knallerei, die Tiere erschreckt, und gegen die Feinstaubbelastung, die Menschen krank macht, wurde ja regelmäßig torpediert. Und auch die Landschaft bleibt dieses Jahr von Plastikmüll verschont.

Alkohol macht das Böllern gefährlich

Wir fragten auch bei den Rems-Murr-Kliniken nach, wie aus Sicht der Mediziner die Ansteckungsgefahr beim Raketenzünden beurteilt wird – und wie stark Feuerwerksverletzungen den Klinikbetrieb belasten. „Oft spielen bei Verletzungen mit Bezug zu Silvester Alkohol, eine unsachgemäße Verwendung von Pyrotechnik, einschließlich der Gefährdung unbeteiligter Dritter, oder eine Kombination aus beiden Faktoren eine nicht unwesentliche Rolle“, schreibt die Pressesprecherin der Rems-Murr-Kliniken. „Durch einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol bei der Verwendung von Feuerwerkskörpern ließe sich der Großteil aller Verletzungen vermeiden. Entsprechend befürwortet der Chefarzt der Notaufnahme Winnenden, Dr. Torsten Ade, darauf abzielende Sensibilisierungsmaßnahmen.“

Generell sei die Notaufnahme in der Silvesternacht übrigens so besetzt wie in jeder anderen Nacht auch. Typisch seien (hand-)chirurgische Verletzungsmuster, Verbrennungen und Lärmschäden. „Schwere Verletzungsbilder von Augen, Kopf oder abgerissenen Körperteilen sollten in spezialisierten Fachkliniken behandelt werden, um möglichen Langzeitfolgen vorzubeugen“, so Michaelis.

Da für die Verbreitung des Coronavirus Kontakte entscheidend sind, ist fürs Rems-Murr-Klinikum jetzt nur noch wichtig, dass sich möglichst wenige Menschen zum Feiern in den Privaträumen treffen – oder so viele wie möglich allein feiern. Aus den Antworten wird jedenfalls deutlich, dass die seit Mitte Dezember erlassenen Verbote durchaus Sinn ergeben, um nicht noch mehr Infizierte zu bekommen.

Was sagt die Feuerwehr?

Wie stark haben die Feuerwerk- und Böllerumtriebe der Bevölkerung im vergangenen Jahr die Feuerwehr beschäftigt? Ist auch hier mit einer Entlastung zu rechnen? Definitiv. Zwar zeigt das Einsatzarchiv der Winnender Feuerwehr nur zwei Fälle: Am 31. 12. 2019 war’s ein Vorfall um 16.50 Uhr, der nächste Einsatz wegen eines Brandes, den Feuerwerk verursacht hat, war erst wieder am 2. Januar 2020. Doch wird sich das Verkaufsverbot hier sicher auch einsatzmindernd auswirken. Wer Raketen vom Vorjahr aufbewahrt hat und diese vor der Garage oder vom Balkon abfeuern will, sollte sich aber bewusst sein: Wo Häuser sehr dicht beieinanderstehen und auch historische Substanz in Form von barocken Gebäuden und Fachwerkhäusern zu finden ist, ist das Brandpotenzial immens. „So eine Rakete fliegt hoch und weit. Das ist wirklich gefährlich“, sagt Kommandant Yosh Dollase.

Alles gechillt in Leutenbach und Schwaikheim

Die Gemeinde Leutenbach hätte von sich aus keine Feuerwerksverbotszonen definiert, auch wenn es vom Land her so gewünscht worden wäre. Lokale zu, Veranstaltungen in Hallen verboten, das reichte schon: „Wir erwarten keine großen Menschenansammlungen. Im Gegenteil befürchten wir, dass bei der Ausweisung von lokalen Verbotszonen außerhalb dieser Zonen das Gedränge größer werden würde“, so Jakob Schröder, der Leiter des Hauptamts. In Schwaikheim wartete man erst mal die großpolitischen Entwicklungen ab - und lehnt sich nun auch beruhigt zurück.

Berglen kennt keinen Feuerwerks-Brennpunkt

Brennpunkte, an denen besonders wild geballert wird, gibt es in Berglen nicht. Die Gemeinde hätte es daher lediglich beim Appell an die Bürgerschaft belassen, beim Abschießen von Feuerwerkskörpern besonders umsichtig vorzugehen. „Denn die ohnehin stark belasteten Krankenhäuser sollen nicht auch noch von Böllern verletzte Personen behandeln müssen“, so Bürgermeister Maximilian Friedrich.

Noch vor einem Monat war’s fast undenkbar, dass die Politik über Silvester eine Ausgangssperre und ein Verkaufsverbot für Feuerwerk verhängt. Am 25. November dachte man lediglich über ein Böllerverbot an beliebten Plätzen nach, um die Ansteckungsgefahr unter den eng beieinander Feiernden im Freien zu minimieren.

Doch es kam anders, die Infektionszahlen kletterten schnell in bedenkliche Höhen. Die Politik bestimmte Mitte Dezember rigidere Regelungen bis 10. Januar (siehe zuletzt

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