Winnenden

Streit ums Stückle: Die Schaukel muss weg

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Ecrin und Dilara auf ihrer Schaukel am Waiblinger Berg: Die Stadt hat Schreiben verschickt, dass Schaukeln (und auch das Trampolin und das Gewächshaus) hier entfernt werden müssen. © Schmitzer / ZVW
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Armando Lefare mit dem Sandkasten seiner Enkelkinder, den er abbauen soll. © Schmitzer / ZVW
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Stücklesbesitzer vom Waiblinger wollen die Verbote nicht hinnehmen. Betongrill, Gartentisch und Gartebänke müssen auch entfernt werden. © Schmitzer / ZVW

Winnenden. Feierabend am Waiblinger Berg. Ein Papa hackt zwischen den Bohnen. Ecrin und Dilara schaukeln sich hoch und lachen lauthals vor Freude. Ein kleines Paradies oberhalb der Wohnsiedlung Schelmenholz– das aber gegen die Landesbauordnung verstößt. Die Schaukel muss weg, sagt die Stadt. Und nicht nur die.

Auch der Zaun, der den wunderschön gepflegten Gemüsegarten schützt, muss weg. Ein Gartenbesitzer zeigt einen Sandkasten aus Holz, in dem frisch genutzte Sandelsachen liegen: „Jedes Wochenende spielen meine Enkelkinder hier“, sagt er, „aber das muss jetzt weg.“ Im Stücklesgebiet Waiblinger Berg hat sich eine bunte Gartengesellschaft entwickelt, angefangen mit Alt-Winnendern, die Stückle geerbt haben, die noch von Vorfahren erzählen, die an diesem Berg Weinbau betrieben und ihr Wengerthäusle hatten. Die Stückle, so wie sie heute aussehen, haben sich alle ab den 60er-Jahren immer weiter entwickelt, bekamen in den 80ern noch einen kräftigen Schub durch Zuwanderer, die sich von Alt-Winnendern ein Stückle pachteten. Einer von ihnen wunderte sich über die Winnender: Ihr habt hier so ein großes Grundstück – warum baut Ihr kein Haus da drauf? In seinem Heimatland hätte er längst gebaut. Klar.

Wohnwagen, Motorjacht und Datscha auf einem einzigen Stückle

Ein anderer, der schon lange sein Stückle dort oben hat, baute sich eine richtige Datscha, stellte einen Wohnwagen in das Stückle und eine Motorjacht dazu. Der Platz war da. Aber dass alles ist illegal. Er wird die Jacht wegbringen müssen, den Wohnwagen auch, und seine Datscha wird er abreißen müssen. Denn diese Stückle dort am Berg sind kein Gartenhausgebiet, kein Kleingärtnerverein. „Stückle“ ist zwar ein urschwäbischer Begriff, aber kein Wort aus der Bauordnung des Landes. Die nennt dieses Gebiet „Außenbereich.“

Für die Stücklesbesitzer ist es ein Erholungsraum mit lauter privaten Parzellen. Sie versammelten sich am Montag in einem Garten, um mit dem Lokalredakteur zu sprechen und um ihm die schöne Aussicht von ganz oben aufs Schelmenholz hinunter zu zeigen: Abendstimmung wie im Volkslied.

Der Zaun muss weg

Eine Frau hatte früher um ihren Garten keinen Zaun. Ihr wurden reife Früchte gestohlen, Rhododendron ausgegraben und abtransportiert, Müll in den Garten geworden, so lange bis sie sich einzäunte. Die Stadt schickte ihr einen Brief: Der Zaun müsse weg. Auch der schwere Gartentisch und der fest installierte Grill aus Beton, um den sich die Gruppe der Stücklesbesitzer versammelte, müssten weg. Verlangt die Stadt wirklich, dass Kinderschaukeln abgebaut werden? Jawohl. Ein Stücklesbesitzer zeigt einen amtlichen Brief: Die Schaukel aus Holz darf nicht stehen bleiben. Es gibt auch keinen Aufschub für ein paar Jahre, bis die Enkelkinder aus dem Schaukelalter heraus sind. Den vergnügten Mädchen drüben in der Gartenschaukel wird es nicht besser ergehen.

Der Garten ist ihr Paradies, ihr kleiner privater Erholungsplatz. Alle Stücklesbesitzer sagen, sie bräuchten dort einen Platz mit Tisch und Bänken, mit Platten belegte Wege und eine Terrasse. Völlig verwundert reagieren praktisch alle auf die Aussage der Stadt, dass die Allgemeinheit und die wild lebenden Tiere Zutritt zu ihren Grundstücken haben müssten.

„Wir verbinden viele Erinnerungen mit unseren Stückle“

Enttäuscht und ungläubig lesen sie, dass ihre Terrassen abgebaut werden müssen, dass auf jedem Grundstück nur noch eine Schirrhütte mit 20 Kubikmetern umbautem Raum erlaubt sei. „Diese Grundstücke sind für viele von uns die wichtigste Möglichkeit sich mit der Familie im Freien aufzuhalten, Kinder draußen spielen zu lassen und unsere Freizeit gemeinsam zu gestalten“, schreiben 23 Stücklesbesitzer in einem Offenen brief an OB Holzwarth, „ ... Wir verbinden viele Erinnerungen damit. Für die Senioren unter uns haben diese Grundstücke eine große ideelle und emotionale Bedeutung.“ Die 23 Grundbesitzer befürchten das „Ende einer von Generation zu Generation weitergegebenen Gartenbaukultur“. Der ökonomische und der ideelle Wert der Grundstücke werde „praktisch auf Null reduziert“.

Die Grundbesitzer wollen diese vielen Abbaugebote nicht akzeptieren. „In seiner jetzigen Form hat das Gartengebiet unschätzbaren Wert für uns“, schreiben sie. Sie regen an, dass die Stadt den jetzigen Außenbereich in ein Gartenhausgebiet umwidmet. Das meiste sollte nach ihrer Ansicht so bleiben, wie es ist. Darüber wollen sie mit Oberbürgermeister Holzwarth sprechen.

Man könnte noch viel dazu sagen, aber sie machen sich auf den Heimweg, während der Mann mit dem vorbildlichen Gemüsegarten immer noch hackt und häufelt. Auf der Schaukeln lachen und jubeln weiter die beiden Mädchen. Sie sind jetzt fünf Jahre alt. Dass ihr Papa die Schaukel und das Trampolin dahinter abbauen muss, wissen sie noch nicht.


Info:

23 Stücklesbesitzer haben sich zusammengetan zur „Bürgerinitiative für den Erhalt des Gartengebiets Waiblinger Berg“.

Sprecherin ist Rita Fleischmann, die wie die anderen auch von der Stadt eine Aufforderung bekommen hat, „bauliche Anlagen“ aus ihrem Grundstück zu entfernen.