Winnenden

Tiere, die auf Kunst starren

1/2
Was sagt der Hirsch zur Kunst_0
Irene Müller vor dem Bild „Rot und Wild“, das zusammen mit 29 anderen und fünf Wildtierfilmen noch bis 1. Dezember im Rathaus zu sehen ist. © Benjamin Büttner / ZVW
2/2
Filmstills_Schwarzwald_-_Irene_Müller_2017-11-03_14-58-18_1
Zwei Wildschweine im Schwarzwald. Eines auf der Leinwand, eines davor. © Christine Tantschinez

Winnenden. Junge Wildschweine, Eichhörnchen und ein Steinbock schnuppern an Gemälden – die witzigen Filmaufnahmen aus dem Schwarzwald, von Stuttgart-Süd und aus den Zillertaler Alpen sind Teil des Kunstprojekts von Irene Müller. Die Malerin lässt sich von den Aufnahmen zu weiteren poppig-bunten Tierbildern mit rätselhaft-abstraktem Hintergrund animieren. Zu sehen ist beides bis 1. Dezember im Rathaus Winnenden.

Eine enorme Dynamik schafft die Stuttgarterin Irene Müller mit den Farben Weiß, Grün, Rosa und Rot, die sie mal als Seifenblasenkreise, mal als senkrechte Streifen, mal als wucherndes Gebüsch andeutet. Aus diesem bunten Dschungel, dessen Gute-Laune-Wirkung wahrscheinlich nur an chronischen Miesepetern verpufft, guckt der Kopf eines Rehs, mit wenigen Konturen angedeutet, aber doch das einzig Fassbare in diesem Bild namens „Rot und Wild“. „Zu dieser Komposition haben mich die Filmaufnahmen inspiriert, die ich mit Hilfe eines Jägers drei Monate lang im Nordschwarzwald gemacht habe.“

Interessieren sich Schweine für Kunst?

Der Gag dabei: Irene Müller malte zuerst ein Wildschwein vor einer abstrakten Landschaft, und stellte es in den Wald. „Wildschweine sehen keine Konturen, sondern nur die Übergänge zwischen Farben wie bei einem Regebogen. Am besten nehmen sie die Farben Grün, Rot und Blau wahr und sehen sie nicht als bedrohlich an.“ Dann ließ sie eine Infrarotkamera beobachten, wie die Wildschwein-Kunst, art-gerecht sozusagen, bei den Tieren ankam. Wie bei einer Ausstellungseröffnung für Menschen auch gab's für die Gäste etwas zu essen. In diesem Fall Mais. Ruck-zuck hatten zwei junge Keiler kapiert, dass sie mit ihren Schnauzen nur den Deckel vom Bottich fegen mussten, und los ging der Schmaus vor dem Bild. Dass dahinter das „Platzhirschschwein“ von Irene Müller stand, ließ sie aber offen gesagt ziemlich kalt.

Videotrailer Superwildvision Schwarzwald

Ein Best-of des Films zeigt die Tiere beim Kommen und Gehen, schnell zusammengeschnitten von der frei schaffenden Künstlerin, die außer Malerei an der Freien Kunstschule Stuttgart auch noch zweieinhalb Jahre Jura und komplett Kommunikationsdesign in Augsburg und Stuttgart studiert hat. Pro Monat ist ein Tierfilm entstanden, sie laufen gleichzeitig auf drei Monitoren übereinander im Rathaus, und alle Tiere, die sich am Bild (einem Druck, der nach einer Weile bei Wind und Wetter problemlos ausgetauscht werden konnte) und an der Futterstelle haben blicken lassen, sind darauf verewigt. „Am meisten Interesse zeigte der Dachs, er hat das Bild beschnuppert“, sagt Irene Müller lachend. „Die zwei Wildschweine werden im Lauf der Zeit immer größer, wachsen zu halbstarken heran und das Gerangel ums Futter wird immer heftiger.“ Kunstbanausen ...

Superwildvision: Tiere und Kunst

Irene Müller stammt aus Ulm und war schon immer naturverbunden. „Superwildvision“ nennt sie ihre Kunstreihen, die auf den Aufnahmen basieren, die im Südschwarzwald, in den Zillertaler Alpen und vor der Haustür in Stuttgart-Süd entstanden sind. Nicht immer sind Tiere wie Kohlmeise und Elster später die Blickfänge der im Atelier entstandenen, frei komponierten Acrylbilder, oft sind auch markante Bäume oder die Hochsitze der Jäger in die Bilder eingeflossen, beispielsweise bei „Des Jägers Alptraum“ in Rot und Weiß: Wer nah herangeht, mag Bäume und einen Weg entdecken, wer das 140 Meter hohe Werk von weiter weg anschaut, der hat blutige Assoziationen. „Mit dem Hochstand spiele ich“, sagt die Künstlerin über ihre teils kleinen, breiten, teils hohen, langgestreckten Formate mit dem Holzgestell darauf.

Murmeltiere sehen nicht alle Farben

Mit einem blau-gelben Bild hat Irene Müller 2015 versucht, Murmeltiere in den Alpen für ihre Bilder zu begeistern, sie sehen nur dichromatisch (d.h, sie können lediglich zwei Farben unterscheiden). Der Wirt der Plauener Hütte trug den Druck, einen auf einen Meter groß, auf einem Gestell auf dem Rücken in die steinige Bergwelt (2400 Meter Höhe) hinauf, und sorgte dafür, dass die Batterien nachgefüllt wurden. Doch lediglich ein paar Dohlen, ein Fuchs und – immerhin – ein Steinbock ließen sich vor der Kamera blicken. Wüsste man es nicht besser, der Gehörnte scheint regelrecht kamerageil zu sein, so scharwenzelt er vor der Linse herum. Irene Müller belohnte das ihrem Projekt entgegengebrachte Interesse prompt mit einem Steinbock-Porträt in Rot und Lila, es trägt den vielsagenden Titel „Edle Absichten“.

Die Ausstellung

Der Eintritt zur Ausstellung „Superwildvision“ im Winnender Rathaus an der Torstraße 10 ist frei und barrierefrei, allerdings nur von Montag bis Donnerstag von 7 bis 18 Uhr und freitags von 7 bis 13 Uhr zu den üblichen Öffnungszeiten des Rathauses. Am 1. Dezember endet sie.