Winnenden

Tote in China-Restaurant: Riesen-Aufwand, kein Motiv

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Kripo-Chef Reiner Möller bei der Pressekonferenz am Freitag. © Mathias Ellwanger
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Insgesamt 28 Aktenordner füllen die Ermittlungsdokumente zum „Asien-Perle“-Mord derzeit – es werden täglich mehr. © Büttner / ZVW
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Kripo-Chef Reiner Möller bei der Pressekonferenz am Freitag. © Büttner / ZVW

Backnang. Seit dem Mord an der Wirtin der Backnanger „Asien-Perle“ betreibt die Kriminalpolizei einen titanischen Ermittlungsaufwand – und steht weiter vor einem monumentalen Rätsel: Es gibt noch keinen Verdächtigen, es gibt noch kein Motiv. Das Wichtigste zur Pressekonferenz am Freitag.

Was ist geschehen?

Die 53-Jährige wurde in der Nacht auf den 4. März ermordet, wohl gegen Mitternacht, nachdem das Restaurant gegen 22 Uhr geschlossen hatte. Eine Mitarbeiterin fand die Leiche in der Damentoilette der Gaststätte. Durch Backnang flackert das Gerücht, die Tote sei gefesselt gewesen – Reiner Möller, Chef der Kriminalpolizeidirektion Waiblingen, will dazu nichts sagen. Es muss jedenfalls massive Gewalt gegeben haben, denn umgehend wurde eine Sonderkommission gegründet; eine natürliche Todesursache schied wohl auf den ersten Blick aus.

Was hat die Untersuchung des Tatorts ergeben?

Die Polizei sicherte „mehrere Spuren, die dem Täter zugeordnet werden können“. Fasern? Fingerabdrücke? DNA? Blut? Waffe? Möller gibt dazu nichts preis, seine Aussage legt aber nahe: Falls es gelingen sollte, einen Verdächtigen habhaft zu machen, wäre es anhand der Funde wohl möglich, ihn zu überführen; oder zu entlasten.

Was ist zum biografischen Hintergrund des Opfers bekannt?

Die Frau, eine Buddhistin, stammte aus Wencheng in der chinesischen Provinz Zhejiang. Sie gehörte einem Familien-Clan an, der ein über ganz Europa gespanntes Netz aus Gaststätten betrieb, „familiäre Hintergründe erstrecken sich über mehrere Länder“, neben China und Deutschland die Niederlande, Italien, Spanien, Ungarn, „um die wesentlichen zu nennen“. China-Kenner kann das nicht überraschen: Zhejiang ist eine typische Emigrationsregion, von dort stammende Menschen haben sich rund um den Globus auf mehreren Kontinenten angesiedelt. Ein Bruder der Frau eröffnete 1985 in den Niederlanden ein Restaurant, die Schwester folgte ihm 1991 dorthin. 1999 übersiedelte sie nach Deutschland und setzte in Backnang die Familientradition fort. Bis zuletzt hatte sie einen holländischen Pass. Sie hinterließ vier Kinder und lebte getrennt von ihrem Mann.

Welches Motiv könnte hinter dem Mord stecken?

Es wäre fatal, sich als Ermittler „zu schnell festzulegen“, sagt Kripo-Chef Möller, „selbst wenn zu einem frühen Zeitpunkt eine vermeintliche Lösung als die richtige erscheint“. Was passieren kann, wenn Ermittler einseitig recherchieren, haben die NSU-Morde gezeigt – elf Jahre lang vermutete die Polizei Verstrickungen der Opfer in kriminelle Geschäfte; Stichwort „Türkenmafia“. Denkbare Möglichkeiten:

Eine Beziehungstat? Bei der großen Mehrheit aller Morde kannten sich Täter und Opfer, waren verwandt, verheiratet, verliebt, verhasst – das ist eine statistische Tatsache. Deshalb muss die Polizei zunächst immer in diese Richtung ermitteln, auch wenn das die Angehörigen quält. Bislang aber zeichnet sich ab: Alle Menschen aus dem näheren familiären Umfeld scheinen auszuscheiden. Der Ehemann kann es offenbar nicht gewesen sein, auch die Kinder kommen „Stand heute nicht in Betracht“. Worauf stützt sich diese Erkenntnis? DNA-Funde oder Fingerabdrücke am Tatort? Alibis? Das will Möller nicht präzisieren.

Fremdenfeindlichkeit? Seit der NSU-Mordserie gilt es, derlei immer mitzubedenken – Möller bezeichnet die Spekulation in diesem Fall aber als „völlig nachrangig“; in diese Richtung wiesen „keinerlei Anzeichen“.

Raub? Möller: „Das wäre auf meiner Prioritätenliste nicht ganz oben.“

Organisierte Kriminalität? Ein Auftragsmord? Eine Bestrafungstat? Eine blutige Botschaft an andere? Die Gegend um Wencheng, Herkunftsort der Frau, gilt als Stammland organisierter Verbrechergruppierungen. Aber Achtung: Hier bewegen wir uns auf dem sehr dünnen Eis der Spekulation. Möller sagt dazu nur so viel: Dafür, dass Schutzgelderpresser die Familie heimgesucht haben mögen oder ein Konkurrenz-Clan im Restaurantgeschäft seinen Einfluss brutal erweitern wollte, gebe es „keine Hinweise bis dato“.

Schulden? Die Finanzverhältnisse der Frau seien „geordnet“ gewesen, sagt Möller. Verdächtiges zeichnet sich nicht ab.

Sonstiges? Ein ausgebooteter Lieferant? Ein im Unfrieden gegangener Angestellter? Ein enttäuschter Geschäftspartner? Rache wegen was auch immer? Der Krimileser darf sich ausmalen, was er will. Der Kriminalist muss bei der Wahrheit bleiben – Möller: Momentan gebe es „keine konkreten Anhaltspunkte zum Motiv“.

Welchen Aufwand treibt die „Sonderkommission Perle“?

Einen enormen. Anfangs waren 70 Leute im Team der SoKo, sie arbeiteten direkt nach der Tat „im Prinzip 24 Stunden“, in den nächsten Tagen „in der Regel bis Mitternacht oder ein Uhr“ und haben mittlerweile Tausende von Überstunden angehäuft. Sie vernahmen 240 Zeugen – Bedienstete, Angehörige, Bekannte, Geschäftspartner; arbeiten bei internationalen Recherchen mit Europol zusammen; werten Handys, Computer, Laptops aus mit einem Datenvolumen von fast vier Terabyte, darunter eine Million Bilddateien und Massen von Mails.

Mit welchen Problemen haben die Ermittler zu kämpfen?

Hinweise aus der Bevölkerung gibt es „leider bis dato sehr wenig“. Ein Beispiel: Am Abend vor dem Mord waren offenbar viele Gäste im Restaurant – „viel mehr, als sich bisher gemeldet haben“. Noch größere Tücke: Viele der Leute, die es zu vernehmen gilt, sprechen chinesisch und sind „im Regelfall kaum bis gar nicht der deutschen Sprache mächtig“. Obendrein pflegen die aus der Provinz Zhejiang stammenden Chinesen einen „solch extremen Dialekt“, dass die meisten Dolmetscher resigniert mit den Schultern zucken. Es dauerte fast zwei Wochen, bis Möller & Co. einen kompetenten Übersetzer gefunden hatten. Viele in der chinesischen Community kommunizieren über ein Programm namens WeChat und verwenden dabei keine leicht entschlüsselbaren Schrift-, sondern Sprachnachrichten, die wegen Dialekt und Hintergrundgeräuschen Rätsel über Rätsel aufwerfen. Dass manche Gesprächspartner der Polizei misstrauisch begegnen, kommt hinzu.

Gibt es vergleichbare Taten?

Die Kripo kooperiert eng mit anderen „nationalen und internationalen“ Dienststellen, um Fälle mit ähnlichem Gepräge zu ermitteln. Bislang sei „ein Muster“ nicht zu erkennen, die Backnanger Tat lässt sich nicht in eine Serie einordnen.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch lange sind nicht alle Datenquellen, Spuren und Zeugenaussagen ausgewertet. Die Polizei wird demnächst Fahndungsplakate überall dort, wo es asiatische Gewerbebetriebe gibt, aufhängen und einen Aufruf in einem vielgelesenen chinesischsprachigen Handelsblatt und via WeChat veröffentlichen. Damit lassen sich „Millionen bis fast Milliarden“ Leute erreichen.

Täterwissen

Dass die Polizei sich mit der Preisgabe von Details rund um den Mord derzeit sehr zurückhält, hat nichts mit sinnloser Geheimniskrämerei zu tun, sondern ist ermittlungstaktisch notwendig. Angenommen, die Fahnder hören ein Telefonat ab oder befragen einen Zeugen und bekommen Einzelheiten zum Tathergang zu hören, die nie in den Medien erschienen sind – dann handelt es sich um „Täterwissen“: Fakten, die nur jemand kennen kann, der den Mord selber begangen oder mit dem Mörder gesprochen hat. Das kann entscheidend sein für die Überführung – würde die Polizei zu früh zu viel veröffentlichen, könnte sich ein Verdächtiger herausreden: Das habe ich in der Zeitung gelesen.