Winnenden

Tote in China-Restaurant: War die China-Mafia am Werk?

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Der Mord in Backnang geschah in der Nacht auf den 4. März 2016. © Büttner / ZVW

Backnang. Mord in einem Restaurant. Da muss die Mafia, da müssen Schutzgelderpressungen dahinterstecken, lauten die typischen Schnellurteile. Ein chinesisches Restaurant? Na, dann waren’s die Triaden. Moment! Wer sind „die“ Triaden überhaupt und haben „die“ überhaupt Einfluss in Deutschland und Europa? Es folgt eine vom Backnanger Fall mehr schlecht als recht losgelöste Recherche.

„Organisierte chinesische Kriminalität? Da kontaktieren Sie am besten Prof. Barend ter Haar, der über die Triaden geforscht hat. Er lehrt jetzt in Oxford.“ Der Tipp der Heidelberger Sinologie-Professorin Barbara Mittler am Telefon wäre für jeden Hobby-Sherlock-Holmes elektrisierend gewesen. Barend ter Haar, ein Triaden-Experte und dazu noch Holländer?! War die in der Nacht auf den 4. März 2016 ermordete Seniorchefin des Backnanger China-Restaurants nicht auch holländische Staatsbürgerin gewesen?!

Ritual und Mythologie der chinesischen Triaden – der Titel von Barend ter Haars Buch hörte sich geheimnisvoll und vielversprechend an, doch die Antwortmail des Oxford-Professors war zwar ehrlich, aber ernüchternd:

Der Organisierungsgrad der Verbrecher wird übertrieben

„Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss. Ich habe ein Buch geschrieben über die chinesischen Triaden (..., weniger aber über kriminologische Aspekte), das veröffentlicht worden ist, als ich in Heidelberg war (1998).“ Es sei zwar nett, dass die Leute dort sich an ihn erinnern, aber er habe über das Thema seit fast zwei Jahrzehnten nun nicht mehr geforscht. Außerdem: Laien dächten häufig sehr schnell an die Triaden. Bei dem Backnanger Fall deute nichts in Richtung organisierte Kriminalität einer anspruchsvollen, ausgeklügelten Art (unsere Anfrage-Mail hatte Links zu Presseartikeln zu dem Fall enthalten, inklusive des vogelwilden und nicht bestätigten Gerüchts, das Mordopfer sei geknebelt und gefesselt gewesen, Anm. d. Red.).

„Grundsätzlich gesehen, scheint der Organisierungsgrad des chinesischen Verbrechens viel zu sehr übertrieben zu werden“, so Prof. Barend ter Haar.

Viel maßgeblicher sei die Verschlossenheit der chinesischen Community, die deshalb den Anschein erwecke, gegen die Polizei zu konspirieren, stattdessen aber einfach nur kein Vertrauen in Sicherheitsbehörden allgemein habe. Dies aufgrund einschlägiger Erfahrungen in der asiatischen Heimat oder aber weil einige der chinesischen Migranten in Europa keinen legalen Status hätten. „Schutzgeld, Spielschulden und so weiter könnten Gründe für gewalttätige Vorfälle dieser Art (wie in Backnang, Anm. d. Red.) sein.“ Dann wäre hier eine Warnung beabsichtigt gewesen, wenn man eine Inszenierung des Mordes, wie die Gerüchte behaupten, annähme. „Die Frage wäre dann, Warnung an wen?“

Zum Zeitpunkt unseres Mailkontakts war die Herkunft des Backnanger Mordopfers noch unklar. Die meisten Überseechinesen in Europa und den USA kommen aus Südchina, aus der Region Kanton, Hongkong oder der Provinz Fujian. Seine Mail schloss Prof. Barend ter Haar aber mit den Worten: „Sie könnte auch aus der Region Wenzhou/Qingtian (Provinz Zhejiang) kommen, eine althergebrachte Region der Emigration. Viele Restaurants in Holland sind von Leuten von dort gegründet worden, und ich weiß, dass Leute von dort sich auch anderswo in Europa niedergelassen haben.“

Sprachbarrieren wichtiger Grund für die Komplexität der Ermittlungen

Und tatsächlich: Wenig später gab das Polizeipräsidium Aalen auf Nachfrage auf einer Pressekonferenz bekannt: Das Mordopfer von Backnang kommt ursprünglich aus dem Distrikt Wencheng der Provinz Zhejiang. Wencheng liegt in der Nachbarschaft der Wenzhou/Qingtian-Region, gehört aber zum Verwaltungsgebiet der bezirksfreien Stadt Wenzhou und kann dieser auch kulturell zugerechnet werden. In Zhejiang werden verschiedene lokale und sublokale Ausprägungen der sogenannten Wu-Dialektgruppe gesprochen. „Wenzhounesisch“ und „Wenchengnesisch“ sind zwar im Detail unterschiedlich, gehören aber zur selben Dialektuntergruppe, genannt „Oujiang“. Mit Hochchinesisch haben alle für sich genommen genauso wenig zu tun wie vielleicht Holländisch mit Hochdeutsch.

Die Sprachbarrieren sind ein wichtiger Grund für die Komplexität des Ermittlungsverfahrens. Die 70-köpfige Soko Perle hat die Mammutaufgabe, mit nur einem dialektkundigen Übersetzer ungezählte Korrespondenzen des Mordopfers und seines Umfelds über die WeChat-App zu entschlüsseln und zu verstehen. WeChat ist das chinesische Pendant zu WhatsApp im Westen. Und auf WeChat wird nicht nur mittels Text-, sondern auch Sprachnachrichten kommuniziert.

Erschwerend hinzu kommt: Das Umfeld des Mordopfers ist riesig. Die 53-Jährige war Familienmitglied eines weitverzweigten Clans, der ein über ganz Europa gespanntes Netz aus Gaststätten betreibt: Neben China und Deutschland sind die Niederlande, Italien, Spanien, Ungarn als die wesentlichen Standorte zu nennen. Ein Bruder der Frau eröffnete 1985 in den Niederlanden ein Restaurant, die Schwester folgte ihm 1991 dorthin. 1999 übersiedelte sie nach Deutschland und setzte in Backnang die Familientradition fort. Schließlich war sie die vergangenen Jahre „nur noch“ die Seniorchefin gewesen, die ab und zu vorbeischaute. Der Sohn führte das Backnanger Restaurant und führt es nun weiter.


In Hamburg und den Niederlanden waren die 1990er die Hochzeit der 14-Karat-Triade aus Hongkong

Blutbad in China-Restaurant „Lin Yue“ im niedersächsischen Sittensen im Februar 2007. Der Focus berichtete: „Alles deutet darauf hin, dass die drei Frauen und vier Männer ... lautlos und brutal von Mitgliedern der Triaden hingerichtet worden sind.“ Am Ende kam heraus, dass es eine Raubtat gewesen war und die fünf 2009 verurteilten Täter Vietnamesen aus Bremen und Bremerhaven waren.

Das Hamburger Abendblatt versuchte am 7. Februar 2007 trotzdem spekulativ bezugnehmend auf Sittensen an Vorgänge der 1990er Jahre in der Hansestadt zu erinnern: „Schutzgelderpressung: Bis zu 100 Fälle in der Hansestadt – siebtes Opfer erlag Schüssen in China Restaurant – noch nicht alle Toten identifiziert.“ Damals, Mitte der 1990er, war ein blutiger Machtkampf zwischen zwei chinesischen Banden, „Wo Shin Wo“ und „14 Karat“ (14K), entbrannt. Neun von zehn chinesischen Restaurant-Betreibern in Hamburg seien in einem von Drohungen und Gewalt geprägten Schutzgeldnetz gefangen. Beiden Banden wurden Verbindungen bis zu ihren Stammsitzen in Hongkong nachgesagt. Sie galten in den 1990ern als die weltweit aktivsten chinesischen Verbrechersyndikate. Doch 2007 konnte die Hamburger Polizei auffällige Aktivitäten chinesischer Banden in der Hansestadt nicht mehr bestätigen, so das Hamburger Abendblatt.

In den Beneluxstaaten wetteiferten in den 1980ern und 1990ern die Banden „14K“ sowie Ah Kong und Ah Ping aus Hongkong und Kanton um die Vormachtstellung im Drogenhandel (Heroin, Ecstacy) und Glücksspiel (Spielcasinos), beim Menschenschmuggel und der Zwangsarbeit sowie bei der Schutzgelderpressung und Geldwäsche. Bis in die 2000er Jahre hinein stammten 90 Prozent der in den Niederlanden beschlagnahmten Ecstasy-Vorprodukte PMK und BMK aus kriminellen chinesischen Kanälen (Quelle: ein Themenpapier des EU-Parlaments, 2011).

Mitte Oktober 2012 nahm die spanische Polizei den mutmaßlichen chinesischen Mafia-Boss Gao Ping in Spanien fest. Die Ermittler brachten Steuerhinterziehungen beziehungsweise Schwarzgeldtransaktionen in Höhe von 35 Millionen Euro, Gewalttaten, Erpressung, Bestechung, Drogenhandel, Menschenschmuggel und Zwangsprostitution zur Anklage. Viele der 170 000 chinesischen Einwanderer in Spanien stammen aus der Provinz Zhejiang, Region Qingtian (Quelle: www.voxeurop.eu).

Mitte März 2015 vermeldete Die Welt: „Die Banca Privada de Andorra (BPA), die drittgrößte Privatbank des Steuerparadieses, kam (wegen Drucks der USA) unter staatliche Fittiche. Einem kurz zuvor veröffentlichten Bericht des US-Finanzministeriums zufolge soll die Bank Gelder aus dem organisierten Verbrechen gezielt nach Lateinamerika geleitet haben. Hochrangige BPA-Manager sollen dafür hohe Bestechungssummen von russischen und chinesischen Banden kassiert haben.“ Der Mafiaboss Gao Ping soll einer der Topkunden der BPA gewesen sein.

Im Oktober 2013 mussten sich die Münsteraner Ermittler der Fernsehkrimi-Reihe „Tatort“ mit „der China-Mafia“ auseinandersetzen. Buchautor Berndt Georg Thamm machte mit Focus Online den Realitätscheck und erläuterte, es gebe rund 60 „Triaden“ weltweit. Es bestünden zwar Vernetzungen untereinander, aber die Gruppen gehörten nicht zusammen. Einen Boss der Bosse gebe es nicht und auch keinen deutschen Triadensitz, aber Dependancen verschiedener Gruppen in Paris, in Großbritannien und in den Niederlanden.

Im Juni 2015 erhob die Staatsanwaltschaft von Florenz in Italien Anklage gegen rund 300 Chinesen, die zwischen 2007 und 2010 insgesamt 4,5 Milliarden Euro Schwarzgeld außer Landes geschafft haben sollen. Die Angeklagten: Verantwortliche krimineller Machenschaften in der China-Town Italiens, der Textilfabrik-Stadt Prato, wo vor allem Chinesen arbeiten. Anklagepunkte: „Ausbeutung illegal eingewanderter Arbeitskräfte, Fälschung von Markenprodukten und Lederwaren, Schmuggel, Diebstahl und Zuhälterei. Dazu typisch mafiose Delikte: Damit Mitwisser ihre Schweigepflicht befolgen, sollen sie mit Drohungen eingeschüchtert worden sein“, berichtete die österreichische Zeitung Die Presse.

„Ein Teil der Gelder sei an eine große Import-Export-Firma in Wenzhou geflossen, jener Stadt, aus der die meisten chinesischen Italien-Migranten stammen. (...) Ihr Eigentümer: eine Investmentfirma, die der Kommunalverwaltung von Wenzhou gehört.“

Oft weder Geheimgesellschaft noch Riten

„Seien Sie vorsichtig mit voreiligen Schlüssen. Es gab in den chinesischen Gemeinden Europas in den vergangenen Jahren meines Wissens keine bemerkenswerte Anzahl von ähnlichen Morden in Deutschland oder den Nachbarländern. Ich kann mich zwar an vereinzelte Morde in chinesischen Restaurant-Umfeldern erinnern, beispielsweise in den Niederlanden, das war aber vor vielen, vielen Jahren, wo schlichtweg Rache die Motivation gewesen ist“, sagt ein Ermittler, der es wissen muss. Er arbeitet bei einer übergeordneten Polizeibehörde in Europa und beschäftigte sich lange Jahre mit der organisierten Kriminalität. Er will namentlich nicht genannt werden.

„In dem einen Fall war ein Angestellter gekündigt worden und hatte Streit mit dem Restaurantbetreiber wegen ausstehender Lohnzahlungen. Er holte sich ‘Hilfe’ aus suspekten Kreisen. Die Sache eskalierte und endete mit Mord.“ In einem anderen Fall war es ein ausgebooteter Lieferant, der sich rächen wollte.

Mit den historisch gewachsenen Triaden oder traditioneller organisierter Kriminalität hätten Mordfälle im chinesischen Migrantenumfeld in Europa jedenfalls nie zwangsläufig etwas zu tun, auch wenn es so erscheine.

Triaden aus Hongkong, Kanton Macao und Singapur seien teilweise in den 1960ern und 1970ern noch in Europa aktiv gewesen. Heute sind sie es vor allem noch in den großen China Towns im angloamerikanischen Raum (USA, Kanada, Großbritannien, Australien).

Bis in die 1980er und 1990er hinein machten dann schlichtweg konkurrierende chinesische Banden hie und da von sich reden, etwa in Paris, in Amsterdam oder Hamburg – Gangs vergleichbar mit Rockerbanden, die zwielichtige Geschäfte, Drogen- und Menschenhandel und Erpressungen organisieren. Diese Gangs hätten mit den traditionellen Triaden, also Geheimgesellschaften mit Initiationsriten, nichts zu tun. Dazu mehr auf Seite 2.

Heutzutage seien es in der Kern-EU vor allem Italien und Spanien, die sich chinesischer OK erwehren müssten.