Winnenden

„Unser Gedenken soll anderen helfen“

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Amoklauf Winnenden Gedenken 11.03.2020 2020 Holzwarth_0
Das Gedenken im Stadtgarten: Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth spricht vor dem Ring-Memorial, hinter ihm drei Jugendgemeinderäte. © ZVW/Gaby Schneider
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Albertvilleschule
Die Albertville-Schule hält am 11. März ein schulinternes Gedenken mit Angehörigen der Opfer und geladenen Gästen ab. Statt Unterricht finden verschiedene Gewaltpräventionsprojekte statt. © Gaby Schneider

Winnenden.
Ruhig und teils vorsichtig begrüßten sich die Besucher des öffentlichen Gedenkens im Stadtgarten – in Zeiten des umgehenden Coronavirus streckten manche erst gar nicht die Hand zum Gruß aus, nickten nur einander zu. Andere fragten, ob das Händeschütteln erwünscht sei. Wieder andere umarmten einander ohne Zögern – zu emotional, zu wichtig war ihnen die Berührung, die ohne Worte so viel Trost und Zusammenhalt schafft.


Unsere gesamelte Berichterstattung zum Amoklauf finden Sie unter zvw.de/amoklauf.


Als das Glockenläuten aller Kirchen in der Stadt verklungen war, richtete Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth das Wort an die still Versammelten: „An diesem Tag rücken wir in Winnenden besonders eng zusammen – ob hier im Stadtgarten in Gedanken oder in der Albertville-Schule.“ Mehrere Hundert Menschen standen in einem weiten, aber nicht geschlossenen Kreis um die Gedenkstätte, den gebrochenen Stahlring. 15 weiße Rosen, für jeden beim Amoklauf vor elf Jahren Getöteten eine, standen auf dem Memorial.

„Wir machen uns bewusst, dass an anderen Orten der Welt schreckliche Kriegshandlungen oder Amoktaten geschehen sind, wir fühlen uns mit ihnen vereint“, spannte Holzwarth in seiner kurzen Ansprache einen weiten Bogen, erwähnte die sich ebenfalls rund um den Globus verbreitende Viruswelle, durch die auch Tote zu beklagen seien. Und in Deutschland auch wieder rechtsradikale Terrorakte, in Kassel, Halle und Hanau. „Wir wünschen uns, dass unser Gedenken anderen hilft, die Schreckliches zu erleiden hatten.“

Die Jugendgemeinderäte Florian Laller, Briska Wahlenmaier und Flora Nasseri lasen die Namen der Getöteten vor: Jacqueline Hahn, Stefanie Kleisch, Selina Marx, Viktorija Minasenko, Nicole Nalepa, Chantal Schill, Jana Schober, Kristina Strobel, Ibrahim Halilaj, Michaela Köhler, Nina Mayer, Sabrina Schüle, Franz Just, Denis Puljic, Sigurt Wilk.

Pfarrer Philipp Essich hatte ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer ausgewählt, „Gott, zu dir rufe ich“, bevor alle gemeinsam das Vaterunser beteten. Die Musiker Susanne Kiefer (Querflöte), Michael Kiefer (Oboe) und Michael Roser (Fagott) spielten ein Largo von Antonio Vivaldi. „Danke für die Wohltat der Musik“, sagte Hartmut Holzwarth, bevor er zum anschließenden ökumenischen Gottesdienst in der Schlosskirche einlud.

Einige blieben am Memorial, um das Gedenken für sich fortzusetzen und Blumen abzulegen. Auf der Innenseite des Rings sind die Namen der Getöteten angebracht. Einzelne Lettern mussten erneuert werden, weshalb sie noch nicht den edlen Rost des Cortenstahls tragen. 2014 wurde der gebrochene Ring mit einem Durchmesser von sieben Metern im Stadtgarten aufgestellt. Der Pfälzer Künstler Martin Schöneich hat ihn entworfen – ein Teil des Rings ist nach oben gebogen, Sinnbild fürs Aufrichten, Aufbäumen, Nicht-Erstarren.

In der Albertville-Schule: Interne Veranstaltung und Gewaltprävention

Während viele nach dem 20-minütigen Gedenken in die Schlosskirche oder an ihren Arbeitsplatz gingen, begaben sich die Zehntklässler der Albertville-Realschule in ihre Schule zurück. Sie hatten vor dem Glockenläuten eine Menschenkette zwischen dem Stadtgarten und der Schule gebildet, ein 2019 erstmals gezeigtes Symbol der Verbundenheit. Aus hygienischen Gründen hielten sie sich dieses Mal aber nicht an den Händen.

In der Albertville-Schule findet das Gedenken immer geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit statt. Es hatte gleich am Morgen mit Musik von der Mundharmonikaklasse und der Schulband, einem Grußwort des Schulleiters Sven Kubick und einer Andacht begonnen. „Wie jedes Jahr zünden Schüler Kerzen an und lesen die Namen der Opfer vor“, sagte Kubick, von unserer Zeitung dazu befragt. „Ein Teil des Gedenkens wird auch für mich eine Überraschung sein, gestaltet von unseren Religionspädagogen.“ Auf dem „Lehrplan“ stehen an diesem Tag für jede Klasse lediglich Gewaltpräventionsprojekte.

Die Albertville-Schule gestaltet jedes Jahr vor dem Gedenktag eine Karte, mit der sie einlädt – Angehörige, aber auch Vertreter vom Kultusministerium und vom Schulamt. „Dieses Jahr zeigt sie das Ölbild von Hans-Peter Schmücker mit brennenden Kerzen, das bei uns in der Bibliothek hängt“, sagt Sven Kubick, „als Motto haben wir Worte von Albert Schweitzer gewählt: „Das Leben lieben, am Schönen sich freuen, die Zeit genießen und nichts bereuen. Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen.“

Wie jedes Jahr war der Gedenkraum der Schule für ehemalige Schüler, Angehörige der Opfer und die Schulgemeinschaft geöffnet. Pfarrer Dr. Karl Braungart war als Seelsorger anwesend, da auch nach elf Jahren nicht auszuschließen ist, dass ein Trauma wieder ausgelöst wird.

Es kommt nicht mehr oft vor, aber wann immer sich ein Betroffener an die Schule wendet, „versuchen wir weiterzuhelfen“, so Sven Kubick. Meist ist der beste Weg, sich an die schulpsychologische Beratungsstelle im Staatlichen Schulamt in Backnang zu wenden, wo eine Mitarbeiterin auch schon 2009 mit der Traumaarbeit befasst war.

Im Landtag fordert Willi Halder schärfere Waffenkontrollen

Am Nachmittag hieß es für die Schulleitung samt Schulsekretariat: business as usual. Das Kultusministerium legt immer landesweit die Anmeldetermine für die neuen Fünftklässler fest. Sie sind für Realschulen dieses Jahr auf den 11. und 12. März gefallen. „Wir können damit leben und bekommen das auch hin“, sagt Kubick. Der dieses Jahr, anders als am Jahrestag, als Teilnehmer des Gedenkens im Stadtgarten kaum politische Prominenz begrüßen konnte. Auch waren auffällig wenige Kameras postiert. Doch der Winnender Grünen-Abgeordnete Willi Halder trug den elften Jahrestag und welche Lehren daraus gezogen werden müssen einmal mehr in den Landtag nach Stuttgart. Zusammen mit dem innenpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion, Uli Sckerl, forderte Halder strengere Regeln für Waffenbesitzer. „Wir halten engmaschigere Kontrollen durch die Waffenbehörden für notwendig.“ Bei der Zulassung von Waffen müsse die persönliche Eignung des Waffenbesitzers stärker in den Blick genommen werden. Außerdem müsse diskutiert werden, in welchem Umfang Waffen im Besitz privater Schützen sein dürften. Seit dem Amoklauf von Winnenden seien mehr als 80 Menschen durch Waffen von Sportschützen getötet worden.

2009 hat ein 17-Jähriger mit der nicht weggeschlossenen Pistole des Vaters an seiner ehemaligen Schule in Winnenden acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen getötet. Auf seiner Flucht erschoss er drei weitere Männer und sich selbst. 2008 berichtete der Junge von einer psychischen Störung.