Winnenden

„Unsere Kulturlandschaft ist in Gefahr" - Regeln für Gartenstückle zu streng?

Obstbauringwinterbach
Von Pilz befallener Obstbaum. Was, wenn sich niemand mehr um die Stückle kümmert, weil Hütten und Spielzeug verboten sind und der Freizeitwert sinkt? So argumentieren die Obst- und Gartenbauvereine in Leutenbach. (Symbolfoto) © Gaby Schneider

Sind die Vorschriften für die Bebauung von Gartengrundstücken im Außenbereich noch zeitgemäß? Oder bewirkt die Baurechtsbehörde in Winnenden mit ihrem Vorgehen gegen Schaukeln, Hütten und Co. das genaue Gegenteil von dem, was sie bezwecken will? So argumentieren jedenfalls die Obst- und Gartenbauer in Leutenbach. Sie sehen in verwehrten Baugenehmigungen und Aufforderungen zum Rückbau ebenso eine Gefahr für die Kulturlandschaft wie in Flächenversiegelung, Klimakrise, demografischem Wandel, gesunkenen Obstpreisen, Bürokratie und Schädlingsbefall.

Treffen mit Landes- und Kommunalpolitikern in Schwaikheim

Das geht aus einem Schreiben der Obst- und Gartenbauvereine in Leutenbach, Nellmersbach und Weiler zum Stein hervor, die sich zur „Interessengemeinschaft Gartengrundstücke im Raum Winnenden, Leutenbach und Schwaikheim“ (IG) zusammengeschlossen haben. Der Brief richtete sich an die Oberhäupter von Land, Kreis und Kommunen – und mündet jetzt in einen „ersten Dialog“, wie IG-Sprecher Georg Spinner unserer Redaktion mitgeteilt hat. Das Treffen der Obst- und Gartenbauern mit Landtagsabgeordneten, Vertretern des Landkreises und den Rathauschefs der Kommunen Winnenden, Leutenbach und Schwaikheim soll am kommenden Mittwoch (1. Februar) im Schwaikheimer Rathaus stattfinden.

Verhärtete Fronten und kilometerweit auseinanderliegende Interessen dürfte es dort eigentlich nicht geben. Zuletzt haben die Stücklesbesitzer schließlich Unterstützung aus dem Landtag erfahren. Die Waiblinger Landtagsabgeordnete Swantje Sperling (Grüne) fordert gemeinsam mit Dr. Markus Rösler, dem naturschutzpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, eine „zeitgemäße Bewertung der Geschirrhütten im Streuobstanbau“.

Kuriose Fälle, „knausrige“ Regeln, grüner Vorstoß aus dem Landtag

Die im Gemeindeverwaltungsverband (GVV) organisierten Kommunen haben ihr Vorgehen zwar immer wieder verteidigt – OB Holzwarth nannte in einer Sitzung des Verbands im Dezember ein besonders kurioses Beispiel: Jemand habe sich auf Markung Schwaikheim eine Grube gegraben, um Autos zu reparieren, und diese zur Tarnung mit Zweigen abgedeckt – aber auch signalisiert, sich beim Land für eine Lockerung einsetzen zu wollen. So hatte beispielsweise die Schwaikheimer Bürgermeisterin Astrid Loff gesagt: „Die Regeln waren knausrig, heutzutage sind sie noch knausriger, dabei haben wir doch die Verantwortung, die Obstwiese auch attraktiv für die nächste Generation zu machen.“

Die Frage ist: Wie? Denn viele Vorschriften, so umstritten sie heute auch sein mögen, lassen sich auf kommunaler Ebene nicht ändern. Swantje Sperlings Idee lautet: „Sondergebiete für Streuobst und Erholung“ ausweisen. Der Gedanke dahinter: Menschen, die sich mit viel Liebe um Sondergebiete kümmern, dürfen auch eine Hütte bauen, die groß genug ist, um darin einen Aufsitzrasenmäher und noch ein paar andere Geräte unterzubringen.

Wohnungsbau, Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen

In diese Kerbe hauen auch die Obst- und Gartenbauvereine in Leutenbach und ihr Sprecher Georg Spinner. „Unsere Kulturlandschaft ist in Gefahr“, heißt es im ersten Satz des Schreibens an die Amtsträger in der Kommunal-, Kreis- und Landespolitik. „Durch gesellschaftliche Veränderungen und unter dem Druck der Wohnraumverdichtung“ seien „viele Streuobstwiesen (...) verschwunden“.

Auch Hausgärten zur Selbstversorgung würden wegen der dichten Bebauung immer weniger. „Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels in Form von Hitze, Stürmen und Überflutungen, die sich auf unsere Natur auswirken und den Erhalt unserer Streuobstwiesen und Gartengrundstücke nachhaltig negativ beeinflussen“, schreibt die IG Gartengrundstücke.

Viele junge Grundstückserben hätten, zum Beispiel aus beruflichen Gründen, die Heimat verlassen und kümmerten sich nicht mehr um die Streuobstwiesen. Der „hohe Aufwand, die ständige Erhöhung der Bürokratieflut“, etwa bei der Bio-Zertifizierung, stünden in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag aus der Bewirtschaftung, auch wegen des Verfalls des Mostobstpreises sowie zu geringer Zuschüsse und Förderungen.

Weiter heißt es: „Schon heute befinden sich viele Streuobstwiesen durch weitere nachteilige Faktoren in einem schlechten Zustand. Hierzu zählen vor allem der Mistelbefall, Rindenbrand oder die Überwucherung mit Brombeerhecken. Fehlender regelmäßiger Baumschnitt lässt zudem ertragreiche Bäume frühzeitig in die Alternanz gehen, Grundstücke verwahrlosen. Befallsdruck von Schädlingen, Diebstahl von Anbaugütern auf den Streuobstwiesen und Gartengrundstücken, ignorierte Betretungsverbote sowie Hundekot leisten ihr Übriges.“

Spinner: Manche geben den „Kampf zum Erhalt unserer Kulturlandschaft“ auf

Zu all dem kämen hinzu die „Forderungen nach Rückbau von Geschirrhütten, von Wassertanks, Verboten von Spielgeräten und viele andere Vorschriften und Regelungen, die die Grundstückseigentümer verärgern und verunsichern. Bürger, die sich zum Teil seit mehr als 50 Jahren um den Bestand ihres Grundstücks, der Gärten und Streuobstwiesen pflegerisch kümmern, geben den Kampf zum Erhalt unserer Kulturlandschaft in Baden-Württemberg auf!“

„Streuobst und Kleingartenwesen schließen Naturschutz nicht aus“

Es könne davon ausgegangen werden, dass „heute zum Teil als Gartengrundstück genutzte Flächen“ nach dem geforderten Rückbau nicht wieder zu klassischen Streuobstwiesen umgewandelt würden. „Diese Grundstücke werden dann vermutlich brachliegen oder nur mangelhaft gepflegt werden“, prophezeit die Interessengemeinschaft. Spinner und Co. schlussfolgern: „Rigide und stringente Durchsetzung des Naturschutzes und Landschaftsschutzgesetzes zum Erhalt natürlicher Lebensräume für Pflanzen und wildlebender Tiere wird der Natur nur in Teilen gerecht. Streuobst und Kleingartenwesen schließen Naturschutz nicht aus.“

Die OGVs aus den Leutenbacher Teilorten wollen mit der Politik „im Sinne und Einklang des Naturschutzes“ Lösungen erarbeiten, „die langfristig unsere Kulturlandschaft schützen und erhalten, jedoch auch Platz bieten für urbanes Gärtnern oder Flächen zur Erholung in der Natur“. Der „Erhalt unserer Kulturlandschaft im Einklang mit dem Naturschutz“ müsse neu überdacht werden, die Gesetze gegebenenfalls neu ausgelegt oder geändert.

Sind die Vorschriften für die Bebauung von Gartengrundstücken im Außenbereich noch zeitgemäß? Oder bewirkt die Baurechtsbehörde in Winnenden mit ihrem Vorgehen gegen Schaukeln, Hütten und Co. das genaue Gegenteil von dem, was sie bezwecken will? So argumentieren jedenfalls die Obst- und Gartenbauer in Leutenbach. Sie sehen in verwehrten Baugenehmigungen und Aufforderungen zum Rückbau ebenso eine Gefahr für die Kulturlandschaft wie in Flächenversiegelung, Klimakrise, demografischem Wandel,

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