Winnenden

Unsere Moscheen: Bei Aleviten beten Frauen mit Männern

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Essenausgabe an einem Muharrem-Abend. © Gabriel Habermann

Winnenden. Über einem Spielcasino an der Grüninger Straße 8 trifft sich die alevitische Gemeinde Winnenden und Umgebung. Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche kommen hier viermal die Woche zusammen. Aleviten gelten als die liberalsten Muslime – die Frauen beten mit den Männern und verbergen ihr Haar nicht unter einem Kopftuch.

„Bei uns gibt es nicht nur den Dede, den männlichen Geistlichen, sondern es kann auch eine Frau sein, die Ana“, sagt Askin Basri. Er ist ein besonderes Mitglied der noch jungen Winnender Gemeinde: Er gibt alevitischen Religionsunterricht für Erst- bis Viertklässler an der Stöckachschule. Durch türkische Gastarbeiter gelangte das Alevitentum nach Deutschland, etwa 700 000 leben hier. Sie tun sich aber nicht mit den anderen überwiegend türkischstämmigen Muslimen zusammen, da sie andere Glaubensgrundsätze haben, erklärt der 1. Vorsitzende der Winnender Gemeinde, Zeynal Güzel. Er arbeitet übrigens wie Musa Kocabas, der 2. Vorsitzende, bei Bosch in Waiblingen.

Bei einem Besuch im Gemeindezentrum wird der Unterschied zu den sunnitischen Muslimen klar. Zwar haben die Aleviten mit Sunniten und Schiiten den Glauben an Allah gemeinsam. „Auch wie die Christen glauben wir an einen Gott“, so Zeynal Güzel. Doch, so eine erklärende Schrift, die Askin Basri dem Besucher in die Hand drückt, sie unterwerfen sich Gott nicht bedingungslos, sondern betrachten den Menschen als ein vor Gott freies Wesen. Daraus entstehe eine Haltung, die geprägt ist von Menschenliebe, Gerechtigkeit, Toleranz, Religions- und Meinungsfreiheit. „Die heilige Kraft des Schöpfers wird vor allem durch den Propheten Mohammed und seinen Ziehsohn Ali, daher der Name Aleviten, sowie deren Nachkommen bis heute übertragen“, sagt Lehrer Askin Basri über die besondere Mystik, die Aleviten letztlich auch von Schiiten unterscheidet. „Die heilige Kraft kann jeder erwerben, sei er Alevit oder Christ, Frau oder Mann.“

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist sicht- und spürbar bei einem Besuch des Gemeindehauses. Während das Essen auf Platten verteilt wird, helfen Männer und Kinder mit. Besucherinnen werden von Männern und Frauen mit Handschlag begrüßt. „Eigentlich hat die Frau eine höhere Stellung als der Mann, denn sie hat die göttliche Fähigkeit, Leben auf die Welt zu bringen“, erläutert der Geistliche Mustafa Düzgün. Wie alle Dedes ist er ein Nachfahre Mohammeds. „Seine Ausbildung erhält er bei Seminaren unseres Dachverbands, und er muss ein Vorbild für die Menschen sein“, sagt Zeynal Güzel. Einen Imam gibt es bei den Aleviten nicht. Sie holen „bei Bedarf“ oder für wichtige Anlässe den Dede. Mustafa Düzgün, der einen Abend in Winnenden mit den Gemeindemitgliedern betete und sprach, lebt in Schweden, am Vortag war er bei einer Gemeinde in Göppingen.

Wenig Verbote: Alkohol und Schweinefleisch erlaubt

Im Gemeinschaftsraum sitzen Männer und Frauen am Abend beisammen, sie beten gemeinsam vor und nach dem Essen. Sie legen dabei ihre Daumen auf den Tisch und halten die Handflächen unter der Tischkante. Es bedeutet, dass sie von Gott das Essen empfangen. Der Geistliche spricht auf Türkisch, ab und zu werfen einzelne Mitglieder „Allah Allah“ ein. Anschließend bleiben die Leute an den Tischen sitzen, räumen auf oder unterhalten sich. Oder sie gehen, wieder bunt gemischt, in den „Cem“, so nennt sich der Raum für den Gottesdienst und die Glaubensrituale. „Beim Betreten des Raums küsst jeder dreimal den Türrahmen“, erläutert Zeynal Güzel, dass dies Allah, Mohammed und Ali gilt und zugleich die Begrüßung aller im Raum ist.

Große bunte Bilder von den verehrten heiligen Männern hängen an der Stirnseite des Saals. Vorne sitzt der Dede, erzählt die Geschichte von den zwölf Imamen. Ein- bis zweimal im Jahr trifft sich die Gemeinde für religiöse Versammlungen, die drei bis vier Stunden dauern können.

Die Gläubigen müssen sich nicht an strenge Vorschriften halten: Wie oft und wo jemand betet, ist seine Sache. Der frühere Vorsitzende des Bunds der alevitischen Jugend, Aliriza Bozkurt, der aus Esslingen zu Besuch ist, um den Dede zu hören, erläutert: „Wir lesen nicht im Koran und anerkennen auch die fünf Säulen des Islam nicht. Wir meinen, sie wurden gemacht, um die Leute zu erschrecken.“

Die Jugend hat im Gemeindehaus ihren eigenen Raum, tobt darin mit Kissen umher, baut kleine Lager oder spielt Computerspiele. Der Kreisjugendring kommt mit seinen Sozialpädagogen regelmäßig, um Wege in die deutsche Gesellschaft zu ebnen. Dieses Jahr standen Ausflüge, ein Theaterstück, Besuch der Lesepaten unter vielem anderem auf dem Programm, beim Elternseminar ging es um Einblicke ins deutsche Bildungssystem und ein anderes Seminar brachte den Erwachsenen Grundzüge der Jugendarbeit bei. Es zeigt: Die Gemeinde ist sehr integrationsbereit. Mehr als die Hälfte der Mitglieder hat die deutsche Staatsbürgerschaft, sagt Zeynal Güzel. Seit drei Jahren nehmen die Aleviten mit Ständen am Citytreff und am Weihnachtsmarkt teil, viermal im Jahr verkaufen sie Kuchen auf dem Wochenmarkt. Sie haben kein Problem damit, Alkohol zu trinken, sagt Zeynal Güzel, „natürlich in Maßen“, und sie essen Schweinefleisch.

Alevitische Frauen und Männer sind selbstbewusst und sie verlangen auch von den Deutschen, dass sie Interesse an ihnen und ihrer Integration zeigen. Die Sprache ist gleichwohl noch oft das Problem: „Ein Deutschkurs für Frauen wäre wichtig, scheiterte aber bislang an den Kosten“, bedauert Lehrer Basri. Er selbst spricht hervorragend Deutsch. „Es war nicht möglich, zehn Frauen zusammenzubringen, die alle abends oder alle morgens Zeit haben“, ergänzt Vorsitzender Zeynal Güzel.

Toleranz: Und Hilfe für Mitmenschen in Not

Basri glaubt: „In naher Zukunft werden wir unsere geistliche Unterweisung auf Deutsch halten, weil die hier geborenen Gemeindemitglieder nicht mehr so gut Türkisch sprechen.“ Er würde es begrüßen, wenn die Imam- und Lehrerausbildung in Tübingen auch die alevitische Lehre berücksichtigen würde. Die Vielfalt der islamischen Richtungen soll jedoch beibehalten werden. „Da wir in Deutschland leben, ist es selbstverständlich, dass Imame auch im deutschen Grundgesetz ausgebildet werden“, so Askin Basri.

Friedlichkeit und die Ablehnung von Gewalt spielen eine ganz große Rolle, übersetzt Lehrer Basri weitere Ausführungen des Dedes. „Die Hand ausstrecken und Versöhnung annehmen wird als Gebet zelebriert.“ Der Wunsch, sich aktiv für Gerechtigkeit einzusetzen, Zivilcourage zu zeigen, ist stark. Gemeindevorstand Zeynal Güzel berichtet, dass die Aleviten sich nach dem Brandanschlag in Winterbach aufgemacht und die betroffenen Familien unterstützt haben. „Wir engagieren uns, auch wenn die Probleme nicht direkt etwas mit den Aleviten zu tun haben“, sagt Lehrer Basri.

Auch innerhalb der Gemeinde herrscht größtmögliche Toleranz: Wer homosexuell ist, gehört ohne Frage dazu. „Das sind Menschen wie wir, wegen biologischer Ursachen wird niemand ausgeschlossen“, übersetzt Lehrer Basri. „Die alevitische Lehre hat eine eindeutige Haltung dazu, sie stellt sich immer auf die Minderheitenposition.“ Beziehungsweise auf die der Unterdrückten. So fühlen sich die Aleviten in der Türkei.

Sie stellen dort laut Wikipedia 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung, sind aber nicht als religiöse Minderheit anerkannt, dürfen keine Gottesdiensträume bauen, ihre Symbole, etwa das gebogene Schwert, sind verboten, es gibt nur sunnitischen Religionsunterricht. „Es gibt eine Bewegung, die versucht, das Problem auf demokratische Weise zu lösen“, sagt der Dede. „Wir sind nicht Feinde des türkischen Staats, aber wir haben ein Problem mit Leuten, die unsere Identität nicht akzeptieren wollen.“