Winnenden

Vier Familien verlieren ihre Bleibe

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Von außen sieht man dem gelben Haus nicht an, dass die Decken und Wände nach einem Wasserschaden einsturzgefährdet sind. © Palmizi / ZVW
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Ein ehemals tragender Balken im Bad einer der betroffenen Familien.

Winnenden. Von außen ist dem gelben Haus mit den weißen Fenstern nichts anzusehen. Es steht zwischen Innenstadt und Bahnhof, wurde vor sieben Jahren renoviert und hat bis Dienstagmittag vier Familien beherbergt. Alle 13 Personen mussten nun auf Druck der städtischen Baurechtsbehörde ausziehen. Der Vermieter ist der Meinung, er müsse für die Ersatzwohnung seiner Mieter nicht aufkommen und ihnen auch keine besorgen.

Den Mietern selbst war es immer mulmiger geworden in dem Haus. In den Wänden und Decken klafften Risse, die immer breiter und länger wurden. Sie schalteten vor zwei Wochen die Stadt ein. Die Besichtigung durch den Baukontrolleur offenbarte einen dramatischen Zustand: Beide Geschossdecken könnten einstürzen, so die Erkenntnis vor zehn Tagen. Ein Wasserschaden, dessen Ursache offenbar lange nicht beseitigt wurde, hat das Tragwerk des Fachwerkhauses beschädigt, ein wichtiger Balken ist komplett durchgefault, so dass er eine Wand über alle drei Stockwerke nicht mehr verlässlich halten kann.

Der Vermieter wurde daraufhin von der Stadt dazu verpflichtet, die Wand zu stützen und den Schaden zu beheben. Metallpfosten standen seitdem in den Wohnungen. Nach vier Tagen stellte die Baukontrolle jedoch fest, dass die Sicherungen nicht ausreichend waren.

Als der Vermieter nach einer neuerlichen Drei-Tages-Frist die Standsicherheit und eine baldige Renovierung des Hauses wieder nicht nachweisen konnte, verfügte das Baurechtsamt am Freitag, dass die Bewohner sofort ausziehen müssen, um sich nicht weiter der Lebensgefahr auszusetzen. Andernfalls droht dem Vermieter ein Zwangsgeld in Höhe von 2000 Euro.

Eine Familie hat das Wochenende im Hotel verbracht

Der Anordnung kam jedoch nur eine Partie nach und zog übers Wochenende in ein Winnender Hotel, in der Annahme, der Vermieter übernehme die Rechnung von mehr als 350 Euro. Dieser weigerte sich und verlangte, dass sich die Familie eine günstige Pension nehme, in eine Wohnung im Umland ziehe oder bei Verwandten Unterschlupf suche. Sie sucht nun per Zeitungsannonce und fragte bei der Baugenossenschaft Winnenden, obwohl diese eine Warteliste führt.

Vermieter meint, er sei nicht schuld an der Obdachlosigkeit

Der Vermieter, von unserer Zeitung zu dem Fall befragt, ist der Meinung, er müsse für die Ersatzwohnung seiner Mieter nicht aufkommen und ihnen auch keine besorgen, dies habe ihm sein Anwalt so auch gesagt. Er fühlt sich selbst als der Geschädigte, weil seinen Handwerkern angeblich der Zugang zu einer Wohnung mit Wasserschaden im Oktober zwei Wochen lang durch Mieter verwehrt worden sei. Erst Anfang November konnte die erste Reparatur in einem Bad gemacht werden, danach stellte man fest, dass nicht nur eine, sondern alle Wohnungen betroffen seien.

Dass die 13 Erwachsenen und Kinder nun obdachlos werden, sei also nicht seine Schuld, erklärt der Vermieter aus Winnenden. „Und woher sollte ich nun freie Wohnungen nehmen? Ich bin doch kein Hexer. Die Mieter und die Kommune müssen eine Wohnung suchen. Und Hotelkosten kann ich auch nicht übernehmen, das kostet mich für alle Mieter ja Tausende. Bis die Renovierung geschafft ist, dauert es mindestens drei Monate“, macht er sich am Telefon Luft. Er ist jedenfalls bereit, auf eine Monatsmiete zu verzichten.

OB Holzwarth: Vermieter ist in der Pflicht, Wohnraum zu stellen

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth glaubt, zunächst müsse der Vermieter den geltenden Mietvertrag erfüllen. Komme der Vermieter seiner Pflicht nicht nach, seien an zweiter Stelle die Mieter gehalten, sich selbst zu helfen, auf dem freien Wohnungsmarkt zu suchen oder bei Verwandten und Bekannten nach Unterschlupf zu fragen. „Erst wenn hier auch nichts geht, sind wir als Stadt in der Pflicht mit der Unterbringung“, sagt Holzwarth. „Das sind aber wirklich nur Notquartiere, keine Wohnungen zur Miete. Wir haben schon 100 Parteien auf der Warteliste.“

Der Gemeindevollzugsdienst der Stadt zeigte am Dienstagmittag den vier Familien, die alle in dem Haus übernachtet hatten, diese Notquartiere. „Danach hatte jede eine individuelle Lösung“, informiert Holzwarth am Nachmittag. Eine Familie hat eine neue Wohnung gefunden. Die anderen wohnen vorübergehend bei Freunden und Verwandten, eine zieht in eine Pension.


Mieterpflichten

Das Internetportal www.mietminderung.org führt an, dass es bei Unbewohnbarkeit „der Initiative des Mieters obliegt, sich selbst eine Ersatzwohnung zu beschaffen. Der Vermieter muss dem Mieter eventuell entstehende Mehrkosten ersetzen, weil er den Mietvertrag nicht erfüllen kann. Und zwar so lange, bis der Vermieter den Mietvertrag ordentlich kündigen kann. Als Schadensersatz kommt auch die Erstattung eventueller Maklerkosten und des Umzugsaufwandes in Betracht.“

Soweit der Vermieter freiwillig eine Ersatzwohnung anbietet, kann der Mieter dieses Angebot annehmen. Dann ist aber keine Mietminderung mehr für die alte Wohnung möglich.