Winnenden

Von Kindern im Knuddels-Chat Nacktbilder verlangt

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen/Winnenden. Im Chat hat ein heute 28-Jähriger vier Mädchen aufgefordert, ihm Fotos von ihren Brüsten zu schicken. Amtsrichter Blattner verurteilte den Mann zu elf Monaten Haft auf Bewährung, kontrolliert von einem Bewährungshelfer und mit der Auflage, sich um eine geeignete Psychotherapie zu kümmern.

Die Taten des ledigen Winnenders sind innerhalb eines halben Jahres zwischen 2014 und 2015 geschehen. Sie wurden von Eltern eines zwölfjährigen Mädchens in Nordrhein-Westfalen angezeigt. Sie fanden bei ihrem Kind, das sich offenbar nicht nur mit engen gleichaltrigen Freunden auf knuddels.de, einem Chatforum für Jugendliche ab 14 Jahren, unterhielt, zwei Fotos vom erigierten Penis des Mannes. Jener hatte von dem Mädchen Fotos ihrer Brüste angefordert und damit gedroht, wenn sie sie nicht schicke, passiere ihrer Familie etwas. Dieser war der schwerste der fünf angeklagten Fälle.

Polizei holt Angeklagten zu Hause ab

Die Polizei kam, als sie einmal die Anzeige hatte, dem Absender relativ leicht auf die Spur, er hatte das Handy seiner Schwester benutzt. Im Juni 2016 durchsuchte die Winnender Polizei die Wohnung des Mannes. Sie fand Beweise für diese und weitere Chats, insgesamt mit 522 Personen, und außerdem menschenrechtswidrig entstandene kinder- und jugendpornografische Fotos und Videos, insgesamt 24 Stück.

Volles Geständnis abgelegt

Der Pflichtverteidiger und der Angeklagte sahen sich am Tag der Verhandlung zum ersten Mal. Der 28-Jährige war nie ans Telefon gegangen. Außerdem sagte er, nachdem ihn die Polizei in seiner Wohnung abgeholt hatte, dass er Angst habe, Briefe zu öffnen, und nachts nicht schlafen könne. Das sei der Grund, warum er nicht zum Gerichtstermin erschien.

Nach einer kurzen Besprechung im leeren Flur des Amtsgerichts erklärte der Anwalt, sein Mandant räume alle Anklagepunkte ein. Er habe von den zwölf, 13 und 14 Jahre alten Mädchen Bilder angefordert, sei sich deren Alters bewusst gewesen und habe die von der Polizei sichergestellten Fotos auf sein Laptop heruntergeladen.

Schlimme Bilder gefunden

Als Zeuge lieferte der Polizeibeamte von der Kripo Waiblingen Fakten zur Einordnung des Falls. Über Wochen muss der Angeklagte sehr aktiv in den Chatforen und mit Whatsapp gewesen sein, „es war ihm wohl sehr langweilig, wenn er mit 522 verschiedenen Personen chatten konnte.“ Mit anzüglichen Sätzen versuchte der damals 24-Jährige, Fotos von den Kindern zu bekommen, um seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen. In vier der fünf angeklagten Fälle ist ihm dies gelungen.

Die bei der Hausdurchsuchung gefundenen 24 Fotos und Filme von anonymen Kindern seien schlimm, aber mengenmäßig kein Vergleich zu den Unmengen, die der Ermittler bei anderen Tätern sicherstellen musste, so der Zeuge weiter.

Zwei Jahre von der Hausdurchsuchung zur Gerichtsverhandlung

Der Staatsanwalt schlug Richter Blattner vor, die Freiheitsstrafe von elf Monaten zur Bewährung auszusetzen. „Sie haben eine Entwicklungsstörung der Opfer in einer sensiblen Phase in Kauf genommen“, warf er dem 28-Jährigen vor. Der Pflichtverteidiger hielt dies „für tat- und schuldangemessen“.

Warum die Staatsanwaltschaft nach der Hausdurchsuchung zwei Jahre gebraucht hat, um den Fall vor Gericht zu bringen, konnte deren Vertreter nicht recht erklären. Bisweilen fehlte Personal, manchmal gerieten Akten aus Versehen nicht in die Wiedervorlage. Immerhin: Der Mann war nicht vorbestraft und seit den Vorfällen ist er auch nicht mehr angezeigt worden.


"Unerklärlicher Aussetzer"

Derzeit hat der verurteilte Winnender einen Minijob in einer diakonischen Einrichtung und hofft, dort eine Ausbildung beginnen zu können. Seinen eigenen Bildungs- und Job-Lebenslauf konnte er kaum erinnern, wirkte extrem langsam, fast apathisch beim Antworten.

Warum er das vor vier Jahren gemacht habe, fragte Richter Blattner. „Es waren Aussetzer, die ich mir selber nicht erklären kann. Vielleicht brauche ich eine psychische Behandlung. Seit die Polizei bei mir war, habe ich Angstattacken“, sagte der 28-Jährige.

Früher, als Teenager, sei er selbst auf knuddels.de gewesen. „Das machte damals Spaß. In betrunkenem Zustand bin ich einfach noch mal in das Forum gegangen.“

Den betroffenen Kindern von damals wollte der Richter eine Zeugenaussage ersparen und hatte sie nicht vorgeladen. „Entschuldigen können Sie sich bei ihnen also nicht.“

„Mir ist viel wichtiger, dass so etwas nicht mehr passiert. Sie haben viel Kontakt zu Menschen - haben Sie an denen auch sexuelle Interessen?“, hakte der Richter zur beruflichen Situation nach. Es war die einzige prompte und eindeutige Reaktion des Angeklagten an diesem Nachmittag: „Nee, nee, nee, hundertprozentig nicht. Ich wäre auch nie zu einem Treffen mit diesen Mädchen gegangen.“