Winnenden

Vorsicht: Dieses Kraut kann für Menschen giftig sein

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Wolfgang Groß guckt sich das Jakobskreuzkraut an der Südumgehung (hier gegenüber von der Ausfahrt aus dem Birkmannsweiler Industriegebiet) genau an. Eine Verwechslung mit Johanniskraut ist ausgeschlossen, die hübsche, aber in hoher Dosierung giftige Staude hat ganz andere Blüten und Blätter. © Munder / ZVW
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Auf der Böschung neben der Südumgehung wachsen auch Disteln (lila, vorne), wilde Möhre (weiß) und Wegwarte (blau) und bieten Insekten bis in den Spätsommer Nahrung. © Munder / ZVW

Winnenden-Birkmannsweiler. Wenn Imker Wolfgang Groß von Leutenbach nach Berglen zu seinem Bienenstand fährt, wird’s ihm angesichts der gelben Blumen an der Südumgehung von Birkmannsweiler mulmig. „Das ist giftiges Jakobskreuzkraut, und wenn es sich weiter verbreitet, wird es ein Problem.“ Das Landratsamt berichtet auf unsere Nachfrage, dass alles zur Eindämmung getan werde.

Video: Wie erkennt man Jakobskreuzkraut?

Wolfgang Groß sollte sich eigentlich freuen, denn das Land hat nach dem Bau der Südumgehung eine Pflanzenmischung ausgesät, die bis in den Herbst hinein Insekten wie Wildbienen, Käfern und Schmetterlingen Nahrung bietet. Darunter befinden sich die in Hausgärten unbeliebten, aber für die genannten Nektarsauger ungemein wertvollen Disteln, auch Wilde Möhre, die Kleine Königskerze, Wegwarte, verschiedene Kleearten, das Johanniskraut – und Jakobskreuzkraut oder auch Jakobsgreiskraut.

Imker Groß: Landratsamt soll die Staude ausreißen lassen

Es ist eine heimische Pflanzenart, die dieses Jahr schon Mitte Juli mit vielen gelben Blütenkörbchen zu blühen begonnen hat. Seinen Namen hat es vom St. Jakobstag, dem 25. Juli, um den herum früher seine Blüte einsetzte. Ja, früher. Da galt das Kraut auch tatsächlich als Heilmittel, wie dem neuen Kosmos-Pflanzenführer „Was blüht denn da?“ zu entnehmen ist, „bei Zuckerkrankheit, Blutungen und Wunden“. Dies sei aber nicht mehr zu empfehlen, warnt das Lexikon. Inzwischen weiß man, dass die Pflanze sich nicht nur durch einen extrem bitteren Geschmack vor dem Gefressenwerden schützen will, sondern auch (Achtung, Zungenbrecher) Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) enthält, die für Säugetiere in hoher und dauerhafter Dosierung giftig sein können. Das Zeug wird vom Körper nämlich nicht abgebaut, sondern reichert sich in der Leber an und führt dann langfristig zu Leberschäden oder auch Krebs.

Wolfgang Groß nun hat sich von Fernsehberichten aufschrecken lassen. Imker mussten ihren Honig vernichten, in dem große Mengen dieser PA gefunden wurden. Wehret den Anfängen, findet er, und fordert, dass „das Straßenbauamt das Jakobskreuzkraut herausreißen“ soll.

Land will die Pflanze eindämmen, aber nicht ausrotten

Aus dem zuständigen Landratsamt (die Südumgehung ist eine Landesstraße) kommt auf unsere Anfrage zunächst eine diplomatische Antwort nach dem Motto „Gefahr längst erkannt“. Pressesprecherin Sandra Weiß schreibt: „Unsere Kollegen im Straßenbauamt und auch der Betriebsdienst verwenden aktuell keine Saatgutmischungen, in denen das Jakobskreuzkraut enthalten ist. Ganz im Gegenteil: Aufgrund von vermehrten Vorkommen des giftigen Jakobskreuzkrauts müssen große Flächen in der Nähe von Weiden oder Heuwiesen, auf denen das Kraut vorkommt, regelmäßig gemäht oder gemulcht werden, um die weitere Verbreitung zu verhindern.“ Das ist, merkt sie mündlich an, natürlich oft schade und führt wiederum zu Protesten aus der Bürgerschaft, die sich doch Nahrung für Insekten wünscht. Sandra Weiß ergänzt schriftlich: Wenn Mulchen nicht möglich sei, gebe es den noch arbeitsintensiveren „Schröpfschnitt vor Beginn der Blüte, der das Aussamen und damit die weitere Ausbreitung des Jakobskreuzkrauts verhindert. Grundlage hierfür ist ein Erlass des Regierungspräsidiums Stuttgart.“

Konzept für die Belange der Säugetiere und der Insekten

Unsere Redaktion schickt ein Foto nach Waiblingen, denn bei Birkmannsweiler fangen einige Stauden jetzt, Anfang August, schon an auszusamen. Andere sind noch klein und können bis in den September hinein blühen. Sie finden sich auch gegenüber der Böschung an der Einfahrt zum Industriegebiet. Dahinter auf der Weide grasen manchmal Pferde. Sandra Weiß reagiert einen Tag später auf das Foto, bestätigt, dass es wirklich Jakobskreuzkraut sei: „Die Kollegen werden sich der Sache im Rahmen des Pflegekonzeptes, welches auf Erlass des Landes aufgesetzt wurde, annehmen.“ Und das, erläutert sie, ist sehr differenziert von Fachleuten ausgetüftelt worden, die offenbar beide Belange, die der Säugetiere und die der Insekten, berücksichtigt haben. „Es ist nicht Ziel der Landesregierung, die einheimische Pflanzenart auszurotten, sondern einzudämmen. Und das grundsätzlich nur dort, wo eine unmittelbare Gefahr für benachbarte Weideflächen oder Heuwiesen ausgeht. Steht das Jakobskreuzkraut mehr als 100 Meter von Weideflächen oder Heuwiesen entfernt, so besteht nur ein sehr geringes Risiko des ,Einwanderns’ und eine Bekämpfung ist ausdrücklich nicht notwendig.“ Auch wenn sich die Kollegen drum kümmern, so gehe es „ausdrücklich nicht darum, jede Pflanze am Straßenrand zu erwischen“.


Nabu: Keine Panik

Ein Bericht des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein, der schon vor rund zehn Jahren einer „medialen Panikmache“ mit einem Artikel begegnete, sollte Wolfgang Groß, Imker und Honiggenießer beruhigen. Darin steht erstens, dass Honigbienen überhaupt nicht gern das Jakobs-Kreuzkraut anfliegen. Zweitens haben wissenschaftliche Untersuchungen von Honig, der in einer Kreuzkraut-Monokultur gesammelt wurde, nur 15 Prozent entdeckt, wo der PA-Wert als bedenklich eingestuft wird. Da der zweite Honig (Sommerhonig) aber normalerweise Anfang bis Mitte Juli geschleudert wird, stellt der Nektar sowieso kein Problem dar, weil die Bienen, wenn überhaupt, erst danach aufs Kreuzkraut gehen.

Der Nabu verweist vielmehr auf den Nutzen des einheimischen Krauts für andere und teilweise sehr seltene Arten wie Wildbienen und Flohkäferarten. In Schleswig-Holstein habe die mediale Panikmache in einem Fall dazu geführt, dass Bürger „nicht das Jakobs-Kreuzkraut, sondern andere, ähnliche Pflanzenarten in einem gesetzlich geschützten Biotop säckeweise ausgerissen haben.“ Auweia.