Winnenden

Waldbad im Duft der blühenden Kiefern - Winnender Karl-Josef Hartmann gibt Kurse für Achtsamkeit

Waldbaden
Karl-Josef Hartmann hält eine Zimbel in der Hand – hinter dem ausgebildeten Waldbaden-Kursleiter machen zwei Teilnehmer eine Perspektivwechsel-Übung mit kleinen Spiegeln. © ALEXANDRA PALMIZI

Vor zehn Jahren hat kein Mensch vom Waldbaden geredet, jetzt ist die aus Japan stammende Achtsamkeitspraxis „Shinrin Yoku“ ein Trend. Wem das Spüren, Hören, Sehen und Tasten abhandengekommen ist, kann dies zum Beispiel in Karl-Josef Hartmanns Kursen wieder lernen. Der 66-jährige Hertmannsweilermer war Lehrer, letztes Jahr hat er sich im Ruhestand noch zum Kursleiter für Waldbaden und Achtsamkeit im Wald ausbilden lassen.

Bewegenmüssen? Der Unterschied zum Joggen, Spazierengehen, Wandern

Ohne Frage habe ein Spaziergang im Wald auch eine wunderbare erfrischende Wirkung, Waldbaden bedeute aber mehr, erklärt Karl-Josef Hartmann. „Ich leite die Menschen an, wieder bei sich selbst anzukommen anstatt an einem geografischen Ziel“, sagt Hartmann. In den Kursen trainiert er „die Sinne für die Bedeutung der Natur und für die eigene Achtsamkeit.“

Viele hören seiner Meinung nach zu wenig auf sich, ihren Körper und ihr Wohlbefinden. „Es scheint, sie haben den Bezug zur Natur verloren.“ Wen wundert’s? Der Bummelgang passt so gar nicht in unseren planvollen Wusel-Alltag, in dem wir alles schnell-schnell „erledigen“ und „abhaken“: Bei der Arbeit schnell noch was zu Ende kriegen, auf die Schnelle bei der Fahrt in den Feierabend noch was einkaufen. Schnell das Handy checken, letzte Nachrichten raus. Will noch jemand was? Kochen, Haushalt und davor, bloß nicht vergessen, noch schnell was für den Körper machen. Dem „10 000-Schritte-pro-Tag-Hype“ unterworfen, packen wir das „Bewegenmüssen“ also auch noch schnell mit rein. Und wie geht es uns damit? Wo bleibt die Muße? Das Innehalten? Machen wir nach Ansicht des Waldbadenden viel zu wenig.

„Wir wollen beim Spazierengehen oder Joggen an ein Ziel kommen. Dabei wird vergessen, achtsam zu sein und wahrzunehmen, was um einen herum passiert.“ Beim Waldbaden gehe es darum, zum richtigen Zeitpunkt nichts zu tun, nichts zu wollen und vor allem nirgendwo hin zu müssen. Außer: auf einer Bank sitzen, die Ohren spitzen, ein Insekt beobachten und wenn die Kiefer blüht, ihren den Duft einatmen. Wind-Licht-Schatten-Spiele wirken lassen, „da kann man sich drin verlieren“. Und dann: „Schauen, was macht der Wald mit einem?“

Farben und Formen: Was der Fotograf im Wald entdeckt

Für manche Übungen verlässt Hartmann den aufrechten Gang: „Wir schauen auf dem Boden liegend in die Baumkronen, ein Ast kann plötzlich aussehen wie ein Schwert oder ein Ruder oder die Farbschattierungen von unterschiedlichem Laub ziehen uns in den Bann.“

Und was bringt es, einen kleinen Pilz anzustarren, einen Baum zu betatschen, den Wald einzuatmen oder Strukturen in einem Stück Moos zu erspähen? Waldbaden besänftigt das aufgedrehte Gemüt, das Ertasten eines Baumes entschleunigt unruhige Gedanken, die Natur macht den Fächer der Sinneseindrücke weit auf, erläutert Hartmann: Beim „absichtslosen Schlendern“ könne er seine Gedanken „leeren“, sich an kleinen Sachen erfreuen, Bilder erkennen, sagt der gelernte und inzwischen pensionierte Fotograf und „Augenmensch“.

Karl-Josef Hartmann hat als Berufsschullehrer an der Stuttgarter Johannes-Gutenberg-Schule Fotografen ausgebildet. Auf der Messe Caravan-Motor-Touristik (CMT) 2020 sei er mit einer Waldbaderin in Kontakt gekommen, habe einen Schnupperkurs gemacht und beschlossen: „Diese Form, im Wald zu sein, möchte ich gerne anderen vermitteln.“ Seit seinem Lehrgang an der deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit in der Pfalz leitet er Menschen an, visuell auf die Pirsch zu gehen.

Was stresst? Der Blick durchs Passepartout

Weitere beliebte Übungen, zu deren Beginn und Ende Hartmann eine Zimbel erklingen lässt: im Kreis drehen und 360 Grad hören mit geschlossenen Augen. „Wir probieren, störende Geräusche wegzuhören.“ Ein vorbeifahrendes Auto könne einem nichts anhaben, wenn „ich mich konzentriere auf das Rascheln im Laub“. Nachweislich werde dabei das Stresshormon Cortisol abgebaut.

Mit Tastsinnübungen lenkt er den Fokus vom Großen zum allerkleinsten Detail, bis zu jeder einzelnen Wurzel. „Wir lassen gedanklich Wurzeln in den Boden wachsen, im übertragenen Sinne wachsen wir zu einem „Ursprung“, zu einem „Kern“, den wir oft vernachlässigen.“

Seinen Teilnehmern bringt Hartmann verschieden große Passepartouts mit, um den Blick zu schärfen. Das lasse sich übertragen auf den Alltag: „Zuerst habe ich das Grobe im Überblick, in Schritt zwei schaue ich, wo ich gerade ein Problem habe und was mich gerade so stresst.“ Sich selbst zu reflektieren, sei wichtig. „Man kann zwar mit unliebsamen Wahrheiten konfrontiert werden, aber letztlich ist es etwas Positives, denn es bringt einen Menschen ja weiter.“

Seit er selbst nicht mehr „Strecke macht“, sondern staunend und entschleunigt durch den Wald spaziert, habe Karl-Josef Hartmann das Gefühl, achtsamer mit der Natur und seinem Körper umzugehen. Er sei schon immer naturverbunden und seit der Kindheit viel draußen. „Meinen Ausgleich zum beruflichen Schulalltag habe ich immer in der Natur gefunden“, sagt er. „Jetzt hat das Waldbaden mich gefunden.“

Wie kam es zum Trend Waldbaden? Vier Fragen an Karl-Josef Hartmann

Kann man auch im Winter waldbaden oder bei der momentan herbstlich anmutenden Kälte?

Klar, das geht. Zwischen den einzelnen Übungen gehen wir in flottem Tempo ein Stück, um uns aufzuwärmen. Das frische grüne Laub ist schön, aber auch im Winter hat das Waldbaden seinen Reiz.

Warum findet Waldbaden gerade jetzt bei uns so viele Anhänger?

Die Menschen haben ein Bedürfnis, der Hektik zu entfliehen und den Stresspegel zu senken. Die Anforderungen, Erwartungen und Ansprüche nehmen stetig zu, das kann krank machen. Sie wünschen sich einen wohltuenden, entspannten Ort, um zur Ruhe zu kommen. Ich finde es total spannend, zu beobachten, wie die Leute sich in sich selbst verlieren und alles drum herum vergessen.

Warum sollten Menschen in den Wald?

Er ist eine Gesundheits- und Kraftquelle. Man verwurzelt sich mit Mutter Erde, mit der Natur. Vom Wald lernt man viel über den Naturkreislauf, viel über Respekt, Nähe, Achtsamkeit und Wertschätzung für die kleinen Dinge, das entstresst, ebenso besinnt man sich beim Waldbadekurs darauf, wie der Wald durch uns in Stress gerät.

Was sind gute Stellen fürs Waldbaden rund um Winnenden?

Ein ebenes Waldstück mit großer Baumvielfalt und ohne Unterholz ist ideal, damit keine Tiere im Wald gestört werden. Für meine Kurse muss ich mir alle Stellen durch die Besitzer genehmigen lassen - egal ob Privat-, Kommunal- oder Staatswald. Die jeweils zuständigen Forstbehörden müssen dies ebenfalls genehmigen. Wer allein meditiert, muss das nicht. Ich mache Kurse mit mehreren Personen, aber gerne auch nur mit einer oder zwei.

Vor zehn Jahren hat kein Mensch vom Waldbaden geredet, jetzt ist die aus Japan stammende Achtsamkeitspraxis „Shinrin Yoku“ ein Trend. Wem das Spüren, Hören, Sehen und Tasten abhandengekommen ist, kann dies zum Beispiel in Karl-Josef Hartmanns Kursen wieder lernen. Der 66-jährige Hertmannsweilermer war Lehrer, letztes Jahr hat er sich im Ruhestand noch zum Kursleiter für Waldbaden und Achtsamkeit im Wald ausbilden lassen.

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